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23.04.2004
 

Zugunglück

Nordkorea spricht von hunderten Toten

Langsam wird das Ausmaß der verheerenden Explosion zweier Güterzüge in Nordkorea deutlich. Laut dem britischen Außenministerium schätzt Nordkoreas Regierung die Zahl der Toten auf mehrere hundert. Mehrere tausend Menschen sollen verletzt worden sein. Das verarmte Land ist kaum in der Lage, die Verwundeten zu versorgen.



Satellitenaufnahme des Unglücksorts (Archiv): "Enormes Chaos"
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REUTERS/ DigitalGlobe

Satellitenaufnahme des Unglücksorts (Archiv): "Enormes Chaos"

Pjöngjang - Noch immer gibt es keine aktuellen Bilder von der Unglücksstelle, geschweige denn offizielle Presseinformationen aus Pjöngjang über das Ausmaß der Katastrophe. Am Abend gab das britische Außenministerium dann bekannt, es habe offizielle Informationen der kommunistischen Regierung erhalten.

Danach hat das Zugunglück mehrere hundert Menschenleben gefordert, wie der britische Botschafter in Nordkorea, David Slinn, am Freitag unter Berufung auf offizielle nordkoreanische Stellen sagte. Vermutlich seien mehrere tausend Menschen verletzt worden. Viele von ihnen seien möglicherweise noch unter den Trümmern von Häusern begraben, die nach der Explosion eingestürzt seien.

Wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete wurden durch die Explosion neben dem Bahnhof auch Schulen und Wohnungen im Umkreis von 500 Metern dem Erdboden gleich gemacht. Unter Berufung auf chinesische Augenzeugen hieß es, zur Unglückszeit hätten sich 500 Menschen am Bahnhof aufgehalten.

In der nordkoreanischen Grenzstadt Sinuiju, in der viele Opfer in Krankenhäusern unterangebracht sind, herrscht nach Rot-Kreuz-Angaben ein eklatanter Mangel an Medizin und selbst einfachen Verbandsstoffen. "Es wird überwiegend auf Naturmedizin gesetzt", sagte Tim Goydke vom Ostasiatischen Verein in Hamburg.

Die nordkoreanischen Krankenhäuser seien "in keiner Weise" auf die Folgen der Explosion, vor allem auf die Behandlung schwerer Verbrennungen vorbereitet, sagte Hellmut Giebel, Asien-Experte des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), gegenüber "Tagesschau.de". "Man kann nur hoffen, dass der nordkoreanische Staat Hilfe von außen erlaubt."

Und das hat die Regierung inzwischen getan. Nach dem offiziellen Hilfeersuchen der nordkoreanischen Regierung reist ein Team aus Uno-Vertretern, Rot-Kreuz-Mitarbeitern sowie Hilfsorganisationen und Diplomaten morgen zum Unglücksort. Das Team soll nach Angaben der Uno zehn bis 20 Experten umfassen. China, Russland und Südkorea boten Hilfe an, aber auch Deutschland und die Schweiz.

Einen Tag nach dem Inferno brach das von Außenwelt abgeschottete Nordkorea sein Schweigen und gab die Zahl der Toten mit 54 an. Beim chinesischen Roten Kreuz in Peking verlautete außerdem, 1249 Menschen seien verletzt worden. Die irische Hilfsorganisation "Concern" hingegen sprach unter Berufung auf Mitarbeiter in Nordkorea von 150 Toten. Nach Angaben des schwedischen Botschafters in Pjöngjang sind schon 100 Leichen aus den Trümmern geborgen worden. Nach Einschätzung des Rot-Kreuz-Sprechers in Peking, John Sparrow, liegt noch "eine beträchtliche Zahl von Opfern unter den Trümmern". Außerdem herrsche in der 130.000-Einwohner-Stadt "ein enormes Chaos", sagte Sparrow.

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Zur genauen Explosionsursache gab es heute weiterhin unterschiedliche Meldungen. Beim Ankoppeln einer Lokomotive an einen Güterzug seien Funken aus der Oberleitung auf zwei Waggons mit Dynamit übergesprungen, berichtete der CSU-Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk unter Berufung auf nordkoreanische Informanten. Auch in dem kommunistischen Land selbst war von zwei Waggons mit Sprengstoff - angeblich für den Tunnelbau - die Rede. Nach Angaben der chinesischen Botschaft in Pjöngjang war möglicherweise auslaufendes Ammoniumnitrat in einem von zwei beteiligten Zügen die Ursache.

Südkoreanische Medien hatten zuvor berichtet, möglicherweise seien bis zu 3000 Menschen getötet oder verletzt worden, als zwei mit Brennstoff beladene Güterzüge am Donnerstag im Bahnhof von Ryongchon zusammengestoßen und explodiert seien. Das Unglück ereignete sich vermutlich auf einer Nebenstrecke zwischen China und Pjöngjang. Nach Angaben des chinesischen Zolls fahren Fracht- und Personenzüge auf der Hauptachse "völlig normal".

Bundespräsident Johannes Rau sprach Nordkorea seine Anteilnahme aus. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) schrieb in einem Kondolenztelegramm an den nordkoreanischen Premierminister Pak Pong Ju: "Meine Gedanken sind bei den Hinterbliebenen, die Verwandte oder Freunde verloren haben, und bei denen, die bei dem Unglück Verletzungen erlitten."

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