Von Sandra Schulz, Stefan Pielow (Fotos)
Mindestens ein halbes Jahr vor Abreise beginnt Joos mit Vorbereitungen. Er geht joggen, reiten, wandern oder zieht sich in die Mansarde zurück, um die Munition selbst zu laden. Aus leeren Patronenhülsen macht er mit Zündhütchen, Pulver und Kugeln neue Patronen, die optimale Munition für seine Gewehre. Er hat ein Computerprogramm zu Hause, das die Bahn des Geschosses berechnet. Er zeichnet Tierfilme im Fernsehen auf, beim Betrachten spult er immer wieder zurück. "Als ob sich eine riesige Blutwurst fortbewegt", so sieht das Walross aus an Land. Und so grazil, so schwerelos dreht es sich im Wasser um die eigene Achse, "wie beim Wasserballett". Joos ist begeistert. Das Walross: "Primaballerina" im Meer, "urtümliches Vieh", seit zig Millionen Jahren auf dem Planeten, so anpassungsfähig an seine lebensfeindliche Umwelt, die Arktis, so imposant, dazu dieser kindlich-naive Gesichtsausdruck, der so eine Ruhe, so eine Gelassenheit ausstrahlt. Und wenn sich das Tier dann noch mit der Flosse kratzt ...
Joos besorgt sich Fachbücher und studiert die Anatomie des Walrosses. Wo fängt der Kopf an? Wo liegt das Gehirn? Er lernt, wohin er zielen muss. 20 Zentimeter hinter dem Auge muss die Kugel hin. Es gibt keine Alternative zum Kopfschuss. Wer findet schon auf Anhieb das Herz in dieser beweglichen Masse? Joos weiß: Er will von der Seite töten, von vorne ist nicht gut. Zu groß ist die Gefahr, dass man die Hauer trifft und das Elfenbein splittert. Am Ende wäre die Trophäe im Eimer. Joos freut sich. Er wird auf dem Meer jagen, Eisberge zum Greifen nahe, die Wellen werden ihn in der Koje in den Schlaf wiegen, und wenn er aufwacht, wird der Inuit die Harpune nehmen und er seine Steyr Mannlicher, und sie werden sich ein Walross suchen, sein Walross.
Oskar wurde vielleicht 15 oder 20 Jahre alt. Der Bulle hatte viel gekämpft in seinem Leben, die gelben Hauer sind voller Kerben und Kratzer, am linken Stoßzahn ist ein Stück abgebrochen. Seinen letzten Kampf hat er verloren, und für Roger Joos beginnt erst jetzt, in der Kälte Grönlands, an Bord eines Fischkutters, die eigentliche Arbeit: das Abhäuten und Zerlegen.
Mit dem Metzgermesser fährt er über den Rücken des Walrosses, immer an der Wirbelsäule entlang, damit sich die Haut auf beiden Seiten runterklappen lässt. Der nächste Schnitt geht einmal rundherum und teilt den Kadaver in Rumpf und Schädel. Für das Kopfpräparat braucht Joos nur den vordersten Meter Haut. Also löst er vorsichtig den Schädel heraus, stets darauf bedacht, nicht aus Versehen die Augenlider, die Lippen oder die Nasenlöcher des Tieres zu zerschneiden. Allein die Kopfhaut mit der dicken Fettschicht wiegt 80 Kilogramm. Zwei Tage, von morgens bis abends, hobelt Joos die Gewebeschicht ab, er drückt das Gewicht auf 22 Kilogramm. Dann faltet er die Kopfhaut des Walrosses zu einem kompakten Bündel zusammen und steckt sie in einen Seesack. Er wird sie später mit ins Flugzeug nehmen, als Handgepäck.
Doch noch bleibt einiges zu tun. Das Gehirn muss mit einem Schlauch weggespült werden, der blutige Schädel ein paar Stunden auskochen. Geekelt, sagt Joos, habe er sich bei der Arbeit nie. Im Gegenteil. So bitterkalt war es im Eis, dass er ab und zu seine Hände an den Innereien der Tierleiche wärmte.
Das Fleisch, das von Oskar übrig blieb, nahmen die Inuit gerne. Früher aßen die Ureinwohner der Arktis auch den Mageninhalt des Walrosses: vorverdaute Muscheln. Denn für sie ist das Tier nicht nur Teil von Märchen und Legenden - das Nordlicht, heißt es, erscheint am Himmel, wenn die Ahnen mit dem Kopf eines Walrosses Ball spielen. Die riesige Robbe ist traditionell auch Großlieferantin. Die Haut gibt gutes Hundefutter, und aus dem widerstandsfähigen Material lassen sich kräftige Lederriemen, Überzüge für die Boote und Sprungtücher herstellen. Die Hauer eignen sich hervorragend für Schnitzereien, Schmuck und Werkzeug - oder für Harpunenspitzen.
Als Roger Joos in den achtziger Jahren zum ersten Mal in Kanada jagte, konnten die Inuit es kaum fassen: Warum reist dieser Weiße um die halbe Welt, warum bezahlt er so viel und nimmt dann etwas mit nach Hause, was man nicht essen kann? Mittlerweile, sagt Joos, sind die Trophäenjäger in Nordamerika, Sibirien und Grönland als Geldbringer hochwillkommen. Das sagt Joos auch denjenigen, die seine Leidenschaft nicht verstehen. Er sagt ihnen, dass sein Hobby Arbeitsplätze schaffe. Viele Einheimische, ob in der Arktis oder in Afrika, verdienen ihr Geld mittlerweile als Jagdführer. Er sagt, dass es notwendig sei, den Tierbestand zu regulieren, dass mit dem Geld für die Abschusslizenzen Nationalparks und Wildhüter bezahlt würden. Er sagt, dass die Behörden über die Einhaltung des Washingtoner Artenschutzabkommens wachen, dass die Jagd legal sei. Aber für manche ist und bleibt er einfach "der Bambikiller". Und oft hat Joos auch keine Lust, sich zu rechtfertigen. Zumal wenn seine Kritiker selbst gern ihren Rehrücken essen.
Nur manchmal beschleicht ihn ein komisches Gefühl, wie damals in Sibirien, als eine Gruppe von Jägern kurz hintereinander fünf Walrösser schoss. Joos mag es nicht, wenn die Patronenhülsen nur so fliegen wie bei einem Überfall. Kein "Gemetzel", kein "Massaker" soll die Jagd sein, sondern eine ordentliche, saubere Angelegenheit. Wenn ein verwundetes Tier flieht, sucht er es und gibt ihm den Gnadenschuss. Auch wenn das für Joos lebensgefährlich werden kann, "das ist ein Stück Anstand". Und in Situationen, in denen er das Wild kaum tödlich treffen kann, probiert er es gar nicht erst. Joos sagt, er sei tierlieb. Bei seiner Freundin zu Hause schläft er gern mit der Katze auf dem Bauch.
Ab und zu fasst Roger Joos seine Trophäen an, "um das Vieh mal wieder zu spüren". Dem Leoparden streicht er über den Rücken, dem Steinbock greift er in den Kinnbart. Ein bisschen stolz sei er schon, wenn er ein Präparat aufhänge. Schließlich ist das der Beweis: "Ich hab's geschafft." Die Beute ist das "originale Erinnerungsstück"; die Fotos, die Harpunenspitze sind nur Zubehör. Was zählen die schon gegen das Fell vom Moschusochsenhodensack? Oder den Penisknochen vom Walross, 54 Zentimeter ist er lang, der jetzt auf der Hutablage liegt? Oskars sibirischen Bruder hat Joos erlegt, "um die Sammlung komplett zu haben". Es gibt nur zwei Arten: das Atlantische und das Pazifische Walross. Jetzt hat er sie beide. Außerdem ist die Jagd auf das einzige Meeressäugetier, das zum Großwild zählt, noch immer etwas Exklusives.
Nur wenige Lizenzen pro Jahr treten die Inuit an ausländische Jäger ab. Für die Walrossjagd im Fernen Osten hat Joos um die 8000 US-Dollar gezahlt, ohne Nebenkosten. Der Preis für Oskar war ein Gelenk am rechten Zeigefinger. Während der Arbeit am toten Walross hatte er sich einen Kratzer zugezogen, die Wunde entzündete sich, der Eiter zerfraß den Knochen, das Gelenk musste entfernt werden. Wenn es zur Amputation gekommen wäre, sagt Joos, hätte er Eigentumsvorbehalt geltend gemacht und den Finger mit nach Hause genommen. Dann stünde heute irgendwo eine schöne, mundgeblasene Flasche, mit Spiritus gefüllt, das Datum der Jagd eingraviert ins Glas. In der Flasche: ein Teil von Joos' Körper. Eine Trophäe unter vielen.
Die Autorin Sandra Schulz entwickelt sich zur Spezialistin für Tierhäute: In mare No. 41 erzählte sie die Kulturgeschichte des Schildpatts. Fotograf Stefan Pielow war verwundert, wie kenntnisreich Joos das Schießen betreibt. Ausführlich erläuterte der Jäger ihm, wie man einen Todesschuss platziert. Richtig gemacht, "weiß das Tier bis heute nicht, dass es überhaupt gestorben ist".
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