Hamburg - In einem Brief an die 120 Verbandsmitglieder, der heute herausgeht und dem SPIEGEL vorliegt, nennt Olbrisch ausdrücklich das RTL-II-Format "Big Brother", wo ein Schönheitschirurg am Donnerstag seinen Antrittsbesuch machte und in Kürze eine Insassin operiert werden soll, sowie "The Swan", das von Herbst an bei ProSieben laufen wird. "In Fernsehshows wie 'Big Brother' oder 'The Swan'", so Olbrisch, "in denen sich ohne erklärbare medizinische Begründung (...) junge Menschen durch gezielte Verletzung ihrer Körperoberfläche umformen lassen, stoßen von beiden Seiten Charakterkrüppel aufeinander."
Olbrischs dringender Appell an seine Kollegen: "Hüten wir uns, in die falsche Öffentlichkeit und in die falschen Hände des falschen Kommerzes zu geraten." Auch VDÄPC-Seniorpräsidentin Constanze Neuhann-Lorenz spricht mit Bezug auf das bereits angelaufene MTV-Format "I Want a Famous Face", in dem Jugendliche sich nach dem Vorbild von Stars wie Brad Pitt und Kate Winslet umoperieren lassen, von "schrecklichen Auswüchsen" und kritisiert ihre mitwirkenden Standeskollegen. "Was wir machen, ist eine ärztliche Tätigkeit, wir behandeln Patienten und verkaufen nicht die Ware Schönheit - das passt nicht zusammen."
Die deutschen Privatsender blasen das Thema plastische Chirurgie derweil zu einem regelrechten Programmschwerpunkt auf. RTL II startet am 19. August mit einer zehnteiligen Doku-Serie namens "Letzte Hoffnung Skalpell - Schönheit um jeden Preis", RTL zieht im Herbst mit "Alles ist möglich" nach. Neben diesen Doku-Soaps wird es auch zwei fiktionale Serien zum Thema geben: Premiere startet Anfang September mit der amerikanischen Erfolgsreihe "Nip/Tuck", die in der Praxisgemeinschaft von zwei recht unterschiedlichen Schönheitschirurgen in Miami spielt und die Ende des Jahres auch auf ProSieben zu sehen sein wird. RTL kontert mit dem deutschen Abklatsch "Beauty Queen", in dem Carsten Spengemann und Ex-Balko Jochen Horst ihre Skalpellkünste beweisen.
Die Union drängt indes auf ein Verbot von Fernsehshows, in denen sich junge Frauen einen Wettbewerb um Schönheitsoperationen liefern sollen. Es sei "unerträglich, Menschen auf diese Weise als lebende Barbie-Puppen zu benutzen und ihre Umwandlung im Fernsehen öffentlich zur Schau zu stellen", sagte die Verbraucherschutzexpertin der Unions-Fraktion, Gitta Connemann (CDU), der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Sie rief dazu auf, "solche Sendungen erst gar nicht zu starten". Andernfalls müsse mit einer entsprechenden Ergänzung von Rundfunkstaatsverträgen dafür gesorgt werden, die Ausstrahlung solcher Shows zu untersagen, sagte Connemann.
Die CDU-Politikerin beklagte auch eine "total ausufernde Entwicklung" im Bereich von Schönheitsoperationen. Die Zahl derartiger Eingriffe sei nach offiziellen Angaben von 109.000 im Jahr 1990 auf 660.000 im Jahr 2002 dramatisch gestiegen. Da von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden müsse, dürfte die Zahl der Operationen tatsächlich bei etwa einer Million liegen, erklärte Connemann. Sie nannte es Besorgnis erregend, dass ein besonders starker Anstieg bei Jugendlichen zu verzeichnen sei.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH