Wellington - Die Menschen in Pitcairn sind stolz auf ihre Geschichte, stolz auf den Steuermannsmaat Fletcher Christian, der für sich und acht Matrosen vor mehr als 200 Jahren ein Leben in Freiheit erkämpfte. Er zettelte eine Meuterei auf der "Bounty" an, auf dem Segelschiff, das der gestrenge Kapitän William Bligh im Dienste der britischen Krone durch die Südsee steuerte.
Fünf Monate lang hatte die Mannschaft zuvor auf Tahiti verbracht. Dort lernten die Matrosen, das süße Leben zu genießen: Palmen, Sonne, Frauen. Fletcher Christian nahm sich sogar eine Eingeborene zur Frau. Doch dann war die Idylle zu Ende: Der Kapitän befahl die Abreise. Durch die Kürzung von Essen und Rum wollte er die Männer einschüchtern - und erreichte das genaue Gegenteil: Sie setzten Bligh und 18 weitere Besatzungsmitglieder in einem Beiboot aus, dann segelten sie zurück, um die zurückgelassenen Frauen und einige einheimische Männer an Bord zu nehmen. Die Insel Pitcairn, menschenleer und weit draußen im Pazifik gelegen, wurde schließlich die Heimat der neun Meuterer, sechs polynesischer Männer und zwölf Frauen.
Heute leben noch 44 Menschen auf dem fruchtbaren Eiland. Sie begreifen sich als direkte Nachfahren der Meuterer, und einige von ihnen stellen mit dieser Argumentation nun sogar die britische Hoheit in Frage. Allerdings geht es den sieben Männern vor allem um eins: Das Recht der Krone soll in ihrer Heimat nicht gelten. Den Männern wird nämlich Missbrauch, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung in 96 Fällen vorgeworfen. Unter ihren Opfern sollen auch Kinder sein. Während das in Großbritannien natürlich als Verbrechen geahndet wird, scheinen die Inselbewohner das anders zu sehen. Dem "New Zealand Herald" sagte kürzlich ein Nachfahre Fletcher Christians, der Vorwurf der sexuellen Nötigung beruhe auf anderen kulturellen Werten. Und ein anderer Einwohner wird zitiert: Sex mit 12-Jährigen sei auf der Insel relativ normal.
Die Entscheidung, ob Pitcairn britisch ist oder nicht, ist also Grundlage für den Missbrauchsprozess, der im September beginnen soll. Die Anwälte der Beschuldigten bekräftigen, dass die 4,35 Quadratkilometer große Insel unabhängig sei. Schließlich habe damals die Besatzung die unter britischer Flagge fahrende "Bounty" in Brand gesteckt, was wohl Zeichen genug dafür sei, dass die Meuterer den damals unbewohnten Flecken nicht fürs Vaterland eingenommen hätten. Die Staatsanwaltschaft erklärte dagegen, in Pitcairn gelte natürlich britisches Recht. 1887 wurde die Insel zur Kolonie erklärt, seither besitzen die Einwohner britische Pässe. Und bis zum jetzigen Zeitpunkt, so Staatsanwalt Keiran Raftery, habe sich auch noch kein Einwohner darüber beklagt.
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