Gonaives - Die drittgrößte Stadt des Landes stand heute Morgen noch unter Wasser. Etwa 80 Prozent der 250.000 Einwohner von Gonaives sind nach Uno-Angaben von den Wassermassen betroffen. Hunderte Menschen flüchteten sich vor mehreren Meter hohen Überschwemmungen auf die Dächer ihrer Häuser. Rettungskräfte versuchten, gestrandete Menschen zu retten und die ersten Leichen zu bergen.
Rund ein Drittel der Opfer, die im Krankenhaus von Gonaives aufgebahrt sind, waren Kinder. In der Stadt Port-de-Paix gab es 56 Tote. Aus vielen kleineren Ortschaften liegen noch keine Berichte vor. Rettungskräfte, vor allem Blauhelme, bemühen sich, Überlebende mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen. Hubschrauber sind im Einsatz.
Nach Angaben der Hilfsorganisation Care sind die Folgen von "Jeanne" auf Haiti verheerender als zunächst angenommen. Nach zwei Tagen anhaltenden Regens behindern die katastrophalen Überflutungen erste Hilfsmaßnahmen auf der Insel. "Care wird eine umfassende Hilfsaktion starten, sobald das Wasser weicht", sagte Abby Maxman, Länderdirektorin von Care in Haiti. Der Zugang zu anderen betroffenen Städten und Dörfern sei wegen des Hochwassers schwierig. Am schlimmsten betroffen seien die ärmsten Bewohner im Norden und Nordwesten Haitis. Viele von ihnen leben an Berghängen und in sonst trockenen Flussläufen, die nun durch Schlammlawinen und blitzartig steigende Wasserpegel zu Todesfallen wurden. Ein Care-Mitarbeiter war am Sonntag bei dem Versuch ums Leben gekommen, andere aus den Fluten zu retten, teilte die Organisation mit.
Viele Menschen suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen: "Ich habe meine Kinder verloren", klagt der 35-jährige Jesner Estimable, der die Leiche seiner zweijährigen Tochter argentinischen Soldaten übergab, um nach seinem zweiten Kind zu suchen. "Alles, was mit geblieben ist, sind Verzweiflung und die Kleider, die ich trage", so Estimable.
Ein Sprecher der Uno-Vertretung in Haiti sagte, mit dem Rückgang des Hochwassers würden wahrscheinlich noch etliche weitere Opfer geborgen. Vertreter des Katastrophenschutzes in Gonaives erklärten, auch für die Überlebenden sei die Lage katastrophal. Sie bräuchten alles, von Trinkwasser über Lebensmittel bis zu Kleidung und Medikamenten. Hunderte Menschen sind obdachlos.
In der benachbarten Dominikanischen Republik kostete der Sturm mindestens elf Menschen das Leben, wie die Behörden mitteilten. Der zweitägige heftige Regen durch den Tropensturm hatte in Haiti am Wochenende besonders verheerende Auswirkungen, weil es dort kaum noch Wälder gibt, die die Fluten zurückhalten könnten. Erst vor vier Monaten kamen an der Grenze zur Dominikanischen Republik vermutlich mehr als 3000 Menschen bei Überschwemmungen ums Leben.
"Jeanne" befindet sich mittlerweile rund 600 Kilometer nordöstlich der Bahamas und soll sich Experten zufolge bis Dienstag weiter nach Osten bewegen. Damit ist kein Festland mehr unmittelbar von dem Sturm bedroht.
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