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27.09.2004
 

Jugendpsychiatrie

Schnitte ins eigene Fleisch

Von Jörg Diehl

Sie schneiden, verbrühen und verbrennen sich, sie brechen sich im Extremfall gar Knochen oder reißen sich Haare aus - so genannte Ritzer. Die Zahl der Jugendlichen, die sich selbst verletzen, ist stark gestiegen. Besonders Mädchen und junge Frauen sind betroffen.

Rasierklinge: "Suche nach Erlösung"
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Ver.di

Rasierklinge: "Suche nach Erlösung"

Die Schülerin aus Berlin-Neukölln war gerade elf, als sie sich das erste Mal in den Unterarm schnitt. Sie hatte sich auf der Toilette eingeschlossen, den linken Ärmel ihres Pullovers hochgeschoben und furchte mit einer Glasscherbe ihr eigenes Fleisch. Das Mädchen - missbraucht vom Stiefvater, abgeschoben von der Mutter, Pflegefamilien, Heimkind - spürte den Schmerz und sah sich bluten. Und wusste plötzlich wieder, "dass ich noch da bin".

Die Hauptschülerin ist heute 14, ein kräftiges Mädchen mit dunklen Haaren und blassem Gesicht. Um den Hals trägt sie eine goldene Kette mit Delfin-Anhänger, um die Unterarme dicke Verbände. "Gestern hatte ich wieder so einen Anfall", sagt sie schüchtern. Gestern schloss sie sich auf der Toilette ein und schnitt sich erst in den linken, dann in den rechten Arm. Mit einer Rasierklinge.

Die junge Berlinerin ist eine so genannte Ritzerin und verkörpert einen traurigen Trend. "Eine dramatische Zunahme von selbstverletzendem Verhalten" vor allem unter Mädchen und jungen Frauen verzeichnet die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Präzise medizinische Studien für Deutschland gibt es zwar nicht, aber Franz Resch, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum in Heidelberg, schätzt, dass sich die Zahl der Betroffenen in den letzten zehn Jahren verdoppelt habe. Fast jede vierte Patientin, die wegen Essstörungen, Ängsten oder Depressionen in Behandlung sei, füge sich selbst Schnittwunden zu.

"Sie suchen Erlösung von extremem inneren Druck", so Resch während des 16. Weltkongresses für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin. Rund 2000 Experten aus knapp 70 Ländern konferierten dort vergangene Woche auch über den neuen blutigen Trend. Motto der akademischen Großveranstaltung: "Erleichterung von Lebenswegen". Und die ist tatsächlich dringend nötig. In Berlin habe sich die Zahl der Ritzer in den vergangenen zwei Jahren sogar verdreifacht, so eine Analyse der Hauptstadt-Krankenhausgesellschaft Vivantes. Hinzu kommt, dass die Gewalt gegen den eigenen Körper nicht nur häufiger, sondern auch heftiger geworden ist. Nicht selten werde mittlerweile bis auf die Knochen geschnitten, sagt Oliver Bilke, Direktor der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Hellersdorf und am Humboldt-Klinikum in Berlin.

Menschen, die sich Schmerzen zufügen, hat es immer gegeben. Im Mittelalter geißelten sich Flagellanten mit Lederpeitschen. Bei den Ureinwohnern Papua-Neuguineas war es Sitte, sich beim Tod eines nahe stehenden Menschen ein Fingerglied abzuschneiden. Und auch in der westlichen Moderne haben milde Formen der Selbstverletzung längst ihren festen Platz: Piercings, Brandings und Tätowierungen sollen Individualität betonen.

Die exzessive Nutzung des Körpers als Ausdrucksmittel sei, sagen Experten, ein Grund für die zunehmenden Selbstverletzungen. Da viele Jugendliche den Körper als Litfasssäule ihrer Persönlichkeit betrachten, liegt es nahe, den Körper zum Austragungsort innerer Konflikte zu machen. Sie schneiden, verbrühen und verbrennen sich, sie brechen sich im Extremfall gar Knochen oder reißen sich Haare aus. Die Schmerzen helfen ihnen, unerträgliche Gefühle und Gedanken zu verdrängen. "In den Lebensgeschichten der Jugendlichen finden sich oft schwer wiegende körperliche und seelische Blessuren", sagt Mediziner Resch. In 40 Prozent der Fälle wurden die späteren Ritzer misshandelt, über 60 Prozent von ihnen wurden sexuell missbraucht und 74 Prozent von ihren Angehörigen emotional vernachlässigt. Viele finden dann nur noch einen Ausweg: Sie flüchten sich vor dem inneren in den äußeren Schmerz.

Typisch etwa der Fall einer 16-Jährigen aus Hockenheim: Ihr Freund hatte sie verlassen, die Oma war gestorben, von den Eltern bekam sie "immer nur Geld, aber keine Liebe". Sie trank, nahm Drogen, feierte nächtelang, ging nicht mehr zur Arbeit. Sie hatte "keine Ziele, keinen Ansporn", hatte nichts, was sie interessierte, stattdessen so viel Leere in sich - und ein Fleischermesser, das sie sich vor Verzweiflung in den linken Arm stieß. Sie sagt: "Wenn ich mein Blut sehe, weiß ich, dass ich noch nicht tot bin."

Etwa 80 Prozent der Ritzer, so schätzt der Experte Resch, leiden unter dem so genannten Borderline-Syndrom, einer ausgeprägten Störung der Identität. Sie äußert sich in selbstzerstörerischem Verhalten, in Stimmungsschwankungen, Beziehungsstörungen, anhaltenden Spannungszuständen und einer inneren Leere und Langeweile.

Oft sind diese Menschen in chaotischen Verhältnissen aufgewachsen, oft fehlte es ihnen an Eltern, die ihnen Orientierung und Halt gaben, oft wurden sie gedemütigt, vernachlässigt oder verkannt. Die Folge: "Sie haben sich und ihr Leben nicht im Griff", sagt Mediziner Resch. Und viele schaffen es auch ohne Hilfe nicht, das zu ändern. Die Schülerin aus Berlin-Neukölln etwa geht inzwischen jede Woche zur Therapie. Und trotzdem weiß sie immer noch nicht, ob sie den Kampf gegen die Selbstzerstörung gewinnen kann - ob sie ihn überhaupt gewinnen will. "Vielleicht irgendwann", sagt sie.

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