Ehrlich gesagt: nein. Aber dazu bin ich auch nicht weggezogen. Hollywood ist für mich ein Stadtteil von Los Angeles und ein nostalgischer Begriff, der sich auf ein Studiosystem bezieht, das es heute gar nicht mehr gibt. Jeder Hollywood-Film wird doch heutzutage entweder in Kanada, Prag oder Babelsberg gedreht. "I Robot" ist in Toronto gemacht worden, "Herr der Ringe" in Neuseeland. Anders wären solche Produktionen einfach nicht bezahlbar. Heute passieren in Hollywood vor allem Geldgeschichten. Ich bin kein Teil der Branche da drüben - es nützt mir nichts und es interessiert mich auch nicht. Bei den Schauspielerinnen gucken sie in den Studios auf die so genannte "Fuckability". Das will ich gar nicht wissen! Das ist so eine zynische Scheiße, dass ich in diesem Kontext gar nicht mehr aufkreuzen möchte.
Das klingt bitter. Hatten Sie Momente, an dem Sie die Brocken am liebsten hinschmeißen wollten?
Potente: Die habe ich ständig! (lacht) Aber das ist gar nicht so bitterböse gemeint, wie es sich vielleicht anhört. Es gibt oft Momente, in denen ich denke: "Jetzt machst du noch das nächste Jahr mit, das wird bestimmt ganz schön. Und dann ist Schluss." Ich würde gerne noch mal etwas anderes anfangen. Ich mache meine Arbeit gern, aber das Drumherum nervt. Im Rahmen der Promotion zum Beispiel kommen oft Fragen, die ich eigentlich nicht beantworten will. Ich bin nicht doof und habe in den letzten zehn Jahren verstehen gelernt, wie dieses Business läuft - aber manchmal bin ich dessen einfach müde. Ich bin jetzt Dreißig und denke oft: "Man könnte sich auch noch mal neu erfinden."
Haben Sie denn einen Plan B im Kopf für den Fall, dass Sie wirklich ernst machen und die Schauspielerei drangeben?
Potente: Ich habe manchmal die Sehnsucht nach einem anderen Lebensrhythmus. Ich könnte mit vorstellen, noch mal zur Uni zu gehen. Ich habe zwar Schauspiel an der Otto-Falkenberg-Schule studiert, aber ich hätte auch Lust auf die totale Antithese zu dem, was ich jetzt mache. Auf etwas, das im Stillen stattfindet, was mit der Auswertung von Texten zu tun hat, mit analytischer Kopfarbeit. So etwas kann ich gut, darf es in meinem Job aber leider nicht einbringen. Vielleicht will ich auch mal auf der anderen Seite, hinter der Kamera, sein und Filme produzieren.
Stagnation scheint Ihnen Angst zu machen. Vor einiger Zeit sagten Sie, mit 28 hätten Sie in einer Wohnung voller Möbel gesessen. Fürchteten Sie damals, zu spießig zu werden?
Potente: Ich hatte das Gefühl, dass alles so fertig war. Rein faktisch war das gar nicht so, es war eher eine Beschreibung meines Innenlebens. Ich hatte gut und erfolgreich gearbeitet, dann ging eine Beziehung zu Ende und ich fand: Genauso wie in meiner Wohnung sieht's in mir drinnen aus. Es hätten zehn Leute spontan kommen können, ich hätte für jeden ein passendes Gedeck gehabt. Es war nicht spießig, aber perfekt. Ich fühlte mich überfressen, war umgeben von Leere und Langeweile. Deshalb bin ich dann nach Los Angeles gegangen, ich wollte einfach mal englisch sprechen und neue Leute kennen lernen.
Mittlerweile leben Sie wieder in Deutschland, genauer gesagt in Berlin. Was hat sich inzwischen verändert?
Potente: Vieles ist jetzt anders. Es gibt mehr Licht, Luft und Raum - und nicht mehr für jeden die gleiche Gabel! Ich habe eine Mitbewohnerin, und im Moment liegen überall Kabel herum, über die man stolpert. Erst letzte Woche habe ich meiner Haushälterin erklärt, dass ich gar nicht möchte, dass sie die Kabel aufrollt. Sie wollte auch einen Besteckkasten kaufen, aber ich habe darauf bestanden, dass wir weiterhin alles durcheinander in die Schublade werfen. Ich habe ihr erklärt, dass ich das Leben mit dem Besteckkasten schon hatte. Und ich glaube, sie hat es verstanden.
Haben Sie in Kalifornien Ihr Ziel, intensiver zu leben, verwirklichen können?
Potente: Es hört sich immer so platt an, wenn man das so sagt. Ich wollte einfach realisieren, was mit mir passiert. Einfach analytischer auf die Dinge schauen: Was mache ich eigentlich? Was habe ich vor? In Amerika habe ich mir einfach mal erlaubt, ein Jahr nur um mich selbst zu kreisen. Es ging dabei auch darum, eine Trennung wegzustecken. Man muss sich sein persönliches Puzzle auch mal bewusst angucken. Und das habe ich in den letzten zwei Jahren auch gemacht.
Neigen Schauspieler nicht ohnehin dazu, vorwiegend um sich selbst zu kreisen?
Potente: Schon, aber das ist nicht dasselbe. Von der Arbeit ist man als Schauspieler gewohnt, dass viele Sätze mit "Ich" anfangen. Für Außenstehende ist das sicher oft nervig. Das geht mir selbst mit Kollegen auch oft so. Unter Schauspielern - und da nehme ich mich nicht aus - ist Angst weit verbreitet. Man kämpft eigentlich ständig mit etwas, was man dann schnell durch, ich sage mal: anstrengendes Verhalten kompensiert. Leute, die in ihrer Art anstrengend sind, haben oft einfach die Hosen voll. Das sind gar nicht unbedingt Monster.
Welche Rolle spielt dabei das persönliche Umfeld?
Potente: Gerade Leute, die sich darüber beschweren, dass Schauspieler so anstrengend sind, haben sie oft erst dazu gemacht. Das ist wie mit einem verzogenen Kind, dem alles in den Hintern geschoben wird. Es spielt eine große Rolle, wie gesund man im Privatleben ist und ob man ein inneres Gleichgewicht hat. Wenn man sich nur in dieser künstlichen, hierarchischen Welt am Set aufhält, wird es irgendwann schwierig, alleine zu Hause den Abwasch zu machen.
Das Hollywood-Kino hat inzwischen ungeheure Macht über die Wünsche und Vorstellungen von Menschen. Sehen Sie die Gefahr einer globalen Monokultur?
Potente: Ja, absolut. Das lässt sich auch auf Fernsehen und Zeitschriften erweitern. Das Kino ist konzeptionell, es gibt nur noch Schablonen und Genres. Andererseits ist es immer wieder überraschend, welche Filme dann doch Erfolg haben. Für das europäische Kino eröffnet das die Chance, dagegen zu halten und Geschichten zu machen, die etwas Eigenwilliges haben. Das hat Amerika im Moment ein bisschen vergessen.
Nachdem Sie dort gelebt haben: Hat das Land in Ihren Augen eher gewonnen oder verloren?
Potente: Ich war da, als die Amerikaner in Bagdad einmarschiert sind. Überall gingen die Fahnen hoch und Bekannte weigerten sich, beim Franzosen zu essen. Das hat mich eigentlich eher in einen Abgrund blicken lassen. Den hatte man zwar vorher schon vermutet, aber plötzlich tat er sich weit und gähnend auf. Mein Aufenthalt dort hat mich nicht nur zu mir selbst zurückgebracht, sondern auch zur deutschen Identität. Ich habe aber durchaus Empfindlichkeiten, die mit meiner Identität zu tun haben. Die habe ich wahrgenommen und als völlig in Ordnung befunden. Fahnen und dieser ganze patriotische Scheiß sind mir unangenehm.
Wie bewerten Sie den Patriotismus vieler Amerikaner?
Potente: Ich bin milder geworden mit den Amerikanern. Es ist immer leicht zu sagen, dass dort alle total doof sind. Ich kenne dort Leute, auf die das definitiv nicht zutrifft. Aber es ist schon eine ganz andere Kultur, die man erst Mal decodieren muss - und das ist durchaus anstrengend. Grundsätzlich fühle mich in Europa sehr wohl. Für mich ist Amerika ein Land, das gerade Hals über Kopf in eine moderne Diktatur rennt - überspitzt gesagt.
Wie sehen die Pläne für Ihre nähere Zukunft aus?
Potente: Man kann sich Rollen nicht backen, sondern muss sehen, was kommt. Ich versuche aber immer, Gegengewichte zu schaffen. "Die Bourne Verschwörung" war nett, ich arbeitete mit guten Leuten und kam nach Indien, was eine extreme Erfahrung war. Als nächstes mache ich einen historischen Film, der im 19. Jahrhundert spielt, nach dem Roman "Therese Raquin" von Emile Zola. Das ist schon etwas anspruchsvoller in der Darstellung und richtig Arbeit für mich. Und anschließend spiele ich in "Che Guevara" zusammen mit Benicio del Toro. Steven Soderbergh führt Regie, nachdem Terence Malick abgesagt hat. Und danach muss man gucken, wie es weiter geht. Primär will ich arbeiten - nicht am Strand liegen und in der Nase bohren.
Das Interview führte Henning Richter
Mit freundlicher Genehmigung des Interview-Magazins "GALORE"
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