Von Michael Brandhoff
Hamburg - 10 Uhr, Ladenöffnung in der größten Hamburger "Hennes & Mauritz"-Filiale an der Spitaler Straße. Wie bei Schlussverkäufen drängen die Kunden in den Laden. Nur energischer. Viel energischer. Mit Ellenbogen auf Rippenhöhe. Rücksichtslos. Rüpelhaft. Methoden, die so gar nicht zur feinen Mode des Meisters passen.
Auf geht's in die erste Etage, zur Damenkollektion. Vier Minuten dauert es, bis die ersten Stangen leer gefegt sind. Blusen, Blazer, alles weg. "Ich hab einfach reingegriffen", verrät Janine Schmidt. Die Größe war erst einmal egal, das Aussehen der einzelnen Teile auch. Jetzt steht sie in der Schlange vor der Anprobe. "Wann hat man als Schülerin schon die Chance, Designermode zu solchen Preisen zu bekommen?" Auf die Frage, ob sie um zehn nach zehn nicht eigentlich in der Schule sitzen müsse, sagt die 16-Jährige: "Ja, schon. Aber..."
Andere machen sich erst gar nicht die Mühe, in der Schlange vor den Umkleidekabinen anzustehen. Sie haben keine Zeit, sind mal eben von der Arbeitsstelle herübergeeilt. Zwischen Pullis und Schlafanzügen prüfen sie nun, ob das T-Shirt passt. Oder ob das Kleid richtig sitzt.
Nachschub rollt an. Doch die Mitarbeiter kommen gar nicht dazu, ihn aufzuhängen. Die Kundinnen reißen ihnen die Teile aus den Händen. "Nina?" brüllt ein Teenager. "Nina? Ich seh' dich nicht mehr. Lebst du noch?" Natürlich. Nur ist sie gerade schwer beladen. Zehn Teile liegen über ihren Armen. Sogar in der Männer-Abteilung, zwei Stockwerke tiefer, wird gierig auf die nächste Ladung weißer Hemden gewartet.
"Die Kollektion ist ein Traum", schwärmt Jennifer Ilse. Die 22-Jährige ist extra aus Bielefeld angereist. Auch auf ihrem Arm türmen sich schon die verschiedensten Teile. 30 Modelle hat Karl Lagerfeld für H&M entworfen - 20 für Frauen, zehn für Männer. Die günstigsten Stücke sind Ringe für 7,90 Euro, die teuersten, Wollmäntel, kosten 149 Euro.
Hamburg ist nur ein Beispiel, der Andrang bei H&M war überall überwältigend. "Die Menschen haben teilweise ab 6 Uhr vor den Häusern gehockt und gewartet", berichtet Deutschland-Sprecher Mathias Geduhn. "In Leipzig ist es zugegangen wie bei einer Neueröffnung." 120 von 269 Filialen sind hier zu Lande mit der Lagerfeld-Mode bestückt worden, weltweit gibt es sie in 500 der mehr als 1000 H&M-Häuser.
Wie groß beziehungsweise klein die Zahl der limitierten Kollektion ist, verrät der Konzern nicht. "Auf Grund der Preisstruktur müssen wir aber hohe Stückzahlen produzieren", sagt Geduhn. Trotzdem ist nicht sicher, ob die Kunden auch Anfang der kommenden Woche noch versorgt werden können. "Ich hoffe, dass wir zumindest morgen noch was haben", so der Sprecher. "Aber bei diesem phänomenalen Start. Nein, ich weiß es nicht. Ich kann es nicht versprechen."
Jennifer Holst hat schon das, was sie wollte. Eine dunkelblaue Jeans und ein T-Shirt dazu. 64,80 Euro hat die 19-Jährige ausgegeben. Und sie ist glücklich. "Ich mag Karl Lagerfeld zwar als Typ nicht, aber seine Kreationen sind klasse. Und das ist doch das Wichtigste."
Die Aktion "Karl Lagerfeld für H&M" wurde von einer mächtigen Werbekampagne begleitet. In Berlin prangte beispielsweise ein 1500 Quadratmeter großes Plakat in der Straße Unter den Linden. Ein aufwendiger Kinospot sowie große Zeitungsanzeigen wiesen auf die Aktion hin. Mathias Geduhn weist den Nutzen der Zusammenarbeit für H&M auch nicht von der Hand: "Karl Lagerfeld hat durch sein Statement, dass wir Preiswertes attraktiv gemacht haben und dass H&M Mode ist, sehr geholfen. Früher galten wir immer nur als Kopierer der Haute-Couture-Stars. Heute ist unsere Arbeit anerkannt." Ob es aber eine Neuauflage geben wird, lässt Geduhn offen. "Es war als einmalige Kollektion angedacht. Ich möchte auch nicht spekulieren, aber in nächster Zeit müssen wir diesen Erfolg natürlich analysieren", sagt er. "Aber man darf nicht vergessen, dass wir über hundert talentierte Designer in unseren eigenen Reihen haben."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH