Von Matthias Matussek, London
London - Mit Drink und Zigarette in der Hand, also obercool und lässig, führte der 20-jährige "Trouble Harry" auf der Party von Harry Meade, Sohn des dreifachen Olympiasiegers Richard Meade, seine Hakenkreuzbinde auf dem großartigen Landsitz in Wiltshire spazieren, und wurde prompt fotografiert.
Mindestens so bemerkenswert wie das an den "Wüstenfuchs" erinnernde sandfarbene Hemd mit Wehrmachtsabzeichen am Kragen war die Jacke, mit der der pubertierende Sohn von Prinz Charles auf die Party kam - mit großer schwarz-rot-goldener Flagge auf dem Rücken. Drüber Bundesdeutscher, drunter Nazi. Very tasteful. Wie schon das eigenwillige Motto der Kostümparty: "Kolonialbeamte und Eingeborene".
Ein Partygast zur Zeitung "Sun" (Auflage: 4 Millionen), die der Nation das Foto mit auflagensteigerndem Kopfschütteln zum Frühstück präsentierte: "Was hat er sich dabei gedacht? Ein höheres Mitglied der Royal Family, das sich als Nazi verkleidet? Wenn das ein Scherz sein sollte, ging er gründlich daneben."
Die Party allerdings, die bereits letzten Samstag stattfand, schien munter weiterzulaufen. Harrys Bruder William kam als Mischung aus Löwe und Tiger mit Plüschpfoten, die Mädchen als orientalische Bauchtänzerinnen. Wenn sich tatsächlich bleierne Betroffenheit ausgebreitet haben soll bei der jeunesse Doree britischen Geld-, Sport- und Blutadels, die sich nun so medienwirksam im nachhinein ganz fürchterlich ereiferte, so ist diese auf den präsentierten Fotos - buntes Partytreiben - bestens verheimlicht gewesen.
Es war wohl nur eine dieser typischen partyaufmischenden Harry-Provokationen, das Äquivalent zur jüngsten Night-Club-Prügelei in London, zum noch jüngeren Koma-Saufen in den Straßen von Buenos Aires, aus seiner Sicht nicht mehr als ein gedankenloses Fashionstatement.
Demzufolge flach fiel auch die mittlerweile gewohnte Harry-Entschuldigung aus: "Es war wirklich eine schlechte Kostümwahl." Wohl mehr als das. "Schrecken und Abscheu" habe er bei der Betrachtung des Fotos empfunden, sagte der Chefredakteur des "Jewish Chronicle". Jüdische Opferverbände protestierten, und die Insel steht Kopf: Ganze DREI Wochen vor dem 60. Jahrestag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, an der Prinz Edward als Vertreter der Königsfamilie teilnehmen wird, ist die Angelegenheit ein königlicher Image-Super-Gau.
"Vielleicht sollte Prinz Harry dort ebenfalls hingehen", meinte der um königliche Rehabilitierungen bemühte Kolumnist der "Sun", die von Harrys Entgleisungen so prächtig lebt wie einst von den Enthüllungen über seine Mutter, Lady Diana.
Mit seiner Entgleisung indes traf Harry einen immer noch offenliegenden Nerv - die englische Aristokratie und die Nazis, eine verzwickte Geschichte.
Als Musterbeispiel heldenhaften Widerstandes weigerte sich die königliche Familie während des Zweiten Welt-Krieges, sich aufs Land in Sicherheit zu bringen. Als der Buckingham Palast im Bombardement beschädigt wurde, rief Queen Mum aus: "Jetzt können wir wenigstens den Leuten im East End in die Augen schauen." Und die junge Queen Elizabeth half bei den motorisierten Verbänden.
Auf der anderen Seite gab es weitverbreitete Sympathien im englischen Adel für Hitler. Edward VIII, der nach seiner Abdankung den Titel Herzog von Windsor trug, rühmte ihn noch 1937 und Lord Halifax nannte ihn den "größten aller Deutschen" - der Nazi galt ihnen als Bollwerk gegen den Kommunismus. Hitler selbst rechnete sich noch 1940 Chancen aus, dass England neutral bleiben würde, während er sich den Kontinent unterwarf.
Der Zweite Weltkrieg, der zur "größten Stunde" Englands wurde, ist auch heute noch ein stets gegenwärtiges Ereignis. Kaum ein TV-Abend auf der Insel vergeht ohne Rückblick auf den II. Weltkrieg, auf Churchills Widerstand, auf deutsche Verbrechen.
Es gibt Soap-Operas über dämliche Nazis und heldenhafte Kleinstadt-Briten und Dokuserien mit durchaus bewundernden Anmerkungen über den Wüstenfuchs Rommel und seine tollkühnen Blitzoperationen. Wer da mit der Konzentrationsspanne der heutigen Partyjugend hineingreift, landet schnell beim geschmacklosen Kostümwitz.
Noch nicht lange her ist es, als der Chefredakteur des "Daily Express", Richard Desmond, im Stechschritt vor dem Vorstand des "Daily Telegraph" herumstolzierte und "Sieg Heil" brüllte - nur weil die an die deutsche Springer-Gruppe verkaufen wollten - jenen Verlag, der die Aussöhnung mit den Juden und die Parteinahme für Israel in seinen Statuten hat.
Die Empörung auf der Insel ist also nicht ohne Bigotterien. Die Groschenblätter "Daily Mirror" und "Daily Mail" setzen denn auch die Harry-Entgleisung auf ihren Titelseiten mit einem offenbar gleichrangigen Skandal ins Verhältnis: Queen Elizabeth soll bei einem Empfang einem 19-jährigen Sozialarbeiter gegenüber die Vermutung geäußert haben, dass London gegen die Olympiabewerbung von Paris keine allzu großen Chancen habe.
Nun, das ist ein Skandal!
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH