Von Matthias Matussek
London - Ein paar Gäste schauten wohl vorigen Samstag auf dem Landsitz in Wiltshire für ein paar Momente verlegen zu Boden. Dann wurde weitergefeiert, die Mädchen trugen bauchfrei, Bruder William ein Löwenkostüm mit Plüschpfoten.
Wer immer aus diesem Burberry-Teenager-Kreis das Foto an die "Sun" verkauft hat, hat es nicht aus Sorge um Anstand und Sitte getan, - dann hätte er den Prinz auf der Party selbst zur Rede gestellt und ihm die Drecksbinde abgerissen - sondern aus Interesse am Skandal, an der Bloßstellung und höchstwahrscheinlich einem höheren Scheck.
Prinz Harry tut, was er immer tut. Nur ein weiterer pubertierender Partykeller-Schock, der vage in den Alkoholdunst zielte und in den Nebel eines äußerst lückenhaften Geschichtsbewusstseins.
Schockierend ist nicht Prinz Harry, schockierend ist, was er vertritt: Über die Hälfte aller britischen Jugendlichen haben jüngsten Umfragen zufolge keinen blassen Dunst, wofür Auschwitz steht. Und das, obwohl jeden zweiten Abend eine neue Doku-Serie über den zweiten Weltkrieg über den Bildschirm flimmert. Über den Löwen Churchill, die guten Briten, die bösen Deutschen und die Opfer.
Ein Prinz mit Hakenkreuz? Nun ja, offenbar war man zu sehr mit dem eigenen Triumphalismus beschäftigt und zuwenig mit der Geschichte der Opfer. Offenbar haben die Briten die Opfer der Nazis inzwischen gründlicher vergessen als wir. Bisher funktionierte dieser Umweg hervorragend: Der Deutsche war im britischen Alltag gegenwärtig als jederzeit verfügbare Nazikarrikatur und Tätercharge, auf der man nach Belieben herumdrosch. Noch sechzig Jahre nach dem Krieg werden zehnjährige deutsche Kinder in Londoner Parks gejagt, nur weil sie "Krauts" sind.
Auch Prinz Harry bediente sich, fahrlässig gemacht in diesem selbstgerechten ideologischen Milieu, der Nummer. Er trug eine Bundeswehrjacke über der Nazibinde. Seine Botschaft auf diesem Kostümball: Deutsche, Nazis, Krauts, alles das gleiche. Das neue demokratische Deutschland: absolut uninteressant. Eine knappe Schulterbewegung, die Hülle fällt ab und der Nazimörder wird sichtbar. Den man nicht ohne dunkle Faszination spazieren führt: Gruselgrusel.
Harry trug das Hakenkreuz sicher nicht, um an die Hitlerbegeisterung des britischen Adels in den dreißiger Jahren zu erinnern. Es war alles noch gedankenärmer und abgefuckter. Der Hitlertaumel von damals kannte schließlich den Holocaust noch nicht. Der Hitlermummenschanz heute dagegen hat ihn schlicht abgehakt.
In den Radioshows dieser Tage bekennen sich Prominente - kicher, kicher - zu ähnlichen "Dumme-Jungen-Streichen" wie Harry. Uniformen tauchen oft darin auf. Man solle, so ein Lord, die ganze Sache nicht zu sehr hochschaukeln.
Nein, der Skandal des Harry-Fotos liegt nicht in seiner politischen Grimmigkeit, sondern seiner beiläufigen Lässigkeit. Das Emblem für den Judenmord und der Drink in der Hand - genau darin liegt der zeitgenössische Horror. Es ist der Schrecken über die totale Unempfindlichkeit, das totale Vergessens in dieser Schickeria-Partywelt.
Keinem übrigens war das Party-Thema dieser Snobs, die sich ansonsten mordsmäßig für das aristokratische Recht auf Fuchsjagd engagieren, auch nur eine Zeile wert.
Es hieß: "Kolonialbeamte und Eingeborene".
Es ist nicht klar, was sich Harry da mit Rommel gedacht hat - irgendwie, fand er wohl, war der die Steigerung eines Kolonialbeamten, schon wegen Stiefel und Stöckchen, und in seiner British-Empire-Rassismus-Vermutung hat er so ganz vage auch nicht unrecht.
Der Vater seiner Freundin Chelsy übrigens soll beste Beziehungen zu Zimbabwes bizarren Hitler-Bärtchen-Diktator Robert Mugabe unterhalten. Chelsy selber, so meinte Harry, der sich ansonsten für rührende afrikanische Charity-Fototermine gern zur Verfügung stellt, kürzlich zu einem Freund, sei "keine Schwarze oder sowas..."
In diesem Sinne: Erleichterung. Der imperiale Motiv-Teppich an diesem Abend hat den Oberklasse-Lümmeln sicher die eine oder andere ironische Pirouette erlaubt.
Und eben ein paar Ausrutscher auf Knobelbechern.
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