Als die Lichter der "Gustloff" aufflammen, war Marineskos U-Boot gerade aufgetaucht. Der wachhabende Offizier auf dem Gefechtsturm sieht das große Schiff sofort, auch das Torpedoboot "Löwe" ist zu erahnen. Marinesko lässt Vollgas geben. Sein Plan: Er will die beiden Schiffe auf Parallelkurs einholen, und zwar auf der Landseite. Dort kann ihm die "Löwe" nichts anhaben, weil sie die andere Seite der "Gustloff" deckt. Die Jagd beginnt.
Um 19.30 Uhr schalten die "Gustloff"-Kapitäne die Positionslichter wieder aus. "S 13" schiebt sich Meter um Meter auf ihre Höhe; zwei Stunden braucht das U-Boot für die Aufholjagd. Das Ziel scheint Marinesko "riesig", vielleicht ein Truppentransporter, mutmaßt er, voll gepackt mit Männern, "welche die Erde Mütterchen Russlands zertrampelt hatten und nun auf der Flucht waren". Als "S 13" schließlich neben der "Gustloff" läuft, lässt Marinesko vier Bugrohre klarmachen. Auf dem Torpedo in Rohr eins steht "Für das Mutterland", auf Torpedo zwei steht "Für Stalin", auf dem dritten "Für das sowjetische Volk" und auf dem vierten "Für Leningrad". Sie sind eingestellt auf drei Meter Tiefe. Als der Kommandant Feuerbefehl gibt, schießen drei Torpedos fauchend durchs Wasser. "Für Stalin" bleibt in Rohr zwei stecken. Aber die anderen Torpedos treffen. Als sie explodieren, läuft im deutschen Radio gerade der Schluss der Nationalhymne. Auch der Führer hatte gesprochen: zum zwölften Jahrestag seiner "Machtergreifung" 1933. Es ist 21.16 Uhr.
Die Geschosse zerfetzen die Außenhaut des gigantischen Schiffs, die Flüchtenden treten sich in den Gängen zu Tode, sie werden von Stahlwänden zerquetscht. Viele brechen sich das Genick, als sie in Panik über das vereiste Deck klettern. Zwischen den Wrackteilen schwimmen sie meist nur Minuten, bis die Kälte des Wassers sie einschläfert. Zeitzeugen berichten von Hunderten Kindern, die kopfunter im Wasser trieben. Zwar hatten alle Schwimmwesten an. Doch ihre Köpfchen waren schwerer als die Beine, und die Beine ragten in die Luft.
Die jungen Mädchen, denen die Offiziere als Quartier das Schwimmbad des ehemaligen Kreuzfahrtschiffes zugewiesen hatten, sind die Ersten, die sterben: Marinehelferinnen, einige Dutzend, die meisten erst 17 oder 18 Jahre alt. Der Pool liegt nahe dem Bug der "Gustloff", auf dem tiefsten Deck, einige Meter unter der Wasserlinie. Genau dort trifft der zweite der drei Torpedos. Ursula Pautz, eine der wenigen jungen Frauen, die entkommt, berichtet später: "Es war, als wenn Eisenplatten mit wahnsinniger Wucht gegeneinander geschlagen wurden. Entsetzensschreie gellten durch die Luft. Ich sah Verwüstung. Umgestürzte Spinde, eingeklemmte schreiende Mädchen. Durch die Tür, die zum Schwimmbad führte, drang Wasser. Ich riss sie auf und sah ein entsetzliches Bild. Überall lagen meine Kameradinnen, teilweise schon vom Wasser überflutet, ein schreiender, betender Haufen. Die Mädels, die noch nicht tot oder ertrunken waren, versuchten die Treppe nach oben zu erreichen. Doch die Schotten waren dicht, es gab kein Entkommen mehr. Wir sind eingesperrt, schrie eines der Mädels, eingesperrt haben sie uns."
Auch das breite untere Promenadendeck mit seinen Panzerglasfronten wird für Hunderte Menschen zum gläsernen Sarg. Der Obermaschinist Johann Smrczek hat sich in dem Moment schon auf das weiter oben liegende Sonnendeck gerettet: "Und da sah ich unten das Drama. Durch das Panzerglas. Ich konnte keine Schreie hören, gar nichts. Aber die Menschen waren da gedrängt wie die Ölsardinen. Und das Deck war schon halb im Wasser. Und ich sah Blitze. Das Mündungsfeuer der Pistolen. Mit denen erschossen Offiziere ihre Familien." Jahre nach dem Krieg wird ein Taucher hinter den Scheiben viele seltsame Bälle treiben sehen, kleine und große. Die Schädel.
Der Zahlmeister-Aspirant Heinz Schön klettert an Steuerbord auf eines der wenigen Rettungsboote zu. "Es ist total überfüllt mit Frauen und Kindern. Einige Männer haben sich an den Bootsrand geklammert und hängen in der Luft. Rücksichtslos schlagen Bootsinsassen auf deren Hände. Einer nach dem anderen stürzt ab, fällt in die See. Endlich lassen einige das Boot zu Wasser." Aber in dem Moment legt sich das Schiff plötzlich noch weiter auf die Seite, ein Flakgeschütz reißt sich los, rutscht über das schräge Deck, schießt über Bord und zerschmettert das gerade zu Wasser gelassene Boot.
Kapitän Petersen weiß, dass er nicht unbedingt schnell von dem sinkenden Schiff weg muss. Die Ostsee ist hier nur 60 Meter tief. Die "Gustloff" aber misst vom Kiel bis zur Schornsteinspitze 58 Meter. Sie kann also nicht tief sinken, es wird nicht diesen mörderischen Sog geben. Petersen hat Zeit genug, sich zu einem der Boote durchzuschlagen, die kurz vor der Abfahrt noch aufs Sonnendeck ganz oben gehievt worden sind. Marinemaler Bock schafft es zum selben Boot. Später beschreibt er die Katastrophe in einem Protokoll: "Ich sah in dem dämmrigen Mondlicht von vorn eine hohe Welle über die versinkende Kommandobrücke rollen und alles, was an Menschen an der Reling hing, hinwegwaschen, hörte noch die durchdringenden Todesschreie, dann wurde unser Kutter von der Flut emporgerissen und wir mit voller Wucht gegen die Schornsteinaufbauten geschleudert. Dann versank alles, nur ein unendliches Gewirr von schreienden Menschen, Wrackteilen, Flößen und Bojen blieb übrig."
Doch kurz vorher passiert noch etwas, das mit Sicherheit erfunden wäre, wenn es nicht viele Menschen gesehen hätten: Während die "Gustloff" sinkt, schaltet sich plötzlich die gesamte Beleuchtung des Kreuzfahrers ein. Dann heulen die Sirenen.
Die "Löwe" ist längst nicht groß genug für all die Ertrinkenden um sie herum. 472 wird sie nachher gerettet haben. Ein paar Stunden nach der "Gustloff" hatte auch der Schwere Kreuzer "Admiral Hipper" in Gotenhafen abgelegt, zusammen mit dem Torpedoboot "T 36". Die Offiziere an Bord sehen die Notsignale der "Löwe", die roten Raketen. Während "T 36"-Kommandant Hering seine Maschine stoppen lässt, bringt der Kapitän der "Hipper" sein Schiff in Sicherheit. Lautlos gleitet Herings Torpedoboot mitten hinein in das Meer aus treibenden Köpfen. Die Männer werfen die Fallreeps hinunter und ziehen an Bord, so viele sie können. 564 Menschen werden es nachher sein.
Auch die beiden "Gustloff"-Kapitäne Petersen und Zahn klettern aus ihrem Holzboot an Bord und lassen sich im Kartenhaus nieder. Hering urteilt nicht. Dazu ist keine Zeit: Das U-Boot ist ja noch da. Auf der Brücke sieht Hering plötzlich die Blasenspuren von zwei Torpedos. Sie laufen genau auf "T 36" zu. Er gibt Kommando "Volle Fahrt voraus", bei hart gelegtem Ruder. "T 36" schafft es, den Torpedos auszuweichen - über Dutzende Köpfe im Wasser hinweg. Zwei von seinen Leuten, die gerade am Heck Schiffbrüchige bergen, gehen über Bord, bleiben zurück, für immer. "Das war der schlimmste Moment meines Lebens", sagt Hering später. Noch einmal dreht Hering bei und rettet Schiffbrüchige, dann muss "T 36", hemmungslos überladen, weg.
Nur etwa 1200 Menschen überleben die Katastrophe. Rund 9000 sterben - sechsmal so viele wie beim Untergang der "Titanic".
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