Hamburg - Nach Polizeiangaben hatte die 35-jährige Mutter gestern Morgen um 6.48 Uhr die Rettungskräfte alarmiert, weil ihre Tochter ins Koma gefallen war. Der Notarzt konnte nur noch den Tod des bis auf die Knochen abgemagerten Kindes feststellen. Wie das "Hamburger Abendblatt" in seiner heutigen Ausgabe berichtet, hatte die Leichenstarre bereits eingesetzt. Die Ermittler gingen davon aus, dass das Mädchen über längere Zeit zu wenig zu essen und viel zu wenig zu trinken bekommen habe, hieß es. Laut Polizei befand sich die 71 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung in völlig verwahrlostem Zustand.
Eine Obduktion im Rechtsmedizinischen Institut der Hansestadt ergab, dass Jessica an Erbrochenem erstickt ist. Ursache dafür sei ein durch Mangelernährung hervorgerufener Darmverschluss gewesen, hieß es. Gegen die Mutter der Siebenjährigen und deren Lebensgefährten ermittelt die Mordkommission nun wegen des "Verdachts eines Tötungsdeliktes durch Unterlassen", sagte ein Sprecher der Hamburger Polizei. Beide wurden gestern von den Ermittlern vernommen.
Dem "Hamburger Abendblatt" zufolge erklärte die Mutter Marlies S. im Verhör, das Kind habe sich in der Nacht zum Dienstag übergeben. Daraufhin habe sie ihre Tochter mit in ihr Bett genommen. Als sie aufwachte, habe das Kind nicht mehr geatmet. Noch gestern hatten die Frau und ihr Lebensgefährte erklärt, die Siebenjährige sei möglicherweise an einem Tumor gestorben.
Marlies S. und ihr Partner Burkhard M. wohnen in einer Hochhauswohnung im Hamburger Stadtteil Jenfeld. Beide sollen Sozialhilfe-Empfänger sein. Jessica war das vierte Kind der geschiedenen Frau. Eine zehnjährige Tochter und ein zwölfjähriger Sohn leben laut "Abendblatt" bei dem Ex-Mann. Ein weiteres Kind soll Marlies S. zur Adoption freigegeben haben.
Jessicas Leiden war offenbar niemandem aufgefallen, da die Frau ihre Wohnung seit langem nicht mehr gemeinsam mit der Tochter verlassen hatte. Der behördlichen Aufforderung, das Kind einzuschulen, sei die Mutter seit vergangenem August nicht nachgekommen, schreibt das "Abendblatt". Zwar habe die Schulbehörde eigenen Angaben zufolge versucht, Kontakt mit der Familie aufzunehmen. Nach den erfolglosen Hausbesuchen sei jedoch lediglich ein Bußgeldverfahren wegen Schulpflichtverletzung eingeleitet worden. Zu einer richterlichen Anweisung, durch die man sich hätte Zutritt zu der Wohnung verschaffen können, wäre man erst nach einer dritten Mahnung berechtigt, zitiert die Zeitung einen Schulbehördensprecher. Dieser Bescheid stand aber noch aus.
Der Tod von Jessica ist in Hamburg bereits der zweite Fall von tödlicher Vernachlässigung binnen einen Jahres. Anfang Juli 2004 war die dreijährige Michelle tot in der elterlichen Wohnung in Lohbrügge aufgefunden worden. Sie starb der Polizei zufolge an einer Gehirnschwellung sowie den Folgen von Unterernährung und Verwahrlosung. Gegen den Vater Andreas J. und die Mutter Nicole G. ermittelt die Staatsanwaltschaft derzeit wegen fahrlässiger Tötung.
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