Hamburg - Die Tragödie um die kleine Jessica, die in bestialischen Verhältnissen einen qualvollen Tod fand, hat heute Hunderte zur Teilnahme an einem Trauergottesdienst bewogen. Viele Menschen zündeten Kerzen zum Gedenken an. Unter den etwa 500 Teilnehmern waren viele Eltern mit ihren Kindern.
In seiner Traueransprache sagte Pastor Thies Hagge: "Wir sind einiges gewohnt in Jenfeld, aber im Fall der kleinen Jessica sind wir sprachlos." Am Altar stand ein Tisch mit vielen Kerzen und Teelichtern. Hagge ermunterte die Anwesenden, die Lichter anzuzünden und Verantwortung in Jenfeld zu übernehmen.
Jessica war am Dienstagmorgen an Erbrochenem erstickt, ausgelöst durch Folgen der Unternährung, wie eine Obduktion im Rechtsmedizinischen Institut der Hansestadt ergab. Bei ihrem Tod wog sie nur noch neuneinhalb Kilogramm. Gegen die festgenommene 35 Jahre alte Mutter und ihren 14 Jahre älteren Lebensgefährten wurde Haftbefehl erlassen.
Die Mutter des Mädchens, die in Untersuchungshaft sitzt, soll schon früher eigene Kinder vernachlässigt haben. Berichten des SPIEGEL und des "Focus" zufolge hatten sowohl eine Tante der 35 Jahre alten Frau als auch ihr Ex-Mann vor 14 Jahren beziehungsweise 6 Jahren die Behörden über die Zustände informiert.
Die Frau habe bereits ihren ersten Sohn in einem abgedunkelten Zimmer eingesperrt. "Der Kleine sah übel aus und war total verstört", sagte die Tante. Der damals acht Monate alte Junge habe dann ein Zuhause bei Adoptiveltern gefunden. Auch der spätere Ehemann der 35-Jährigen berichtete, die Frau habe die beiden gemeinsamen Kinder vernachlässigt. "Sie kümmerte sich nicht um die Kleinen, wechselte keine Windeln, kochte kein Essen", erklärte er dem "Focus". Schließlich habe er sich scheiden lassen und das Sorgerecht bekommen.
Der Mann wirft den Behörden Untätigkeit vor. Er habe bereits 1999 das Jugendamt informiert. Der Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, Rico Schmidt, sagte dem Bericht zufolge, die alten Fälle seien abgeschlossen gewesen. Deshalb finde sich in den Akten kein Eintrag dazu.
Jessicas Mutter hatte am Dienstag einen Notarzt gerufen, weil das Mädchen leblos im Bett lag. Die Obduktion ergab, dass die Siebenjährige an Erbrochenem erstickt war. Sie hatte einen Darmverschluss und konnte deshalb das Essen, das sie offenkundig nach langem, zwangsweisem Fasten erhalten hatte, nicht bei sich behalten. Außerdem war das Kind bei nur noch 9,5 Kilogramm Körpergewicht völlig ausgetrocknet.
Der ärztliche Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Peter Riedesser, sagte dem SPIEGEL: "Das ist aktive Folter, keine Vernachlässigung, und nur damit erklärbar, dass die Eltern als Kinder selbst schwer traumatisiert wurden."
Nach Polizeiangaben ließen die Mutter und der ebenfalls inhaftierte 49 Jahre alte Vater bei ihren Vernehmungen jedes Schuldbewusstsein vermissen. Die 35-Jährige beteuerte, sie habe ihrer Tochter Essen angeboten. "Wenn sie nicht essen will, was soll ich dann tun?", habe sie gesagt.
Zum Trauergottesdienst hatte die Friedensgemeinde in dem Hamburger Problemstadtteil Jenfeld eingeladen. "Wir möchten einen Schutzraum für Menschen schaffen, an dem sie ihrem sprachlosen Entsetzen und ihrer Trauer Ausdruck geben können", schrieb Pastor Hagge in der Einladung. Unterdessen wurde der Leichnam zur Beerdigung freigegeben. Das Sozialamt werde die Kosten für eine "würdevolle Beisetzung" übernehmen, so Bezirksamtsleiter Gerhard Fuchs gegenüber dem "Hamburger Abendblatt".
Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) hatte nach dem Tod des Mädchens am Dienstag den Fall zur Chefsache erklärt und eine lückenlose Aufklärung des Dramas gefordert. Dabei müsse untersucht werden, wer in den Behörden verantwortlich gewesen sei. Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig (parteilos) kam am Freitag vorzeitig aus ihrem Urlaub zurück und ließ sich die Akten vorlegen.
Der Sprecher der Schulbehörde, Alexander Luckow, stufte den Vorfall als "fatalen und tragischen Irrtum" ein. Ein Mitarbeiter hatte das Nichterscheinen des Mädchens zur Einschulung im Vorjahr nicht dem Jugendamt gemeldet. "Es war ein tragischer Irrtum eines Mitarbeiters vor Ort", sagte Luckow. Der Mann habe nach eigenem Ermessen gehandelt und lediglich den Eltern einen Bußgeldbescheid geschickt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH