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08.03.2005
 

Verhungerte Jessica

Senat räumt Behördenfehler ein

Eine Woche nach dem Hungertod der siebenjährigen Jessica hat der Hamburger Senat Fehler der Behörden eingestanden. "Es gibt eine Mitverantwortung der öffentlichen Hand", sagte Justizsenator Roger Kusch. Eine Mitarbeiterin des Sozialamtes hatte offenbar schon frühzeitig das Jugendamt alarmiert - doch nichts geschah.

Wohnung von Jessicas Eltern in Hamburg-Jenfeld: "Es sind Fehler passiert"
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DPA

Wohnung von Jessicas Eltern in Hamburg-Jenfeld: "Es sind Fehler passiert"

Hamburg - Eine Sachbearbeiterin des Sozialamts will schon vor fünf Jahren das Jugendamt auf Jessicas Familie hingewiesen haben. Ihr sei aufgefallen, dass sie das Kind weder bei Hausbesuchen noch bei Terminen im Amt jemals zu Gesicht bekommen habe, berichtete Schulsenatorin Dinges-Dierig. "Diese Aussage lässt sich heute nicht mehr überprüfen", fügte die Politikerin hinzu. Auch der Ex-Mann von Jessicas Mutter hatte behauptet, das Jugendamt informiert zu haben. Es sei möglich, dass das Jugendamt auf Hinweise im Fall Jessica nicht reagierte habe, sagte Dinges-Dierig: "Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass Fehler passiert sind." Der Mitarbeiter der Behörde, der mehrmals bei Jessicas Familie geklingelt und das Jugendamt nicht informiert hatte, habe einen "tragischen Irrtum" begangen.

Um ähnliche Fälle in Zukunft zu vermeiden, will der Senat den Ermessensspielraum der Behördenmitarbeiter drastisch einschränken. Unter anderem soll der Schulzwang eingeführt werden. Damit können Kinder, die die Schule nicht besuchen, mit Hilfe von Vollstreckungsbeamten zum Unterricht gebracht werden. Außerdem prüft der Senat die Möglichkeit einer stärkeren Beobachtung von Familien.

Jessicas Mutter Marlies S. hatte ihren ersten Sohn nach acht Monaten zur Adoption freigeben müssen, weil sie ihn wie Jessica schlecht behandelt hatte und in einem abgedunkelten Zimmer hielt. Bei zwei weiteren, ebenfalls vernachlässigten Kindern bekam ihr Ex-Mann das Sorgerecht zugesprochen. Trotzdem gab es über Marlies S. aus Datenschutzgründen keine Akten.

Das soll nach dem Willen des Senats in Zukunft anders werden: "Wenn wir bei Kindern helfend eingreifen können, dann ist jedes Mittel recht", sagte die Senatorin. Roger Kusch kündigte an: "Wenn wir dafür andere Gesetze brauchen, werden wir die schaffen." Auch auf Bundesebene werde Hamburg notfalls aktiv werden.

Jessica, die von ihren Eltern nie zur Schule geschickt worden war, starb am Dienstag letzter Woche an den Folgen von Unterernährung. Das Kind musste nach Polizeierkenntnissen in einem abgedunkelten Zimmer dahinvegetieren und wog bei seinem Tod nur 9,5 Kilogramm. Jessicas 35 und 49 Jahre alte Eltern sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen wird gemeinschaftlicher Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen.

Jessica soll noch in dieser Woche beerdigt werden. Ein konkreter Termin solle morgen festgelegt werden, sagte der Leiter des zuständigen Bezirksamts. Die Bestattungskosten will das Sozialamt übernehmen.

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