Von Sandra Fomferek
Hamburg - Ein voller U-Bahn-Wagen in Hamburg, zur Stoßzeit nachmittags um halb sechs. Menschen murmeln, Zeitungen rascheln, ein Handy klingelt. Doch statt eines polyphonen Charts-Hits dringt eine andere bekannte Melodie ans Ohr: "Lobet den Herrn". Klaus Scholz, 42 Jahre alt, Marketingberater von Beruf, lächelt und nimmt ab. "Das ist jedes Mal eine Offenbarung", schildert der Marketing-Berater hinterher: "Die Leute trauen mir nicht zu, dass ich so einen Ton drauf habe. Man wird sofort angesprochen."
Klaus Scholz ist Mitglied der Hamburger St. Petri Gemeinde und hat eine ungewöhnliche Idee entwickelt: Auf der Internetseite www.petriklingel.de bietet die Gemeinde fünf Klingeltöne von christlichen Liedern zum Download auf das Handy an. Der Renner unter den frommen Handymelodien ist "Lobet den Herrn". "Das ist ein richtiger Evangelen-Schlager", sagt Scholz. Von dem Erfolg des Portals war der Marketingberater selbst überrascht: Seit dem Start der Seite im Dezember 2004 haben 5000 Freunde christlicher Melodien Klingeltöne herunter geladen. 20 bis 30 Mails mit Anfragen und Musikwünschen bekommt Scholz seitdem täglich, darunter auch viele aus dem Ausland.
Entstanden ist die Idee zu einem christlichen Klingelton-Portal aus der Not: Die große Konzertorgel der Gemeinde muss nach 55 Jahren dringend renoviert werden. Die Arbeiten werden rund 635.000 Euro kosten. Etwa 425.000 Euro wurden bereits durch Stiftungen und Spenden gesammelt. Um aber die Gesamtsumme aufzubringen, waren kreative Ideen gefragt. "Wir haben uns überlegt, wofür geben Leute gerne Geld aus", erzählt Scholz. Der Erfolg der Klingeltonfirma Jamba und die Tatsache, dass jedes Mitglied des Orgelbauvereins auch ein Handy besitzt, habe ihn auf die Idee gebracht. 1,99 Euro kostet es, sich den Ton seiner Wahl per SMS zuschicken zu lassen. Etwa die Hälfte davon geht an die Kirche.
Hauptpastor Christoph Störmer ließ sich sofort begeistern: "Wir können damit klar machen, dass es schon seit Jahrhunderten Hitparaden gibt und die Aktion liefert gleichzeitig Gesprächsstoff", meint er. Die Mehrheit der Reaktionen bisher war positiv. Lediglich ein Frommer warf Pastor Störmer Blasphemie vor. "Ich finde nicht, dass das eine Gotteslästerung ist, man muss dass auch mit Humor sehen", nimmt es der Pastor gelassen. Auch Susanne Raubold, Sprecherin des Kirchenkreises Alt-Hamburg, kann an der Idee nichts Verwerfliches erkennen: "Orgelmusik muss nicht an der Kirchenpforte enden und kann auch an ungewöhnlichen Orten erklingen. Warum nicht auf dem Handy?", sagt sie.
Ein Ende der Aktion ist vorerst nicht abzusehen. In den nächsten Wochen soll das Angebot um einige Lieder ergänzt werden. "Mit dem Frühling wird auch die Musik heiterer", verspricht Scholz. Auf bis zu 30 populäre Kirchenstücke soll das Portal anwachsen. "Wenn das einmal läuft, ist das schnell gemacht", ist Scholz zuversichtlich. Speziell für Katholiken wird es außerdem den Hit "Großer Gott wir loben dich" zum Download geben.
Auch wenn die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind, plant Scholz die Klingeltonseite aufrechtzuerhalten. "Es wird immer einen guten Zweck geben, für den man das Geld gebrauchen kann", ist er sich sicher. Außerdem hat der Marketingberater schon eine neue Mission vor Augen: Den Sound von Kirchenglocken auf das Handy zu bringen.
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