Rom - Vier Tage nach dem Tod von Johannes Paul II. ist die Debatte um einen Nachfolger voll entbrannt. Nach Meinung italienischer Vatikan-Kenner steigen derzeit die Chancen für einen Papst aus Lateinamerika sowie für den deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger. Ratzinger wird dabei angesichts seines Alters von 77 Jahren bereits als möglicher "Übergangspapst" bezeichnet. Kritisch äußerte sich der nigerianische Kardinal Francis Arinze. Er sagte: "Der Westen ist noch nicht reif für einen schwarzen Papst."
"Ein afrikanischer Papst wäre eine Herausforderung für die Kirche, für die Welt und für die Medien", meinte Arinze, der selbst als "papabile" gilt, also als möglicher Papst-Nachfolger. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick meinte dagegen: "Die Zeit ist reif für einen Papst aus einem anderen Kontinent." Aber auch Ratzinger habe gute Chancen. Nach Schicks Ansicht wird die katholische Kirche aber auch unter einem neuen Papst an der Ehelosigkeit der Priester, dem Zölibat, festhalten und Frauen weiterhin das Priesteramt verwehren.
Das Konklave zur Wahl des Nachfolgers von Johannes Paul II. beginnt am 18. April in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan und wird von Ratzinger geleitet. Eine Voraussage über den Ausgang ist wegen der Mehrheitsverhältnisse schwierig: Knapp die Hälfte (58) der 117 wahlberechtigten Kardinäle unter 80 Jahren kommt aus Europa. Die Europäer haben aber bei weitem nicht die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit. Überaus stark ist die Gruppe der Lateinamerikaner mit 21 Kardinälen.
Inzwischen teilte die philippinische Botschaft beim Vatikan mit, dass Kardinal Jaime Sin zu krank sei, um nach Rom zu fliegen. Damit werden wahrscheinlich nur 116 Kardinäle am Konklave teilnehmen.
Als eher chancenlos im Kreis der Papst-Anwärter gelten die Nordamerikaner. "Ein amerikanischer Papst, wahrscheinlich nicht", sagte der Erzbischof von New York, Edward Egan. Die nordamerikanische Kirche gilt vor allem durch ihre Skandale um Kindesmissbrauch durch Priester als belastet.
Italienische Medien meinten, der Ausgang des Konklave sei auch deshalb schwer vorauszusagen, weil die italienischen Kardinäle gespalten seien. Sie stellten zwar mit 20 Kardinälen die mit Abstand größte Ländergruppe. Da sie sich aber nicht einig seien, steige die Chance für die Wahl eines Außenseiters - wie 1978 bei der Wahl Karol Wojtylas. Bei einer gegenseitigen Blockade der verschiedenen Ländergruppen steige auch die Chance Ratzingers.
Vor den Toren des Vatikanstaats stellt der Massenansturm von Papst-Pilgern die Behörden in Rom vor zunehmende Probleme. Hunderttausende harrten auch heute bis zu zwölf Stunden in einer kilometerlangen Schlange vor dem Petersdom aus, um dem Papst die letzte Ehre zu erweisen. Am Nachmittag hatte der Menschenandrang am Vatikan solche Ausmaße angenommen, dass es zeitweise kein Vor und Zurück mehr gab. Eine Augenzeugin sagte: "Ich habe Angst, die Situation ist beklemmend". Nach Angaben eines Ärzteteams erlitten rund 100 Menschen Schwächeanfälle. Der Verkehr rund um den Vatikan brach zusammen. Zum größten Papst-Begräbnis der Geschichte an diesem Freitag werden bis zu vier Millionen Menschen erwartet.
Die Warteschlange der Gläubigen vor dem Petersdom reicht bis zu einer Brücke über dem Tiber und wurde am späten Mittwochabend wegen des großen Andrangs geschlossen. Nun kann sich niemand mehr zusätzlich anstellen. Am Donnerstag wird der Petersdom wegen der Vorbereitungen zur Bestattungszeremonie geschlossen.
"Es ist ein Wunder", sagte der deutsche Kardinal Walter Kasper mit Blick auf den nicht versiegenden Besucheransturm. Bislang haben mehr als 1,5 Millionen Menschen im Petersdom Abschied von Johannes Paul II. genommen.
Der Leiter des italienischen Zivilschutzes hat Gläubige und Pilger in Rom aufgefordert, sich nicht mehr in der Schlange anzustellen. "Nur wer jetzt bereits in der Schlange steht, hat noch eine Chance, dem Papst die letzte Ehre zu erweisen", sagte Guido Bertolaso. Der Zivilschutz wollte am Abend die Warteschlange unterbrechen. Für die Dauer von 24 Stunden sollte sich ab heute Abend niemand mehr an das Ende der Schlange anstellen, wie das Ministerium für Zivilverteidigung mitteilte. Der Petersdom, in dem der Leichnam seit Montag auf einem Katafalk aufgebahrt ist, soll morgen um 22 Uhr für Gläubige geschlossen werden. Der Leichnam wird dann für die Beisetzung vorbereitet.
Die Behörden fürchten, dass das Chaos durch das Eintreffen von 200 Staatsgästen für die Beerdigung erheblich schlimmer wird. Als einer der ersten Trauergäste wurde US-Präsident George W. Bush in der Nacht erwartet. Dazu wird der Luftraum über Rom sowie der Verkehr in der Innenstadt gesperrt. Am Freitag darf kein Auto in die Nähe des Vatikans fahren, dann sind auch Schulen und Behörden geschlossen.
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