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20.04.2005
 

Interview mit Theologen Herrmann

"Ratzinger ist Wojtyla in Potenz"

Ein schüchterner Mensch, der Basis entrückt und außerdem erzkonservativ - so sieht der Münsteraner Theologe Horst Herrmann den neuen Papst. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Professor darüber, warum ihm die Wahl des Kurienkardinals eine Kiste Champagner einbrachte und was vom Pontifikat Benedikts XVI. zu erwarten ist.

SPIEGEL ONLINE:

Überrascht Sie der Ausgang des Konklaves?

Horst Herrmann: Nein, ich habe eine Kiste Champagner gewonnen! Ich sage seit Wochen, dass Ratzinger es wird. Alles lief auf ihn zu. Er ist vielseitig, er ist begabt, er ist einer der bedeutenden Theologen. Er ist ein versierter, in vielen Jahren an der Kurie erprobter Mann und - das muss man auch sagen - er ist Deutscher. Das war für meine Begriffe fällig.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ratzinger für ein Mensch?

Herrmann: Er sagt selber von sich, er sei ein schüchterner und sensibler Mensch. Er war früher Professor der Theologie und wurde dann 1977 Erzbischof von München und Freising. Er hatte dort keine besondere Fortune und soll manchmal in der Kirche sogar ausgelacht worden sein, weil er eine seltsame Stimme gehabt und seltsame Gesten gemacht habe. Als ihn Papst Johannes Paul II. schließlich nach Rom berief, haben alle möglichen Leute gesagt, das sei eine Erlösung für ihn gewesen. Als Seelsorger, als eigentlicher Bischof, war er nicht die glücklichste Figur. Das war auch der Grund, warum man dachte, er wird vielleicht doch nicht Papst - weil er nun seit vielen Jahren in Rom sitzt und damit fern der Seelsorge ist. Er hat praktisch nur Akten gewälzt und seine theologischen Steckenpferde geritten.

SPIEGEL ONLINE: Hat er sich der katholischen Basis entfremdet?

Herrmann: Weithin. Das ist sein Problem. Er ist Kurienkardinal, da hatte er nichts mit der eigentlichen Seelsorge zu tun. Was er gerade auf dem Balkon über dem Petersplatz gesagt hat, nämlich ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn zu sein, genau das ist er eigentlich nie gewesen. Das wollte er nur gerne sein. Er war immer protegiert, er war immer weit oben, jetzt ist er eben ganz oben. Aber dass er im Weinberg des Herrn gearbeitet habe, wie ein Pfarrer in Lateinamerika oder ein Ordensmann in Afrika, das stimmt nun nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wofür steht er denn theologisch?

Herrmann: Er hat ein bestimmtes Weltbild. Er ist sehr versiert in der Philosophie und in der Zeitgeschichte. Er ist der Auffassung, wir lebten in einem Zeitalter der Beliebigkeit, des Relativismus, jeder darf tun, was er will, schrankenloser Individualismus, Rücksichtslosigkeit, Narzissmus, Egoismus sind die Stichworte. Und der Katholizismus, der steht unter Ratzinger für die Kontinuität einer festgefügten, seit 2000 Jahren unveränderten Wahrheit.

SPIEGEL ONLINE: Er ist so konservativ, wie man annimmt?

Herrmann: Ich bin fest überzeugt, dass er das ist. Er ist Wojtyla in Potenz. Es wird immer wieder davon gesprochen, dass Johannes Paul II. von Ratzinger theologisch überwacht wurde. Ich halte Ratzinger im Vergleich zu Johannes Paul II. für den weitaus besseren Theologen und den schlaueren Menschen. Aber er kann eben Menschenmassen nicht so begeistern wie sein Vorgänger. Da hat er nicht viel gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von dem Pontifikat Benedikts XVI.?

Herrmann: Es ist davon abhängig, wie lange das Pontifikat dauern wird. 26 Jahre sicher nicht. Man sollte ihn aber nicht einfach als Übergangspapst abtun. Ich gebe ihm die Chance, dass er etwas dazulernen wird. Aber ich glaube, niemand geht allen Ernstes davon aus, dass die großen entscheidenden Wendungen in der Kirche durch Joseph Ratzinger geschehen werden. Aber vielleicht ist er schlau genug einzusehen, dass da etwas getan werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Was sind für Sie die großen Entscheidungen, die jetzt anstehen?

Herrmann: Beim Thema Zölibat oder Geburtenkontrolle nehme ich nicht an, dass Ratzinger etwas ändern wird. Er könnte aber in Afrika und Lateinamerika mehr machen. Er könnte sich daran erinnern, was er als junger Theologieprofessor vertreten hat.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie überrascht, dass das Konklave so kurz ausgefallen ist?

Herrmann: Nein, auch das nicht. Die Kürze des Konklaves hat eindeutig darauf hingewiesen, dass Ratzinger Papst wird. Innerhalb dieser kurzen Zeit konnte niemand einen Gegenkandidaten aufbauen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Namenswahl des neuen Papstes, der sich für Benedikt XVI. entschieden hat, war daran etwas ungewöhnlich?

Herrmann: Ich schreibe gerade ein Buch über den neuen Papst, das nächste Woche erscheinen soll. "Johannes Paul III. Der neue Papst" sollte es ursprünglich heißen, nun muss ich den Titel ändern. Benedikt XVI. - das ist eine höchst erstaunliche Namenswahl. Dabei hätte ich jede Wette gemacht, dass er sich Johannes Paul III. nennt, um die Kontinuität zu seinem Protektor und Freund herzustellen. Aber nicht Benedikt.

SPIEGEL ONLINE: Worauf deutet das möglicherweise hin?

Herrmann: Ich weiß nicht, wie er dazu kommt. Benedikt heißt ja der Gesegnete, vielleicht hatte er das im Sinn. Aber nicht, um an einen seiner 15 Namensvorgänger zu erinnern. Das ist völlig überraschend. Damit hätte nun wirklich niemand gerechnet. Selbst ich nicht.

Das Interview führte Jörg Diehl

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