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23.05.2005
 

Interview mit Nora Tschirner

"Ich werde häufig für doof gehalten"

Romantische Hochzeiten findet sie großartig, Weicheier hingegen kann Moderatorin und Schauspielerin Nora Tschirner nicht ausstehen. Ein Tränchen ab und zu sei in Ordnung. "Ich will nur nicht irgendwann mehr Mutti und Psychotante als Partnerin sein", sagte sie im "Galore"-Interview.

Schauspielerin Tschirner: Bekannt wurde sie durch die ARD-Vorabendserie "Sternenfänger"
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ARD / Thorsten Eichhorst

Schauspielerin Tschirner: Bekannt wurde sie durch die ARD-Vorabendserie "Sternenfänger"

Frage:

Frau Tschirner, sind Sie ein Morgenmuffel?

Nora Tschirner: Nicht in dem wörtlichen Sinne, dass ich nach dem Aufstehen die ganze Zeit rumquengeln würde. Ich habe keinen festen Rhythmus in meinem Leben, deswegen kann ich nicht sagen, ob ich ein Morgenmensch bin oder nicht. Wenn ich aufstehe, bin ich nicht schlecht gelaunt. Nur: Meist stehe ich einfach nicht auf. (lacht)

Frage: Sie sagten einmal, dass aktuell eine Männergeneration von Weicheiern am Start sei. Nur ein kesser Spruch oder ernst gemeint?

Tschirner: (lacht) Ich finde, es gibt so gewisse Tendenzen. Erstens: Alle Menschen spinnen. Zweitens: Jungs mit starken Frauenfiguren in der Familie, von denen es seit den Anfängen der Frauenbewegung natürlich eine Menge gibt, haben Vor- und Nachteile. Gut ist ein großer Respekt vor Frauen, schlecht ist die Überzeugung, notfalls immer der Schwächere sein zu dürfen. Es hat sich eingeschlichen, dass die Frau den stärkeren Part in einer Beziehung verkörpern muss, selbst wenn es ihr gerade schlecht geht. Sie sagt dann nichts, da sie den Mann dadurch ja verschrecken könnte und es ihm dann wiederum schlechter ginge. Gegen einen Mann der ab und zu weint, ist überhaupt nichts einzuwenden. Ich will nur nicht irgendwann mehr Mutti und Psychotante als Partnerin sein. Obwohl Frauen oft genauso einen an der Waffel haben.

Frage: Der einfühlsame Frauenversteher ist nicht Ihr Typ?

Tschirner: Mein Typ ist nicht derjenige, der Ja und Amen sagt und sich selbst außer Acht lässt. Jemand, der mit mir zusammen ist, muss wissen, was für ihn gut ist, und das auch durchsetzen. Er darf kein Egomane sein und ich brauche auch niemanden, der mich quält oder schlägt. Aber wenn es mir selbst schon schwer fällt zu wissen, was ich will, oder meine Sachen durchzusetzen - da brauche ich niemanden, für den ich noch mitdenken muss. Oder jemanden, der nicht sagt, was er denkt. Ganz schlimm.

Frage: Gehe ich insofern recht in der Annahme, dass Sie jemand sind, der nicht immer alles bis ins kleinste Detail ausdiskutieren muss?

Tschirner: (lacht) Doch! Ich treibe Menschen zum Wahnsinn, weil ich Sachen ausdiskutieren muss. Ich halte tatsächlich in bester Frauenzeitschrift-Manier Kommunikation für den Schlüssel zu allem. Ich frage lieber fünf Mal nach und berufe mich darauf, anstatt einmal zu wenig zu fragen. Da gab es auch schon oft Probleme. Aber wenn mir jemand gleich sagt, was er will, und ich mich darauf verlassen kann, dass er seine Wünsche äußert, dann kann ich auch still sein.

Frage: Welches Vorurteil begegnet Ihnen am häufigsten?

Tschirner: Dass ich für doof gehalten werde. Wenn man albern im Fernsehen rumblödelt, wollen die Menschen auch, dass man doof ist. Außerdem wird mir grundsätzlich Kokainmissbrauch nachgesagt - dass ich seit meinem Einstieg bei 'MTV' auf Droge sei. Was echt ein Witz ist. Wer mich schon mal nach dem Kiffen hat umfallen sehen, der weiß, dass das mit mir und den Drogen nie klappen wird.

Frage: Wie reagieren Sie, wenn Sie jemand als junges, dummes und unerfahrenes Ding behandelt?

Tschirner: Wenn ich mit jemandem länger zu tun habe, hoffe ich, dass diese Person relativ schnell bemerkt dass der Eindruck täuscht. Und wenn er es dann immer noch findet, sind wir vielleicht nicht füreinander geschaffen. Ich habe das nur einmal erlebt, bei einer 'Arte'- Redakteurin. Die kam in den Raum, hatte schon vorher beschlossen mich zu hassen und bloßzustellen und hat auch versucht, das knallhart durchzuziehen. Das fand ich ziemlich belustigend. Wenn jemand so engstirnig ist, dann hat er einfach keine gute Erziehung. Und dann bin ich schon wieder überlegen, weil ich gut erzogen bin. Aber grundsätzlich sollen die Leute denken was sie wollen.

Frage: Meistens sind es ja nette Sachen. Sie gelten als authentische, frische Jungschauspielerin mit Berliner Schnauze. Damit lässt es sich leben, oder?

Tschirner: Ich versuche jedenfalls nicht, dagegen anzuspielen. Aber es ist immer etwas schwierig, vor allem wenn diese Berliner Schnauze länger im Raum steht, da muss ich manchmal etwas aufstoßen. (lacht) Es ist natürlich trotzdem berechtigt, das zu sagen, es stimmt ja einfach. Natürlich hätte das eine schlimme 'Berliner Göre goes Ibiza'- Schublade werden können, wenn man mich ausschließlich für so etwas besetzt hätte, aber es hat sich tatsächlich durch Zufall anders ergeben. Seit "Die Sternenfänger" werde ich eher für nachdenkliche Rollen angefragt als für witzige Parts.

Frage: Kann ein Film ein Leben verändern?

Tschirner: Im besten Fall ja. Dann weckt er in einem den Wunsch, auf irgendeine Weise ein besserer Mensch zu werden. Es ist doch großartig, wenn man unglücklich seinen Job in der Kanzlei macht und dann sieht man einen Film und möchte gerne Wale retten. Oder umgekehrt. Wenn einen ein Film aus der eigenen Stumpfheit weckt. Ich würde sehr gerne irgendwann einen solchen Film machen.

Frage: Da Ihr aktueller Film "Kebab Connection" eine deutsch-türkische Komödie ist: Haben Sie sich mit dem Beitritt der Türkei zur EU beschäftigt? Sehen Sie darin eine Chance zwischen Orient und Okzident oder eher die islamische Gefahr?

Tschirner: So ein Thema kann man nicht in zwei Sätzen abhandeln, wenn man der Sache gerecht werden will. Ganz pauschal: Die islamische Gefahr sehe ich nicht. Zusammenrücken und Kennenlernen sind immer bessere Wege. Bedenklich und schwer zu ertragen ist, wie stark dem Islam gegenüber im Moment verallgemeinert wird.

Frage: Wie hat es Ihnen gefallen, im Film ein Hochzeitskleid zu tragen?

Tschirner: Sehr gut, ich finde Hochzeiten hochgradig romantisch. Ich habe meinen Freundes- und Verwandtenkreis schon darauf vorbereitet, dass ich durchaus mal von einem Kurzurlaub wiederkommen und bekannt geben könnte, dass nächste Woche gefeiert wird, ich aber leider schon geheiratet habe. Ich fand diese Britney-Spears-55-Stunden-Ehe ganz weit vorne, im Ernst, und ich finde auch ihre zweite Eheschließung großartig. Diese Person mag verpeilt sein, aber sie ist mit Sicherheit einer der romantischsten Menschen der Welt. Ich finde Hochzeiten ohnehin toll, diese Vorstellung, für immer zusammenzubleiben. Oder meinetwegen auch nicht für immer, auch wenn dann alle schreien wegen der Entwertung der Ehe. Wir müssen eben auch mal in der Gegenwart ankommen. Was ich aber ganz wichtig finde, ist der Moment, in dem ich Ja sage. Da würde ich gerne alles andere ausblenden können.

Das Interview führte Stefan Adrian

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