Von Matthias Gebauer
Hamburg - Auch wenn die Anschläge von London auf den ersten Blick vieles mit den Attacken in Madrid oder Istanbul gemeinsam haben, gibt es einen Unterschied. Während in Spanien oder der Türkei schon wenige Stunden nach den Explosionen erste wichtige Spuren gefunden wurden, tappen die Ermittler in London noch weitgehend im Dunkeln. Eine nicht explodierte Bombe mit einem Telefonchip wie in Madrid oder einen Transporter mit Fingerabdrücken wie in Istanbul haben die Täter von London nicht hinterlassen. Und so stehen die Fahnder in der englischen Hauptstadt noch immer vor einem Rätsel.
Am Montag konnte die Polizei keinen wirklich neuen Ermittlungsstand bekannt geben. Auch wenn es am Wochenende nicht an Namen von angeblich Verdächtigen fehlte, haben die Fahnder bisher niemanden konkret im Visier. Lediglich eine Liste von 30 bekannten Islamisten arbeiten sie Stück für Stück ab und überprüfen, ob die auffällig gewordenen Personen irgendwas mit den Attacken zu tun haben könnten.
Sprengstoff aus Militärbeständen
Ermittler deuteten gegenüber britischen Zeitungen und Nachrichtenagenturen an, dass der benutzte Sprengstoff aus den Lagern des Militärs stammen könnte. Bisher hatte Scotland Yard lediglich mitgeteilt, dass in den detonierten Bomben etwa fünf Kilogramm hochexplosiver Sprengstoff gewesen sei. Hatten die Attentäter aber wirklich Zugang zu Plastiksprengstoff oder ähnlichem Material aus Armeelagern, spräche das für eine extrem gut organisierte Logistik.
Mittlerweile bekommen die Briten aus vielen anderen Ländern Hilfe. Am Samstag unterrichtete Scotland Yard Ermittler aus über zwei Dutzend Länder in einer vertraulichen Sitzung über die ersten Ergebnisse der Recherchen. Teilnehmer der eilig anberaumten zweistündigen Sitzung zeigten sich jedoch später fast schockiert über das Wenige, was man bisher weiß. "Am Ende hatten wir mehr Fragen als Antworten", sagte ein europäischer Geheimdienstler, "bis auf Theorien und Hypothesen ist kaum etwas Greifbares dabei."
Wie zündeten die Bomben?
Trotzdem suchen alle europäischen und auch die US-Sicherheitsbehörden nach jedem noch so kleinen Hinweis aus den eigenen Akten, der den Briten nützlich sein könnte. Jeder Link, den Verdächtige in anderen Ländern nach Großbritannien haben, jede Reisetätigkeit und Tausende von E-Mails werden erneut daraufhin geprüft, ob man etwas übersehen haben könnte. Auf keinen Fall wollen die Fahnder riskieren, irgendetwas falsch eingeordnet zu haben.
An den Tatorten ist man bisher noch nicht auf einen entscheidenden Hinweis gestoßen. Ein wichtiges Indiz für die weiteren Ermittlungen wären Erkenntnisse über den verwendeten Zünder. "Schon Teile des Zünders wären dienlich", sagte ein deutscher Terror-Experte, "doch die sind vermutlich zerfetzt und weit verstreut worden." Das gleiche gilt für die Taschen oder Rucksäcke, mit denen die Täter die Bomben aller Voraussicht nach in die U-Bahnen und den Bus brachten. Aus der Erfahrung von Madrid, wo eine SIM-Karte in einem der als Zünder benutzten Handys den entscheidenden Durchbruch brachte, dürften auch die Täter von London gelernt und weniger Spuren hinterlassen haben.
Videobilder wenig hilfreich
Der zerfetzte Bus am Tavistock Place bleibt trotzdem eine der besten Hinweisquellen. Zum einen lassen sich hier im Gegensatz zu den U-Bahnschächten relativ unkompliziert chemische Spuren für die Sprengstoffanalyse entnehmen. Detaillierte Zeugenaussagen der Businsassen weisen zudem darauf hin, dass der Attentäter vielleicht mit der Bombe in die Luft ging. Laut einem Bericht des britischen "Guardian" haben die Ermittler am Wochenende einen abgerissenen Kopf im Umkreis des Busses gefunden. Damit ließe sich die Hypothese eines getöteten Täters tatsächlich erhärten, wenn man denn die Identität der Person noch feststellen kann.
Die Auswertung von Videoaufzeichnungen erweist sich inzwischen als extrem aufwendig. Zum einen müssen Tausende Stunden von Material aus Dutzenden von U-Bahnstationen und entlang der Route des Busses analysiert und von Beamten verglichen werden. Zudem ist eine Tasche, die bei einem Sprengsatz von fünf Kilogramm nicht größer als die für einen Laptop sein dürfte, auf den relativ schlechten Bildern nur mit äußerster Mühe zu sehen, sofern sie nicht verdeckt ist. Gleichwohl hat die Polizei ein Großaufgebot an Beamten für die Analyse abgestellt.
Planen die Attentäter schon den nächsten Anschlag?
Vor allem die Erfahrung aus Madrid sorgt die englischen und europäischen Ermittler. Damals planten die Attentäter, die wie in London bei den Anschlägen nicht getötet wurden, schon kurz nach den Bomben in den Pendlerzügen einen weiteren Terrorakt und hatten dafür auch noch genügend Sprengstoff auf Lager. Erst als die spanische Polizei durch die schnellen Recherchen ein Haus mit den Verdächtigen umstellte, entschieden sie sich zum Selbstmord durch die Zündung der Bomben.
In Großbritannien können die Attentäter dagegen ruhiger agieren. Aus den Medien wissen sie, dass es bisher kaum Spuren über ihre Identität oder ihren Aufenthaltsort gibt. Die britische Polizei ist deshalb in höchster Alarmbereitschaft. Innenminister Charles Clarke räumte ein, dass London nervös bleiben werde, bis die Hintermänner gefasst seien. "Natürlich befürchten wir weitere Anschläge, bis wir die Bande aufgestöbert haben, die diese Gräueltaten begangen hat", sagte er. Erst wenn die Täter gefasst seien, "werden sich die Menschen wieder sicherer fühlen", so Clarke. Bombenalarme, die heute mehrfach für Evakuierungen in London sorgten, werden vorerst an der Tagesordnung bleiben.
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