London/Kairo - Berichte, denen zufolge der 33-jährige Magdi Mahmud Mustafa Naschar Kontakte zur Qaida unterhalten habe, entbehrten jeder Grundlage und beruhten auf voreiligen Schlussfolgerungen, heißt es in einer Erklärung von Innenminister Habib al-Adli, die heute in der Tageszeitung "al-Gumhurijam" veröffentlicht werden sollte. Naschar werde weiter vernommen, um Aufschluss über seine mögliche Verwicklung in die Anschläge vom 7. Juli zu erhalten.
Naschar war am Donnerstagabend in einem Vorort von Kairo gefasst worden. Laut einer Erklärung des ägyptischen Innenministeriums bestritt der Mann im Verhör bislang jede Beteiligung an den Anschlägen. Naschar sei nach eigener Aussage zum Studieren an die Universität der nordenglischen Stadt Leeds gegangen und habe dort seit dem Jahr 2000 an seiner Dissertation gearbeitet, die er Anfang des Jahres abgeschlossen habe. Derzeit befinde er sich auf einem sechswöchigen Heimataufenthalt und wolle danach in Leeds sein Studium fortsetzen. In seiner dortigen Wohnung befänden sich noch alle seine Habseligkeiten.
Der US-Fernsehsender ABC hatte berichtet, der Festgenommene sei der als "Chemiker" gesuchte Mann, der die Bomben für die Anschläge vom 7. Juli gebaut haben soll. Bei den Explosionen in drei U-Bahnen und einem Bus starben mindestens 54 Menschen, 700 weitere wurden verletzt.
Auch der britische Fernsehsender BBC berichtete unter Berufung Regierungsangaben aus Kairo, es gebe keine Verbindung zwischen Naschar und der Qaida. Der Verdächtige hatte England zwei Wochen vor den Anschlägen verlassen. Die britische Polizei hatte eine weltweite Suche nach ihm eingeleitet.
Die britische Polizei bezeichnete ihn aber offiziell nicht als Verdächtigen. Nach Informationen der BBC gab er den Terroristen die Schlüssel für ein Haus in Leeds.
Scotland Yard-Chef Ian Blair geht bei der Jagd nach den Hintermännern der Londoner Selbstmordanschläge von einer eindeutige Qaida-Verbindung der Terroristen aus. "Wir erwarten eine klaren Qaida-Ansatz, weil die vier toten Männer zur Kategorie der Fußsoldaten gehören", sagte der Londoner Polizeichef. Er warnte außerdem vor der "sehr großen Möglichkeit" weiterer Anschläge.
Scotland Yard jagt neuen Verdächtigen
Blair bestätigte außerdem, dass ein auf einer britischen Beobachtungsliste stehender Mann vor den Anschlägen nach Großbritannien eingereist sei und kurz vor den Explosionen nach Berichten das Land wieder verlassen habe. Diesem sei aber keine Priorität hinsichtlich einer möglichen Überwachung eingeräumt worden.
Nach Medienberichten vom Vortag glaubt Scotland Yard, dass dieser Mann, ein Brite pakistanischer Herkunft mit Qaida-Kontakten, der Drahtzieher für die Tat sein könnte. Er sei im vergangenen Monat in einem britischen Hafen eingetroffen, um den vier Selbstmordattentätern Anweisungen zu geben. 24 Stunden vor den Anschlägen verließ er nach den Berichten die britische Insel.
Die Polizei empfahl den im Londoner Finanzdistrikt angesiedelten Unternehmen nach einem Bericht der "Financial Times" vor dem Hintergrund der Anschläge die Aktualisierung ihrer Sicherheitsvorkehrungen. Angemahnt worden sei die Errichtung von Barrieren im Eingangsbereich von Gebäuden sowie verstärkte Kontrollen von Besuchern und Parkhäusern, heiß es.
Festnahmen in Pakistan
In Pakistan nahmen Sicherheitskräfte im Zusammenhang mit den Ermittlungen vier Personen fest. Einer der mutmaßlichen Selbstmordattentäter soll sich 2003 in Pakistan mit einem Mann getroffen haben, der später wegen eines Anschlags auf eine Kirche in Pakistans Hauptstadt Islamabad verhaftet worden sei.
Die britische Polizei stellte gestern in den Häusern der mutmaßlichen Attentäter hochexplosiven Sprengstoff sicher. Bei dem gefundenen Sprengstoff handelt es sich offenbar um TATP (Triacetontriperoxid), der aus einfachen Haushalts-Chemikalien hergestellt werden kann. Anleitungen dazu fänden sich im Internet. Nach Expertenangaben neigt dieser Sprengstoff aber zur Selbstzündung bei Erschütterungen und Temperaturschwankungen.
"Das Hauptproblem ist die absolute Instabilität, insbesondere während der Produktion und des Transportes (einer Bombe)", sagte Alex Standish, ein früherer Artillerie-Offizier. Aus diesem Material bestehende Bomben über mehrere Stunden per Auto oder Bahn von Leeds nach London zu transportieren, sei nahezu unmöglich, fügte er hinzu. Ihm seien rund 40 Fälle von Palästinensern bekannt, die beim Bau von TATP-Sprengsätzen ums Leben kamen.
Selbstmordattentäter besuchte Parlament
Einer der Selbstmordattentäter von London hat vor einem Jahr auf Einladung eines Unterhausabgeordneten das britische Parlament besichtigt. Wie die BBC berichtete, wurde Mohammad Sidique Khan, 30, von dem örtlichen Labour-Abgeordneten Jon Trickett durch das Parlamentsgebäude geführt. Khan begleitete eine Gruppe Kinder von der Schule in Leeds, an der er als Hilfslehrer arbeitete.
Während der Besichtigungstour sprach er auch mit Entwicklungsminister Hilary Benn. Trickett sagte: "Es trifft einen wirklich sehr, wenn man erfahren muss, dass jemand, der sich damals sehr viele Gedanken um die Kinder zu machen schien, nur ein Jahr später so viele Menschen umbringt." Die insgesamt vier muslimischen Selbstmordattentäter hatten am Donnerstag vergangener Woche Bomben in drei Londoner U-Bahnen und einem Bus gezündet. Dadurch töteten sie mehr als 50 Menschen und verletzten 700.
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