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03.08.2005
 

Säuglingstötungen

Zum Entsetzen kommt Empörung

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm hat versucht, die Tragödie um die neun getöteten Neugeborenen von Brieskow-Finkenheerd mit der "erzwungenen Proletarisierung" in der DDR zu erklären. Parteifreunde und politische Gegner sind entsetzt.

Brandenburgs Innenminister Schönbohm: "Erzwungene Proletarisierung"
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REUTERS

Brandenburgs Innenminister Schönbohm: "Erzwungene Proletarisierung"

Frankfurt an der Oder - Während das Entsetzen über die neun grausigen Kindstötungen in Brandenburg anhielt, sorgte Schönbohm (CDU) mit seinem Erklärungsversuch für Empörung. "Ich glaube, dass die von der SED erzwungene Proletarisierung eine der wesentlichen Ursachen ist für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft", sagte der CDU-Politiker dem Berliner "Tagesspiegel". Darauf reagierten ostdeutsche Politiker auch aus der CDU mit deutlicher Kritik und Unverständnis.

Am heftigsten reagierte Sachsen-Anhalts FDP-Chefin Cornelia Pieper, die Schönbohms Rücktritt forderte. "Das ist völlig daneben und eine Diskriminierung von Ostdeutschen", sagte sie der "Mitteldeutschen Zeitung". Der Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) warnte seinen Minister vor zu einfachen Erklärungsmustern und verwies darauf, dass auch anderswo schlimme Verbrechen geschehen.

Von einer "verbalen Entgleisung", die auch angesichts der Schwere der Tat nicht zu rechtfertigen sei, sprach der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Eckhardt Rehberg. "Ich finde diese Äußerungen unerhört", empörte sich der Thüringer CDU-Generalsekretär Mike Mohring. Der Oberbürgermeister von Frankfurt an der Oder, Martin Patzelt (CDU), kritisierte Schönbohms Erklärungsmuster als nicht ausreichend.

Deutliche Kritik kam aus der in Linkspartei umgetauften PDS, die 1990 aus der SED hervor gegangen war. "Mit der Denunziation der Biografien von Millionen Menschen im Osten hat sich Jörg Schönbohm endgültig disqualifiziert", sagte deren Bundesgeschäftsführer Rolf Kutzmutz. Die stellvertretende Brandenburger Linkspartei-Chefin Kirsten Tackmann kritisierte, Schönbohms Erklärung sei "billige Propaganda".

Streit offenbart Ratlosigkeit

Der Streit unter den Politikern offenbart die allgemeine Ratlosigkeit darüber, wie es zu der grausigen Tragödie von Frankfurt an der Oder kommen konnte. "Es ist ein Phänomen, es will niemand etwas bemerkt haben", sagte Staatsanwältin Annette Bargenda kopfschüttelnd mit Blick darauf, dass keiner in der Familie der teilweise geständigen Sabine H. wenigstens eine der neun Schwangerschaften zwischen 1988 und 1999 registriert haben soll - nicht einmal der eigene Mann.

"Die Ehe war sehr konfliktbeladen über einen sehr langen Zeitraum", sagte zwar Oberstaatsanwältin Kerstin Langen. Doch wie schlecht muss eine Beziehung sein, um neun Schwangerschaften zu übersehen? Auch die Ermittler im bisher schwersten Fall von Kindstötung in Deutschland stellen sich die Frage, ob Sabine H. die Kinder wirklich in aller Stille gebar und ums Leben brachte. Ihre Arbeit konzentriert sich deshalb auf das Umfeld der Frau.

Polizisten durchsuchen eine weitere Wohnung der verdächtigen Sabine H. in Eisenhüttenstadt
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DPA

Polizisten durchsuchen eine weitere Wohnung der verdächtigen Sabine H. in Eisenhüttenstadt

Polizeisprecher Peter Salender kündigte weitere Vernehmungen in deren Verwandten- und Bekanntenkreis an. Staatsanwältin Bargenda sagte, die Fahnder wollten vor allem prüfen, ob es alte Fotos gibt, auf denen man sieht, dass die seit vergangenem Sonntag in Haft sitzende Frau schwanger war.

Gegen ihren ehemaligen Mann, mit dem Sabine H. von 1987 bis 2005 verheiratet war, wird aber zunächst nicht ermittelt. "Er wie auch die Verwandten und die Beschuldigte selbst haben erklärt, dass niemand je etwas von den Schwangerschaften wusste", erklärte Staatsanwalt Ulrich Scherding. "Wir können das im Moment nicht widerlegen." Bargenda ergänzte, der Mann sei als Vertreter manchmal monatelang nicht zu Hause gewesen, seit 2001 habe das Paar getrennt gelebt.

Andererseits hat Sabine H. erklärt, alle getöteten Kinder seien von eben jenem Mann. Um Zweifel auszuräumen, lässt die Staatsanwaltschaft derzeit DNA-Tests vornehmen. Im Labor werden die Babyleichen außerdem auf Todesursachen hin untersucht.

Schönbohm hatte in seinen heftig kritisierten Äußerungen auch die Gleichgültigkeit des engeren Umfeldes beklagt und an ähnliche Verbrechen in Brandenburg erinnert. So hatte 1999 eine junge Frau in Frankfurt an der Oder ihre zwei und drei Jahre alten Söhne in der Wohnung verdursten lassen. Die Kinder hatten verzweifelt an die Scheiben des Plattenbaus geklopft und geschrien, aber kein Nachbar reagierte.

Eine Familie in Cottbus bewahrte ihren Sohn zweieinhalb Jahre in der Kühltruhe auf, nachdem dieser an Entkräftung gestorben war. Niemand aus der Nachbarschaft fragte nach dem verschwundenen Kind. Auch das Schulamt bohrte nicht nach, weshalb es nicht eingeschult wurde.

Sven Kästner, AP

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