Von Sandra Fomferek, Köln
Köln - Auf den Pflastersteinen vor der Kölner Kirche St. Agnes liegen Flora vom Hofe, Martina Jenneskens und Anna Bosbach in der Sonne und singen leise. Den drei 17-Jährigen aus der Nähe von Kleve steht der Schock noch deutlich ins Gesicht geschrieben. "Wir haben gestern beim Abendgebet von Frère Rogers Tod erfahren", erzählt Flora leise.
Die St. Agnes Kirche ist Treffpunkt der Taizé-Anhänger. Nach einem gemeinsamen Lied habe ein Bruder den Pilgern gestern Abend die Nachricht mitgeteilt. "Viele sind direkt in Tränen ausgebrochen, andere haben fassungslos geschwiegen", beschreiben die Mädchen. Bis 2 Uhr nachts haben sie in der angrenzenden Krypta für Bruder Roger gebetet. "Manche haben sogar dort geschlafen", sagt Martina Jenneskens. "Er war eine so friedliche Person, hat nicht polarisiert. Taizé ist der friedlichste Ort der Welt. Es ist einfach unfassbar", sagt Flora. Vier Mal war sie schon in Taizé, erst vor vier Wochen das letzte Mal.
Gesänge in der Krypta
"Es wird sich jetzt etwas verändern dort", meint Johanna Duran, 17. Ein schwarzes geschwungenes Kreuz hängt an ihrem Hals - ein Zeichen der Taizé-Gemeinschaft. Übernächste Woche wird sie wieder da sein, zum 15. oder 16. Mal, sie weiß es nicht mehr genau. "Ich kann es immer noch nicht glauben. Es war klar, dass er irgendwann stirbt und dass sein Ende näher kommt, aber doch nicht so", fügt sie hinzu.
In der abgedunkelten Krypta hinter der Kirche sitzen Taizé-Anhänger auf den Boden und Bänken, singen andächtig. Die Gesichter sind voller Trauer, manche wischen sich Tränen aus den Augenwinkeln. Änderungen im Programm des Weltjugendtags soll es nicht geben, sagt Sprecherin Anne-Kathrin Rochwalsky. Am Abend werden aber vier ökumenische Gottesdienste stattfinden, bei denen die Pilger Gelegenheit haben, des Taizé-Gründers zu gedenken.
In einer Seitenkapelle der St. Agnes-Kirche liegt ein Kondolenzbuch bereit, daneben steht ein Bild von Bruder Roger mit schwarzem Trauerflor, darunter liegen Blumen und brennende Kerzen. "Der Tod ist der Hinübergang von der einen Hand Gottes in die andere. Frère Roger ist in guten Händen, und er hält von dort weiter seine guten Hände über unsere Jugend", hat Kardinal Meiser am Nachmittag hineingeschrieben. Zum Weltjugendtag habe Frère Roger nicht nach Köln kommen können, aber jetzt sei er präsent, sagt Meisner vor der Kirche zu den Fernsehteams und Reportern, "wie Johannes Paul II.".
Von Weltjugendtagstrubel keine Spur
In der Kirche hat der Kardinal mit den Jugendlichen gemeinsam schweigend Bruder Rogers gedacht. Direkt vor dem Altar wurde für ihn eine Bank zum Knien aufgestellt. Auf dem grauen Teppichboden der Kirche liegen ansonsten nur vereinzelt kleine hölzerne Bänkchen. Mit geschlossenen Augen, die Beine umschlungen, sitzen viele Pilger auf dem Boden.
Bis auf den Vorplatz der Kirche hat sich das leise und andächtige Trauern der Taizé-Anhänger ausgebreitet. Vom üblichen Weltjugendtagstrubel, der in dem Rest der Stadt vorherrscht, fehlt jede Spur. Niemand schwenkt Flaggen, keiner tanzt oder grölt Parolen. Marc Lorenz, 20, will gerade zum Gebet gehen. Abends hatte sein Jugendpfarrer ihn per SMS über den Anschlag informiert. "Ich war geschockt", erzählt er. In Taizé habe ihn Frère Roger einmal gemeinsam mit anderen Jugendlichen zum Mittagessen eingeladen. "Er hatte so viel Charisma, hat immer gelächelt."
Der 20-Jährige hofft, dass der Tod Rogers etwas bewirken wird: "Vielleicht ist das ein Impuls für die ökumenische Gemeinschaft." Daran glaubt auch Beate Denfeld, 49, die mit ihrer 13-jährigen Tochter zur Agnes-Kirche gekommen ist. "Wenn jetzt gemeinsam getrauert wird, könnte das ein Zeichen für die Ökumene sein", meint sie. Der gewaltsame Tod des Taizé-Gründers werde auf jeden Fall etwas bewirken steht für Christoph Fischer, 20, fest: "Das lässt den Mythos Frère Roger aufleben."
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