Sonntag, 22. November 2009

Panorama



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20.08.2005
 

Interview zum Katholikentreffen

"Das hier ist ein Weltpapsttag"

Zu viel bischöfliche Belehrung, zu wenig Mitspracherecht für Jugendliche - das Katholikentreffen ist eine Veranstaltung von Männern, die von Frauen und Kindern keine Ahnung haben, sagt Tobias Raschke von "Wir sind Kirche - Jugend" im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE:

Vor dem Weltjugendtag haben Sie kritisiert, die Veranstaltung präsentiere sich in der "kruden Art kommunistischer Weltjugendfestspiele". Revidieren Sie inzwischen Ihre Einschätzung?

Papst Benedikt XVI. in Köln: Popstar auf den Spuren von Johannes Paul II.?
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DDP

Papst Benedikt XVI. in Köln: Popstar auf den Spuren von Johannes Paul II.?

Raschke: Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass zu dem sogenannten Weltjugendtag nicht alle Jugendlichen der Welt eingeladen sind, sondern nur die katholischen - wie bei den Kommunisten nur kommunistische Jugendliche kommen durften. Ich wünschte mir dagegen ein für alle offenes Ereignis. So aber muss ich dem Kölner Kardinal Joachim Meisner Recht geben, der gesagt hat, was sich hier wirklich abspielt: ein Weltpapsttag.

SPIEGEL ONLINE: Für viele Jugendliche steht nicht der Papst und der Klerus im Mittelpunkt des Weltjugendtages, sondern die Begegnung und die Gemeinschaft mit gläubigen Altersgenossen aus aller Welt.

Raschke: Man hätte die Gemeinschaft intensivieren können, indem man den ausländischen Gästen eine internationale Veranstaltung nach Art der deutschen Katholikentage geboten hätte. Statt den Jugendlichen nach Nationen eingeteilt religiösen Unterricht in geschlossenen Gruppen zu erteilen, hätte man mehr Workshop-Arbeit und Diskussionsforen schaffen müssen. Da kommt Dialog zwischen den Nationen zustande, so würde man sich besser kennenlernen.

SPIEGEL ONLINE: Es sieht so aus, als ob vielen Jugendlichen die Spiritualität wichtiger ist als der Diskurs. Haben die überhaupt Lust, zu diskutieren?

Jugendliche mit Klapperstorch beim Kirchentreffen in Köln: "Thema Aids ist im offiziellen Programm tabu"
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DDP

Jugendliche mit Klapperstorch beim Kirchentreffen in Köln: "Thema Aids ist im offiziellen Programm tabu"

Raschke: Es gibt auch auf Katholikentagen genügend Möglichkeiten, sich in Spiritualität zu üben. Ich habe auch nichts gegen die Katechesen über die Bibel. Doch brauche ich dazu nicht unbedingt einen Bischof. Es wäre wichtiger, dass sich die Jugendlichen selbst über ihre Glaubenserfahrungen und über die Bibel austauschen.

SPIEGEL ONLINE: Bundespräsident Köhler hat bei der Begrüßung des Papstes am Flughafen gesagt, Orientierung kann nur von Orientierten kommen. Ist die Hilfestellung von Bischöfen, Kardinälen und vom Papst nicht hilfreich für junge Glaubende?

Raschke: Diese Hierarchie klammert doch über die Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich die Frauen, einfach aus. Sie kommen in der Amtskirche nicht vor. Kleriker haben kaum eine Ahnung von Frauen, von Familie und von Jugendlichen, weil sie in einer von der realen sehr entfernten Welt leben. Das führt zu einem Mangel an Dialogfähigkeit und dazu, dass Bischöfe oft sehr dozierend daherkommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie charakterisieren Bischöfe als weltfremd. Sind sie dafür nicht Experten in Glaubensfragen?

ZUR PERSON

Tobias Raschke

ist Sprecher der katholischen Basisbewegung "Wir sind Kirche - Jugend". Die Organisation ist aus dem Kirchenvolksbegehren 1995 hervorgegangen. Damals wurden im deutschsprachigen Raum 2,3 Millionen Unterschriften gesammelt und an den Vatikan geschickt, mit dem Ziel, die katholische Kirche zu reformieren. Der 26- Jährige kommt aus München, studiert jedoch in Köln Politik und Medienberatung. Auf dem Weltjugendtag trägt er meist ein rotes T- Shirt mit der Aufschrift: "Condoms save lives".
Raschke: Junge Menschen müssen ermutigt werden, ihren eigenen Glauben zu suchen und zu finden. Die Ausrichtung auf die Amtsträger ist beim katholischen Weltjugendtag zu stark.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt die überwältigende Fröhlichkeit unter den Teilnehmern bei Ihnen an?

Raschke: Ich bin vor allem vom Gemeinschaftsgefühl beeindruckt, das die Jugendlichen unserer internationalen Jugendkoalition "Weltjugendtag für alle" erleben. Jugendliche aus 15 Ländern sind dabei vertreten. Wir fahren eine Kampagne mit dem Slogan "Good Catholics Use Condoms" ("Gute Katholiken benutzen Kondome"). Wir haben eine überwältigende positive Resonanz darauf. Die Jugendlichen sind dankbar, dass wir das Thema Aids aufgreifen, das im offiziellen Programm tabu ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich, dass die basiskatholische Bewegung "Wir sind Kirche", der Sie angehören, von den Organisatoren des Weltjugendtags nicht einbezogen wurde?

Raschke: Die würden uns hier am liebsten gar nicht sehen. Denn wir werfen kritische Fragen auf, über die Bischöfe ungern reden: Fragen zur Sexualität, über die Rolle der Frau, den Zölibat, über Jugendbeteiligung oder den sexuellen Missbrauch in der Kirche.

SPIEGEL ONLINE: Viele Jugendliche wollen nicht ständig über Zölibat, Frauenpriestertum und Sexualmoral nachdenken. Vielleicht interessieren sie sich mehr für glaubensspezifische Themen wie Eucharistie, Gebet oder für den in Aussicht gestellten Ablass.

Raschke: Ich habe hier noch niemanden gehört, der sich positiv über diese mittelalterliche Ablass-Idee des Papstes geäußert hätte. Das ist ein Hohn für den gesamten Protestantismus in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie den bisherigen Auftritt von Papst Benedikt XVI. in Köln?

Raschke: Im Unterschied zum Inquisitor Ratzinger lächelt er ja. Er versucht in ein Pop-Star-Image zu schlüpfen wie es Johannes Paul II. hatte. Die Vatikan-Fotografen haben ihn super in Szene gesetzt, als sie ihn im offenen Cabrio mit verspiegelter Sonnenbrille ablichteten. Doch wichtiger wäre Dialog. Der fehlt bisher.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie vom Kampf des Papstes gegen den Relativismus der Werte?

Raschke: Wenn wir über HIV und Sexualität reden, dann reden wir über Werte. Dabei geht es um Verantwortung und um moralisches Verhalten. Unmoralisch finde ich, dass die Kirche nichts dagegen tut, dass sich täglich 14.000 Menschen mit HIV infizieren. Die Hälfte davon sind Jugendliche zwischen 15 und 24. Gleichzeitig verbreitet die katholische Kirche Falschinformationen, etwa dass HI-Viren durch Kondome hindurchgingen. Das ist falsch und gefährlich. Das halte ich für ungerecht und unkatholisch. Wie man angesichts dessen positiv über Werte reden kann, ist mir ein Rätsel. Die Kirche kann nur glaubhaft über Werte reden, wenn sie ehrlich ist.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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