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24.08.2005
 

Flutkatastrophe in Moosburg

"Höchstkritische Situation in ganz Bayern"

Aus Moosburg berichtet Roman Heflik

Noch kein Zeichen von Entspannung in der kleinen Isar-Gemeinde Moosburg: Die Deiche drohen der Last der Flut nachzugeben. Sirenen rufen auch die letzten Bewohner zur Mithilfe. Bis zur völligen Erschöpfung arbeiten die Helfer gegen die Katastrophe an.

Isarstraße in Moosburg: Heute Nacht wird's mit Schlafen wohl nix
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Isarstraße in Moosburg: Heute Nacht wird's mit Schlafen wohl nix

Moosburg - Der Motor des Landcruisers heult auf, dann wird das Geräusch vom Gurgeln des Wassers geschluckt. In vollem Tempo jagt der Kreisbrandmeister den Wagen durch den kleinen Fluss, der sich plötzlich auf einem Waldweg bei Moosburg auftut. Vor ein paar Tagen gab es diesen rund einen Meter tiefen Strom noch nicht, und genau das ist der Grund für die Sorge.

Der Deich zur Isar ist undicht. Er ist nicht nur undicht, er leckt an Dutzenden von Stellen auf einer Länge von mehr als einem Kilometer. Breite Rinnsale ergießen sich in den tiefer gelegenen Wald und vereinen sich unten mit dem neu geborenen Fluss. Noch wird das Gewässer von einem eilig errichteten zweiten Behelfsdamm aufgestaut. Aber wenn diese Sperre dem wachsenden Druck nicht standhalten und brechen sollte, läuft der untere Teil von Moosburg mit Wasser voll.

Kaum stoppt der Wagen, geht Geiner auch schon los, um die Lecks des Dammes zu begutachten. Links sickert es, rechts staut sich das milchkaffee-braune Wasser bis zwanzig Zentimeter unter die Dammkrone. Und das soll es laut Prognosen auch noch die nächsten zwei bis drei Tage tun. Für die Einsatzkräfte, die den maroden Zustand des Deichs kennen, ist das keine schöne Vorstellung.

Radfahrer in der Isar-Gemeinde: Jetzt könne wir nur noch beobachten und reagieren
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Radfahrer in der Isar-Gemeinde: Jetzt könne wir nur noch beobachten und reagieren

Der kleine Ort zwischen Freising und Landshut steckt in der Klemme: Ein zweiter Fluss, die sonst so träge dahin fließende Amper, die auf Höhe Moosburgs in die Isar mündet, führt ebenfalls Hochwasser. Im Gegensatz zur Isar wird die Amper den Scheitelpunkt ihrer Flut erst in dieser Nacht erleben. "Heute Nacht wird's mit Schlafen wohl nix", sagt Bürgermeisterin Anita Meinelt und grinst schief. Sie ist schon in den vergangenen 35 Stunden kaum zum Schlafen gekommen. Aber sie gibt sich kämpferisch: "Es sieht so aus, als ob wir den Deich halten könnten." Man habe alles Mögliche getan, "jetzt können wir nur noch beobachten und reagieren".

Und Löcher stopfen. Im Minutentakt rasen große, geländegängige Kipplaster durch den Wald, die Tonnen von Kies, Sand oder Sandsäcken an den vollgesogenen Deich schaffen. Überwacht werden die Dichtungsarbeiten von Männern wie Max Braun, dem Kommandanten der Freiwilligen Feuerwehr Moosburg. "Die Deiche machen uns jedes Mal aufs Neue Probleme", sagt Braun und wischt sich mit der Hand über die zerfurchte, schweißnasse Stirn. Seit rund 36 Stunden ist er jetzt schon nonstop im Einsatz. Müde? "Wenn du die ganze Zeit arbeiten musst und so angespannt bist, wirst du nicht müde", sagt er.

Straße von Oberhummel nach Moosburg: "Die höchstkritische Situation in ganz Bayern"
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Straße von Oberhummel nach Moosburg: "Die höchstkritische Situation in ganz Bayern"

Eigentlich ist Braun selbstständiger Kaufmann und der Inhaber einer kleinen Firma im Ort. Aber solche Situationen wie jetzt hat er schon ein paar Mal erlebt - zuletzt in Thailand, wo er als Freiwilliger bei den Bergungsarbeiten nach dem Tsunami bis zum Umfallen schuftete. Sein Funkgerät quäkt. Ein Feuerwehr-Kamerad fragt an, ob er sich "mal kurz zurückziehen" könne. Auch er ist seit gestern im Einsatz. Die Strapazen für die Einsatzkräfte sind enorm: Viele der oft jugendlichen Helfer haben erst heute Nachmittag die erste heiße Mahlzeit seit 30 Stunden bekommen.

Knatternd schwebt ein Polizeihubschrauber über die Baumwipfel, in einem Netz unter seinem Bauch hängen Dutzende Sandsäcke. Ein größerer Transporthubschrauber der Bundeswehr ist bereits angefordert worden und wird in Kürze erwartet. Im Gegensatz zu dem verheerenden Hochwasser von 1999 klappt dieses Mal die Koordination zwischen den Einsatzkräften - einer der Gründe, warum Bayern bislang vor Schlimmerem bewahrt blieb.

Bürgermeisterin Meinelt hat prominenten Besuch in den mückenverseuchten Wald mitgebracht: Der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf ist vorbeigekommen, um den immer durchlässigeren Deich zu begutachten. "Dies hier ist die höchstkritische Situation, die wir in ganz Bayern haben", stellt der Minister fest. Andernorts entspanne sich die Lage wieder, aber bei Moosburg spitze sie sich immer weiter zu. Es müsse jetzt alles dafür getan werden, dass der Deich halte.

Ein Flutopfer spiegelt sich im Verkehrsspiegel: "Eine Sanierung geht nicht von heute auf morgen"
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Ein Flutopfer spiegelt sich im Verkehrsspiegel: "Eine Sanierung geht nicht von heute auf morgen"

Dass die alten Deiche schon seit Jahren bei jedem Hochwasser undicht werden, ficht den Minister nicht an. Der Freistaat Bayern habe sich ein ehrgeiziges Deichsanierungsprogramm auferlegt, in das er insgesamt 2,3 Milliarden Euro investieren werde, sagt Schnappauf. "Wir haben bereits weit über 100 Kilometer Deich saniert, aber in einem so großen Land wie Bayern geht eine solche Sanierung natürlich nicht von heute auf morgen." Das Land habe es bei diesen Arbeiten oft mit Dutzenden oder gar Hunderten verschiedener Grundstücksbesitzer zu tun, darum dauerten die rechtlichen Verfahren oft so lang.

Egal warum - für den Moosburger Damm hat es möglicherweise zu lang gedauert: Um 18:35 Uhr heulen die Sirenen. Größte Not! Auch die müdesten Bürger und Helfer werden gerufen. An drei Stellen drohen die Deiche zur Isar zu brechen. 200 Menschen versuchen das heute Nacht zu verhindern.

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