Sie waren heute morgen schon in aller Frühe laufen. Kompliment - das schafft nicht jeder.
Westermann: Ich esse und trinke sehr gerne, und wiege schnell mal ein paar Kilo mehr, wenn ich mich nicht regelmäßig bewege. Jetzt laufe ich drei Mal in der Woche. Tja, wer den Spargel mit viel brauner Butter isst - es ist furchtbar. Wir hatten in der letzten Woche eine Staffel mit "Zimmer frei!"-Aufzeichnungen, und das ist hart, weil man da die ganze Zeit im Studio steht, Cappuccino trinkt und Schokoriegel isst. Und dann nimmt man in der Sendung mit dem Gast noch fette Leberkäs-Brötchen zu sich.
Frage: Man sieht es Ihrer Figur also an, ob Sie gerade aufzeichnen oder nicht?
Westermann: Ja schon. Man kann zwar gut schminken, indem man die Wangenpartie etwas schmaler macht. Aber es gibt ja auch Spiele, bei denen ich ehrgeizig gucke, und dann hängt da so ein Doppelkinn. Dann denke ich immer: Mist, entweder vorher abnehmen oder jetzt nach oben gucken.
Frage: Dann lächelt es sich aber nicht so charmant...
Westermann: Wenn ich wirklich charmant lächle, dann kommt das auch von Herzen. Mit und ohne Doppelkinn. Ich habe aber mittlerweile, wenn nach der Sendung Fotos gemacht werden, auch ein "Zimmer frei!"-Lächeln. Das ist noch nicht ganz perfekt, noch wirkt es zu angeknipst. Aber ich arbeite daran.
Frage: Alle freien Mitarbeiter der Lokalzeitungen lernen, es sei eine journalistische Todessünde, Menschen beim Essen zu fotografieren, weil das immer unvorteilhafte Bilder gibt. Bei "Zimmer frei!" steht das Speisen am Anfang der Sendung. Essen Sie da wirklich mit Genuss, oder denken Sie auch daran, wie das jetzt gerade im Fernsehen ausschauen wird?
Westermann: Nein, da machen wir uns keine Gedanken mehr. Götz fragt oft vorher, was es am Abend gibt. Und wenn es dann einen italienischen Vorspeisenteller gibt, isst er vorher in der Kantine kein Käsebrötchen mehr. Viele Gäste sind irritiert, weil sie denken, das Essen sei nur Dekoration. Für uns ist es das nicht. Wenn es etwas wirklich Gutes zu essen gibt, muss ich darauf achten, dass wenigstens ich den Mund dann ab und an mal leer habe, denn Götz fühlt sich wie Zuhause und isst mit großem Appetit. Es gab übrigens auch unter den Gästen große Esser. Der ARD-Börsenexperte Frank Lehmann aus Frankfurt zum Beispiel hat bei der hessischen Wurscht reingehauen wie nichts Gutes. Als wir am Ende der Sendung vor dem Publikum standen, schaute er noch mal auf den Küchentisch und fragte: "Ei, was passiert denn jetzt mit der Wurscht?" Und als das Rotlicht aus war, hat er sich noch eine kalte Bratwurst nachgeschoben.
Frage: Trotz dieser ungezwungenen Atmosphäre wirken viele Gäste sehr nervös.
Westermann: Ich unterschätze das sehr, denn ich bin zwar konzentriert, aber kein Stück nervös. Aber gerade bekannte Schauspieler, von denen man denkt, die machen das mit links, haben vorher feuchte Hände. Ein schönes Beispiel war Till Schweiger, bei dem wir dachten, der kommt und sagt: "Zimmer frei! So what?" Aber er fragte vor der Show ganz zappelig: "Kinder, was habt ihr vor?" Wir haben dann vorher ein bisschen Champagner getrunken, und das hat der Sendung gut getan.
Frage: Auch in der Sendung wird ja fleißig und gerne nachgeschenkt...
Westermann: Das liegt an der Küchentisch-Atmosphäre. Da schüttet man nicht nach, um den anderen fröhlicher zu machen, sondern man sitzt da, isst und trinkt, und wenn das Glas leer ist, wird nachgeschenkt. Das gehört dazu.
Frage: Als "Zimmer frei!" startete, haben Sie noch in San Francisco gelebt und sind für die Moderationen regelmäßig von Kalifornien nach Köln gejettet. Wie kam es zu dem Umzug?
Westermann: Das war zu einer Zeit, als hier eine Beziehung ein sehr schmerzhaftes Ende fand. Da hatte ich dann die Idee: Du bist Journalistin, du könntest doch auch von hier aus arbeiten. Ich habe mein Hab und Gut in ein Lagerhaus gestellt und bin mit zwei Koffern nach San Francisco geflogen.
Frage: Hatten Sie dort eine erste Anlaufstation?
Westermann: Nein, ich kannte niemanden und habe mir über die Mitwohnzentrale eine Wohngemeinschaft gesucht. Ich wohnte erst mit einer Frau zusammen und bin dann in eine Schwulen-WG gezogen. Da habe ich gelernt, dass homosexuelle Beziehungen genauso laufen wie heterosexuelle. Die fetzen sich über genau die gleichen Dinge. Ich war vorher so naiv zu glauben, dass das die idealen Beziehungen sind.
Frage: Sie haben sich im Alter von 51 Jahren noch getraut, einem Mann das Ja-Wort zu geben. Wie groß war Ihr Respekt vor der Ehe?
Westermann: Ich hatte ja vorher keine Erfahrungen mit ihr. Wohl mit allerlei Beziehungen, was aber ein gehöriger Unterschied ist. Ich habe mit 51 dann doch geheiratet, weil ich gedacht habe: Das ist er. Und, ganz wichtig: Das bleibt er. Das Ja war endgültig, in den Beziehungen vorher war das anders. Ich habe immer gerne geflirtet, und das mache ich immer noch gerne. Aber heute ist es gebremster Schaum, weil ich mich einfach entschieden habe.
Frage: Sie flirten gerne, aber flirten Sie auch gut?
Westermann: Ja. Ich kann vor allem gut mit jungen Männern flirten. Wichtig ist, dass sie nicht denken, ich könnte ihre Mutter sein. Mein Mann ist übrigens fünf Jahre jünger als ich.
Frage: Im Internet habe ich eine sehr schöne Beschreibung eines Fans gefunden, der schrieb: "Christine Westermann ist süß. Sie bewegt sich wie ein Roboter, bei dem einige Gelenke vergessen wurden."
Westermann: Wunderbar. Wenn es einen Moment bei "Zimmer frei!" gibt, über den ich froh bin, wenn er vorbei ist, dann ganz am Anfang, wenn Götz und ich rauskommen. Götzi-Mausi kommt tänzelnd wie ein Galopper vor dem Start aus seiner Ecke und hat bei der Begrüßung des Publikums diese weichen, ausladenden Bewegungen. Dagegen wirke ich wie eine kaputte Bahnschranke. Das hat Annette Frier in der "Wochenshow" mal klasse nachgemacht. Seitdem verzichte ich auf diese Bewegung.
Frage: Eine Sache, die Sie nicht können, machen Sie im Fernsehen trotzig weiter: das Singen.
Westermann: Das kann ich nicht, das stimmt. Aber es gibt viele Menschen, die gerne singen, ohne es zu können. Glauben Sie mir, Götz hat versucht, mich davon abzuhalten, aber da stehe ich wie eine Eins. Wenn es schöne Songs sind, amerikanische Barsongs von Cole Porter zum Beispiel, dann singe ich einfach. Bei den Spielen mache ich ja auch alles mit. Da ist es mir mittlerweile eine Herzensangelegenheit, Götz beim Schummeln zu übertrumpfen.
Frage: Götz Alsmann hat einmal gesagt, sie beide moderierten bei "Zimmer frei" absolut eifersuchtsfrei.
Westermann: Ein schönes Zitat. Und es stimmt. Um es ganz einfach zu sagen: Ich kann nicht Klavier spielen, er ist kein Journalist. Da kommen wir uns nicht in die Quere.
Frage: Wobei er ganz gut austeilen kann, nicht wahr?
Westermann: Er ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, die Schwächen des Anderen deutlich zu machen. Für einen guten Gag verrät Götz seine beste Freundin - von der ich gar nicht weiß, ob ich es bin. Götz ist eine Rampensau und das heißt für ihn: Wenn ich einen Hänger habe oder eine Angriffsfläche biete, nutzt er das gnadenlos aus. Er weiß aber fast immer, wann er übers Ziel hinausgeschossen ist. Und wenn er sich dann ganz lieb bei mir entschuldigt, dann macht es mir Spaß, die Gekränkte zu spielen und ihn zappeln zu lassen. Wir mögen uns. Sogar sehr.
Frage: Bleibt die Frage, wie viele junge männliche TV-Journalisten an Sie herantreten und mit Ihnen zusammen eine Sendung machen möchten? Immerhin haben Ihre ersten beiden TV-Ehen mit Frank Plasberg und Götz Alsmann den Kollegen an Ihrer Seite alles andere als geschadet...
Westermann: Was ich gerne machen möchte, wäre eine WDR-Sendung für die Babyboomer-Generation. Für Leute, die Ende der vierziger Jahren geboren wurden, später 68er waren und eine musikalische, kulturelle und sexuelle Revolution gestartet haben. Für diese 50-plus-Jährigen gibt es heute kein adäquates Fernsehformat. Und die Zielgruppe ist spannend. Ich könnte mir vorstellen, dies mit Jörg Thadeusz zu moderieren, das würde gut passen. Es könnte aber auch eine jüngere Frau sein; vielleicht würde es mit Sarah Kuttner funktionieren. Noch fehlt mir da die zündende Idee. Meine Befürchtung ist nur, dass ich in einem Jahr sagen werde: "Mist, jetzt macht das RTL."
Das Interview führte André Bosse
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