New Orleans - "Dies ist ein verzweifelter SOS-Ruf", sagte Bürgermeister Ray Nagin dem Sender CNN. "Wir haben keine Hilfsgüter mehr für 15.000 bis 20.000 Menschen am Kongresszentrum." Die Situation sei völlig außer Kontrolle, die Bedingungen katastrophal. "Wir lassen die Leute jetzt von hier aus losmarschieren", kündigte der Bürgermeister an. Bei vielen Gestrandeten, die seit Tagen ohne Wasser und Nahrung auf Hilfe warten, lagen die Nerven blank. In den Straßen gab es teils brutale Kämpfe um Plätze in Rettungsbooten, berichteten Reporter. Vor dem Footballstadion Superdome machten sich Verzweifelte gegenseitig die Sitze in den wenigen vorhandenen Bussen streitig.
"Wir wollen Hilfe!", skandierten Tausende vor dem Superdome, als sich Fernsehkameras näherten. Viele Menschen waren aufgebracht, die Lage äußerst gespannt. "Wir haben nichts: kein Wasser, keine Windeln, keine Aussicht auf Rettung", sagte eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm. "Wo sind die Helfer?" Ein Sprecher der Nationalgarde gab die Zahl der Versammelten mit bis zu 60.000 an. Nagin sagte, der Bau sei nicht mehr sicher, die Hygiene nicht mehr gewährleistet und es werde wohl nicht genug Busse geben, um die Menschen wie geplant nach Texas zu bringen.
Rettungsaktionen wurden zeitweise ausgesetzt
Die Katastrophenbehörde FEMA hatte ihre Rettungsaktionen aus Sorge um die Sicherheit ihrer Mannschaften teilweise ausgesetzt. Auf einen Rettungshubschrauber war geschossen worden. Mit Pistolen bewaffnete Banden machten die Straßen unsicher, zahlreiche Geschäfte waren ausgeraubt. Eine Sprecherin des städtischen Rettungszentrums erklärte, Rettungshubschrauber würden bei ihren Versuchen beschossen, Kranke aus Kliniken zu evakuieren. Leute feuerten aus der Nähe auf Helikopter und Polizisten und riefen ihnen zu: "Ihr solltet lieber meine Familie abholen."
"Die Szenen gleichen einem Apokalypse-Film", berichtete ein Reporter. Tausende Obdachlose kampierten auf Straßen und Brücken - in der Hoffnung, aus der Stadt herauszukommen. Auf einer Autobahn flehten hunderte Menschen vorbeifahrende Autofahrer an: "Bitte helft uns!" Andere bettelten um Wasser. Die Nationalgarde will außer Bussen auch Eisenbahnen einsetzen und eine Luftbrücke aufbauen. Hunderte Polizisten seien auf dem Weg zur Unterstützung ihrer Kollegen nach New Orleans, sagte der Minister für Heimatverteidigung, Michael Chertoff. Nach seinen Angaben waren bis Donnerstag 3500 Menschen im Footballstadion Superdome mit Bussen abgeholt worden. Die meisten sollen in das nicht mehr genutzte Stadion Astrodome in Houston gebracht werden. Das liegt zwar 500 Kilometer entfernt, ist aber die nächstgelegene Unterkunft, die schnell für so viele Flüchtlinge eingerichtet werden kann. 500 weitere Busse seien auf dem Weg, sagte Chertoff.
Hilferuf aus dem Luxushotel
Aus dem Luxushotel Ritz Carlton in der Stadt kam ebenfalls ein verzweifelter Hilferuf von Gestrandeten. "Die Toiletten sind voll, das Wasser wird knapp, wir sind auf Essensrationen gesetzt und haben bislang keinen einzigen Helfer gesehen", sagte Phyllis Petrich in einem Hilfeanruf im Studio von CNN. "Wir wissen nicht, ob überhaupt irgendjemand weiß, dass wir hier sind. Die Lage ist brenzlich." In dem Hotel seien 300 Leute. Sie hätten zum Frühstück nur noch Kekse und ein Glas Wasser gehabt. Angesichts marodierender Banden draußen wage sich keiner auf die Straße. Hotelangestellte mit Pistolen bewachten die Anlage.
"Wir können nicht glauben, wie schlecht das alles organisiert ist. Wir haben noch keinen einzigen Helfer gesehen", sagte Petrich und flehte den Moderator an, Hilfe zu organisieren. Britische Hotelgäste hätten sich mit einem ähnlichen Aufruf an die BBC gewandt.
Angesichts des Unmuts über die schleppend anlaufenden Hilfsaktionen mahnten die Behörden zur Ruhe. Die Hilfe sei auf dem Weg. "Alle tun alles in ihrer Macht stehende", sagte der Direktor der Behörde für Katastrophenmanagement, Michael Brown.
Das Desaster sei mit dem Hurrikan "Katrina" nicht vorbeigewesen, sagte Brown. Die Situation in New Orleans habe sich durch die Dammbrüche, die die Überflutungen verursachten, täglich verschlimmert. Seine Behörde habe vor dem Hurrikan Lebensmittel, Decken und Erstehilfe-Material in der Region bereitgestellt, um den Betroffenen unmittelbar nach dem Sturm helfen zu können. Aber das ständig schlimmer werdende Desaster sei da nicht vorauszusehen gewesen.
Bush kündigt einmalige Hilfsaktion an
US-Präsident Bush kündigte eine bisher einmalige Hilfs- und Rettungsaktion an. So sollen mehrere Marineschiffe, Amphibienfahrzeuge und Hubschrauber entsendet und dutzende große Feldlazarette mit insgesamt 10.000 Betten eingerichtet werden. Er stellte außerdem "Null Toleranz" gegenüber Plünderern und Preistreibern im Krisengebiet in Aussicht. Die Situation der besonders Verletzlichen dürfe nicht ausgenutzt werden, sagte er dem Fernsehsender ABC. Die Nationalgarde will zusätzlich 24.000 Soldaten in die Katastrophengebiete schicken, 13.000 sind bereits im Einsatz.
Bush wollte so schnell wie möglich ein Zehn-Milliarden-Dollar -Hilfspaket verabschieden. Der Kongress wurde dazu aus der Sommerpause zurückgerufen. "Die Nation wird gestärkt aus dieser Katastrophe hervorgehen", sagte Präsident George W. Bush im Weißen Haus. Er wollte an diesem Freitag über das hunderte Quadratkilometer große Katastrophengebiet fliegen.
Zahl der Hurrikan-Toten geht in die Tausende
Die Zahl der Hurrikan-Toten geht nach Behördenangaben in die Tausende - damit zeichnet sich die schlimmste Katastrophe seit einem Jahrhundert in den USA ab. Denn in den Katastrophengebieten warten insgesamt mehrere hunderttausend Menschen noch immer auf Rettung. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wachsen. In Louisiana, Mississippi und Alabama fehlten vielerorts Lebensmittel und sauberes Trinkwasser, Plünderer raubten Nahrungsmittel und Waffen aus Geschäften, Einbrecher räumten verlassene Häuser aus. "Die Lage ist schrecklich, es ist heiß und feucht", sagte FEMA-Chef Michael Brown. Die Sorge vor Seuchen wie Typhus und Cholera wächst. "Die Bedingungen verschlechtern sich rapide", sagte ein Gesundheitsexperte von der Universität Louisiana. Fachleute vergleichen die Situation mit den Zuständen in Südostasien nach dem Tsunami Ende 2004.
Bis zu 300.000 Menschen warten nach Angaben der Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, in den betroffenen Gebieten ihres Bundesstaates noch auf ihre Evakuierung. In der Kleinstadt Biloxi gingen die Plünderungen nach der Ankunft von Soldaten zurück. Die Heilsarme baute Zelte neben der zerstörten Kirche der Stadt auf und begann, 1200 Mahlzeiten pro Tag zu servieren. Freiwillige, die meisten selbst Opfer des Sturms, halfen bei der Essensausgabe. Rettungskräfte suchten mit Robotern nach Überlebenden und mit Hunden nach Leichen.
Deutschland bot den USA Unterstützung an, um der "entsetzlichen Naturkatastrophe" Herr zu werden, sagten Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer in Berlin. Auch Hollywoodstars und Musiker sowie Sportler setzen sich mit Spendenaufrufen und Aktionen für die Hurrikan-Opfer ein. Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz und Care International riefen zu Spenden auf.
Hurrikan-Schaden wird auf 50 Milliarden Dollar geschätzt
Der Gesamtschaden infolge des Hurrikans "Katrina" könnte nach jüngsten Schätzungen 50 Milliarden Dollar (40 Milliarden Euro) betragen. Nach einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht der Rating-Agentur Standard & Poor's ist in dieser Berechnung auch die weit verbreitete Beschädigung der Infrastruktur enthalten. Versicherungsgesellschaften haben ihren voraussichtlichen Schaden bislang mit 25 Milliarden Dollar beziffert. Der Agentur zufolge könnte sich diese Summe jedoch verdoppeln, wenn auch Schäden an nicht versicherten Objekten wie Brücken und Straßen berücksichtigt werden. Demnach wird das Bruttoinlandsprodukt der USA im dritten Quartal dieses Jahres infolge des Hurrikans vermutlich um 0,5 Prozent zurückgehen. Im zweiten Quartal war es noch um 3,3 Prozent gestiegen.
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