New Orleans/Washington - Zwar gebe es viele Menschen, die hart arbeiteten, um den Opfern zu helfen, sagte Bush kurz vor dem Abflug zu einem Besuch in die Katastrophenregion. Die Ergebnisse der bisherigen Hilfsaktionen seien aber "nicht akzeptabel", gab er nach der massiven öffentlichen Kritik zu. "Aber jetzt werden wir den Menschen helfen, die Hilfe benötigen", versprach der Präsident. Der US-Kongress hatte zuvor 10,5 Milliarden Dollar Soforthilfe für die Opfer von "Katrina" bewilligt.
Bush hatte seinen Urlaub um zwei Tage verkürzt und war am Mittwoch nach Washington zurückgekehrt, um den Hilfseinsatz zu koordinieren. Der Präsident wollte sich am Nachmittag selber vor Ort über die Lage in der Krisenregion informieren. Bush werde sich zuerst von einem Helikopter aus ein Bild von der Lage in Mississippi und Alabama verschaffen und dann nach New Orleans weiterfliegen, teilte der Sprecher des Weißen Hauses mit. Danach wolle der Präsident auch einige Orte zu Fuß aufsuchen. "Für einen Präsidenten reicht es nicht aus, mit seinem Flieger einen Schlenker zu machen, durch das Fenster zu gucken und zu sagen 'Oh, was sind das für Verwüstungen!'", kritisierte der demokratische Senator Frank R. Lautenberg die Art des Besuchs von Bush.
Auch von Ray Nagin, dem Bürgermeister von New Orleans, wurde Bush massiv attackiert. "Ich brauche Polizeiverstärkung, ich brauche Truppen, ich brauche Busse", forderte Nagin in einem Interview mit dem Radiosender WWL. "Die haben keinen blassen Schimmer, was da unten abgeht", schimpfte er über die Bush-Regierung. "Ich bin stocksauer."
In Washington werde lange über den möglichen Einsatz von Schulbussen diskutiert, dabei müssten angesichts des Ausmaßes des Desasters sämtliche Busse im ganzen Land auf der Stelle bereitgestellt werden, sagte Nagin. "Bringt sie zum Teufel hier runter!"
"Da sind Tausende gestorben und jeden Tag sterben weitere Tausende und wir können es nicht auf die Reihe bekommen, die Hilfe zu organisieren? Jemand muss sich verdammt noch mal ins Flugzeug setzen und herkommen und diese Fragen auf der Stelle lösen!", sagte Nagin.
Trotz der Zusage von täglich 1400 zusätzlichen Nationalgardisten und der laut Präsident Bush größten Hilfsaktion der US-Geschichte hat sich das Chaos in den Katastrophengebieten um New Orleans weiter verschlimmert. "Das ist eine nationale Schande", schimpfte der Sicherheitschef der Südstaatenmetropole Terry Ebbert.
Auch heute, am Tag fünf der Katastrophe, warten noch immer Zehntausende Menschen in New Orleans auf ihre Rettung. Sie haben seit Tagen nichts mehr zu Essen und zu Trinken, in den Straßen stapelt sich Müll, Urin und Fäkalien fließen im Rinnstein. Die Opfer der Hurrikan-Katastrophe hätten inzwischen einen Groll auf Politiker jedweder Couleur, sagte der frühere Senator von Louisiana, John B. Breaux. "Es ist ihnen egal, ob Sie ein Elefant oder ein Esel sind", sagte Breaux. "Sie müssen zeigen, dass sie Herr der Lage sind, dass etwas geschieht."
Der Polizeichef von New Orleans, Eddie Compass, berichtete, neben Raubüberfällen und Schlägereien sei es auch zu Vergewaltigungen gekommen. Der Chef der Polizei von Louisiana, Henry Whitehorn, sagte, er habe gehört, dass mehrere Beamte in New Orleans ihre Dienstmarke abgegeben hätten. "Sie sagten, sie hätten alles verloren und wollten jetzt nicht zurückgehen, um sich von Plünderern erschießen zu lassen."
Augenzeugen berichteten auch von zwei Krankenhäusern in New Orleans, die von Plünderern belagert seien. Diese seien mit Schusswaffen und Metallrohren bewaffnet und versuchten, Schmerzmittel und Medikamente zu stehlen. In beiden Kliniken seien Strom und Wasser ausgefallen. Schwer kranke Patienten fehle es an Sauerstoff, Insulin oder Infusionslösungen. "Ein Patient nach dem anderen stirbt", sagte ein Arzt. Unterdessen stieg auch die Seuchen-Gefahr, da die Wassermassen in der Stadt mit Giftstoffen aus Müll, Benzin und Düngemittel durchmischt waren.
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