Aus Baton Rouge berichtet Matthias Gebauer
Überfluteter Parkplatz vor der Redaktion von "Times-Picayune"
Baton Rouge - Am Dienstag sind die Recherchen seiner Truppe für den Chefredakteur der "Times-Picayune" im wahrsten Sinne des Wortes bad news. Gerade hatte sich Jim Amoss ein Paar neue Hosen und ein frisches T-Shirt gekauft, da stoppt ihn einer seiner Reporter am Eingang zum Büro. "Ich bin gerade an deinem Haus vorbeigekommen", berichtet er, "sie haben es geplündert." Einen Moment lang wirkt Amoss wie erstarrt. Dann fasst er sich. "Ich habe mir das schon gedacht", murmelt er. Am Ohr hat er noch sein Mobiltelefon, hatte gerade über die morgige Ausgabe diskutiert. Zeit zum Ärgern nimmt er sich nicht, schon redet er weiter über die Titelgeschichte.
Sein neues Büro ist für Amoss noch ungewohnt, es wirkt steril. In einem Raum reihen sich an die 40 Bürozellen aneinander, Neonröhren tauchen die Redaktion in kaltes Licht. Die kargen Sperrholzwände füllen sich erst langsam mit Zetteln, Fotos und Telefonlisten. Am Ende des Raums hat Amoss seine leitenden Redakteure aufgereiht, in der Mitte sitzt er in seiner Box. Rechts von ihm wird gerade die Seite eins auf einer Flip-Chart aufgemalt.
Der Raum ist für die Journalisten, was für andere Menschen aus New Orleans die Stadien oder Hotels in fremden Städten geworden sind: Ein Exil, in das sie am Dienstag vergangener Woche flüchten mussten. Seitdem sitzen sie in Baton Rouge, rund 100 Kilometer westlich von New Orleans, in einem gemieteten Business-Center und machen Blatt - natürlich über "Katrina" und die Folgen.
Desaster nach der Entwarnung
Bis zum letzten Moment hatten Amoss und sein Team in New Orleans ausgeharrt. Dem Sitz der "Times Picayune" an der Howard Avenue, rund anderthalb Kilometer vom Superdome entfernt, hatte der Sturm schon in der Nacht zum Montag mächtig zugesetzt. Die Glasfassade zersplitterte fast komplett. Die Redaktion verschanzte sich, sicherheitshalber im Kern des Gebäudes. Einige Redakteure brachten auch ihre Familien mit. Reporter wagten sich immer wieder heraus und berichteten. Noch lief auch die Druckerpresse, ein Generator sorgte für Strom. Eigentlich war die Mannschaft gerüstet. Sie wollten bleiben, um aus ihrer Trutzburg so gut wie möglich zu berichten.
Wie groß ihre Geschichte wirklich werden würde, entdeckten zwei Reporter dann fast zufällig. Während die großen Fernsehsender schon Entwarnung gaben, radelten sie am Montagabend in den Distrikt Lakeview, wo sich plötzlich das wahre Desaster ankündigte. Zwei Meter stand das Wasser mancherorts bereits und stieg rasch. Schnell recherchierten die Kollegen, dass ein Damm gebrochen war, Teile der Stadt drohten zu versinken.
Der Scoop der Times-Mannschaft ging nie in Druck. Schnell stieg der Pegel rund um die Redaktion herum. Dann fiel der Strom aus. Die Druckerpressen stoppten. Wenigstens online veröffentlichten die Journalisten ihre Erkenntnisse noch.
"Erst als wir unseren Job unmöglich wurde, blies ich zum Abmarsch"
Es ist ein wenig ungewöhnlich, wenn man im tiefsten Louisiana plötzlich auf Deutsch angesprochen wird, dazu noch mit Bremer Färbung. Amoss ist an der Nordsee aufgewachsen, seine amerikanischen Eltern arbeiteten im Schifffahrtsgewerbe. Schwerer Sturm war ihm nicht fremd und vielleicht zögerte er auch deshalb bis zur allerletzten Sekunde, die Stadt zu verlassen. "An unsere Sicherheit habe ich gar nicht so sehr gedacht", sagt der Journalist, der seit fast 30 Jahren bei seiner Heimatzeitung arbeitet, "erst als wir unseren Job nicht mehr machen konnten, blies ich zum Abmarsch". Vorbereitet war die Flucht. 20 Laster standen startbereit vor den Toren des Hauses. Jeder nahm, was er tragen konnte und stieg ein. Jim Amoss setzte noch schnell auf die Online-Seite der Zeitung, dass die Redaktion leider evakuiert werden müsse. Dann ging auch er.
Das Wasser stand zu dieser Zeit schon bis zum Kühler der Trucks. Im Schritttempo bahnte sich die Karawane mit den Journalisten auf der Ladefläche ihren Weg durch die Fluten auf die rettende Autobahnbrücke der Interstate No. 10. Wohin sie nun sollten, wusste auch Amoss nicht. Ausgerüstet mit einem Satellitentelefon recherchierte er während der Fahrt, von wo seine Mannschaft weiter berichten könnte. Rund 20 Times-Journalisten waren vor Ort geblieben, um weiter zu recherchieren und Bilder zu machen. Aus Wohnungen, die von Wasser und Sturm verschont geblieben waren, machten sie provisorische Büros. Per Satellitentelefon meldeten die Männer und Frauen vor Ort ihre News an die neue Zentrale, die Amoss in der Universität von Baton Rouge und dem Business Center errichtete.
Umstellung auf Online
Die Ausgabe am vergangenen Mittwoch erschien trotz der Flucht, allerdings im Internet. 17 Seiten produzierte eine Rumpfmannschaft in Houma, etwa 30 Minuten von New Orleans entfernt. Das Team hatte weder Software, noch andere Technik mitgebracht. Fieberhaft bastelten sie, improvisierten und schafften es schließlich. Alle Artikel waren von Mitgliedern der Redaktion verfasst, nur ein einziges Foto kam von den Nachrichtenagenturen.
Wenn Amoss in seinem Büro einen kleinen Moment verschnauft, kann er seinen Stolz nicht verbergen: "Jeder hier arbeitet bis an seine Grenze", sagt er. Dabei hat der 57-Jährige ein fast jungenhaftes Lächeln auf dem Gesicht, der Stress scheint ihm nichts auszumachen: "Dass ich ein gutes Team habe, wusste ich. Dass sie so gut sind, ist eines der wenigen guten Dinge, die dieser Sturm gebracht hat", sagt er.
Bis heute ist die Times jeden Tag erschienen. Einige der Ausgaben waren nur online zu lesen, da erst eine Druckerei gefunden werden musste. Die Online-Seite entwickelte sich zum Blockbuster, im pdf-Format waren die Seiten stets ausdruckbar. Statt der sechs Millionen Klicks vor dem Sturm verzeichnen die Server seither 30 Millionen Zugriffe pro Tag.
Aus einer Zeitung wurde mehr und mehr ein Forum der versunkenen Stadt: Leser können Suchanzeigen aufgeben und Informationen über jeden einzelnen Distrikt abrufen. Zusätzlich gibt es einen 24-Stunden-Chat, um Angehörige zu finden. Die Redakteure der Times schreiben wie in einem Blog rund um die Uhr, was sie auf den Straßen von New Orleans erleben. Mittlerweile verteilen Mitarbeiter auch wieder eine gedruckte Ausgabe, meistens umsonst.
Ganz New Orleans in einer Redaktion
Wie in einem Mikrokosmos spiegelt sich in der Redaktion von Amoss das ganze Leid der Einwohner von New Orleans wider. Einer seiner Reporter war tagelang wie vom Erdboden verschluckt. Trotz intensiver Recherchen konnten ihn seine Kollegen nicht aufspüren.
Als sich die Lage am Donnerstag in der Innenstadt zuspitzte, musste einer seiner Fotografen plötzlich um sein Leben fürchten. Als er einen offenbar erschossenen Mann fotografieren wollte, der auf der Straße lag, richteten Polizisten plötzlich die Waffen auf den Journalisten. Er und ein Reporter der Times wurden an ihren Wagen gedrückt, der Fotoapparat und Notizblock konfisziert. Kurze Zeit später titelte die Zeitung: "Die Stadt ist für niemanden sicher".
Jeden Tag fragen sich die Journalisten, ob sie eher Betroffene oder Beobachter sind. "Wir sind gut genug ausgebildet, um unsere Emotionen zu kontrollieren", sagte Amoss. Stets bleibt der Zeitungsmacher höflich, der mit seinem Team 1997 zwei Pulitzer-Preise gewann. Zorn, Verzweiflung, Wut auf die Behörden - Amoss lässt sich davon nichts anmerken. Nur in den Kommentaren seines Blattes merkt man, wie es auch in ihm kocht. Am Sonntag sorgte der Leitartikel für weltweite Furore. Alle Verantwortlichen sollten ihren Hut nehmen, forderte die Redaktion der Times forsch und schloss Präsident George W. Bush aus dieser Gruppe bewusst nichts aus.
Am Mittwoch will Amoss erstmals seit der Evakuierung der Redaktion wieder selbst nach New Orleans fahren. Sein Haus zu sichern steht eher weiter hinter auf der To-do-Liste des Chefredakteurs. "Ich werde meinen Kofferraum voller Bier und Eis packen und mich bei meinen Mitarbeitern bedanken", sagt er. Er selbst würde am liebsten so schnell wie möglich das Redaktionsbüro in der Innenstadt wieder aufbauen. Dass dies wohl nicht so bald gehen wird, weiß auch er. Für das kleine Apartment in Baton Rouge, das er für sich und seine Familie gemietet hat, unterschrieb er erst vor einigen Tagen einen Mietvertrag. "Auf dem Papier stehen drei Monate, doch was heißt das schon", sagt er.
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