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Frage: Haben Sie sich den besser gezaubert, oder war der von sich aus schon so gut?
Copperfield: Der kam hier so aufs Zimmer. Bei gewissen Dingen sollte man keine unnötigen Abstriche machen. Orangensaft gehört definitiv dazu. Ohne einen halben Liter davon stehe ich nicht auf.
Frage: Hatten Sie gestern zufällig die Gelegenheit, einen Blick in die Berliner Boulevard-Presse zu werfen? Dort heißt es, Sie hätten ausgerechnet das Holocaust-Mahnmal für ein Promo-Shooting zweckentfremdet.
Copperfield: Gott, was für ein Schwachsinn! Ich war als Tourist und amerikanischer Jude dort! Die vermeintlichen Fotografen waren Paparazzi, die mir auf eigene Rechnung gefolgt sein müssen. Weder bin ich mit ihnen in Kontakt getreten, noch wird mich ein Reporter bei irgendwelchen magischen Posen erwischt haben. Über so etwas kann ich mich wirklich aufregen.
Frage: Wenn man Sie interviewt, sieht man sich ebenfalls mit einem gewissen Dilemma konfrontiert. Man wird Sie nicht danach befragen können, was die Leser neben Ihrer immerhin sechs Jahre währenden Liaison mit Claudia Schiffer am meisten interessiert, nämlich: Wie macht er das alles bloß?
Copperfield: Ich denke, da irren Sie. Man stellt mir diese Fragen sehr wohl. Das gehört einfach zur grundsätzlichen Neugier des Menschen. Ich bin aber der Überzeugung, dass Sie die Antwort eigentlich gar nicht wissen wollen.
Frage: Warum? Weil ich mir und anderen durch diese Entmystifizierung den Spaß verdürbe?
Copperfield: Genau. Die Menschen brauchen Träumereien. Wüssten die Leute, wie sich die Dinge im Detail abspielen, wären sie ziemlich enttäuscht. Zumal ich sowieso vier oder fünf unterschiedliche Wege kenne, um zum Ziel zu gelangen. Also: Sollen sie doch ruhig raten. Bevor Sie dem Rest meines Publikums die Show damit versauen, nehme ich eine andere Route. Glauben Sie mir: Ich kann Dinge auf unterschiedlichste Art und Weise verschwinden lassen.
Frage: Bücher wie jene von William Poundstone oder Herbert L. Becker haben die Funktionsweise Ihrer populärsten Tricks aber bis ins Detail enthüllt - und Ihrem Image damit durchaus Schrammen beigefügt. Nervt Sie das nicht?
Copperfield: Sicher, es gab Zeiten, wo mich das ein bisschen geärgert hat, weil ich die Beweggründe partout nicht nachvollziehen konnte. Aber das ist vorbei. Herb Becker ist inzwischen sogar ein guter Freund von mir. Irgendwann muss er eingesehen haben, dass es damit nicht getan ist und seine enormen Anstrengungen am Ziel vorbeischießen. Die Leute kaufen diese Bücher, lesen sie... aber der Faszinationskraft meiner Shows tut all das keinen Abbruch. Sie gehen ja auch nicht deshalb nicht in eine "Star Wars"-Episode, weil Sie zuvor im Fernsehen ein "Making of" gesehen haben, oder?
Frage: Wie verhindern Sie, dass sich unter Ihren mittlerweile um die 150 Angestellten schwarze Schafe befinden?
Copperfield: Ganz simpel: Jeder meiner Mitarbeiter ist nur über Teilaspekte einer Illusion im Bilde. Ich bin derjenige, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Das ist anstrengend, aber anders geht es nun mal nicht.
Frage: Was bedeutet Ihr Publikum für Sie?
Copperfield: Die Leute schenken mir so viel mehr als ich verdiene. Sie gehen nicht nur mit heruntergeklappten Kinnladen nach Hause, viele weinen sogar hemmungslos.
Frage: Warum denn das?
Copperfield: Weil ich zahlreiche emotionale Geschichten in meine Programme einflechte. Die sind ebenfalls Teil der Magie. Ein Teil meiner Zuschauer tritt während meiner Shows sogar in Kontakt mit verstorbenen Angehörigen, und das ist natürlich ein intensives Erlebnis. Für andere erfüllt sich einfach nur ein Traum. Es kommen oft Menschen zu mir und gestehen, dass sie zum ersten Mal während einer Show in Tränen ausgebrochen sind. Solche Sachen motivieren mich ungemein.
Frage: Dann zaubern Sie mir doch bitte kurz etwas vor. Geht das ohne Vorbereitung?
Copperfield: Ich soll Ihnen zeigen, ob ich auch ohne Technik zu etwas tauge? Eine kleine Performance? Na fein. (steht auf, reibt sich die Hände) Legen Sie bitte Ihre Hand mit ausgestrecktem Arm und nach vorn zeigenden Fingern flach auf den Tisch... genau so, ja. Jetzt versuchen Sie mal den Arm zu drehen. Sehen Sie? Es geht nicht. Und jetzt schauen Sie sich meinen an... (dreht seinen Arm ohne die Hand vom Tisch zu nehmen zweimal um die eigene Achse)
Frage: Oh mein Gott... okay.
Copperfield: Tja, jetzt sind Sie baff, was? Das war's dann mit unserem Interview.
Frage: Das ist doch bestimmt nur ein simpler Trick.
Copperfield: Mag sein. Alles, was ich tue, sind Tricks.
Frage: Was bereitet Ihnen eigentlich persönlich mehr Vergnügen: die große Millionen-Dollar-Multimediashow für die Massen oder der kleine Spielkarten-Evergreen für Kids?
Copperfield: Wie Sie wissen, mache ich beides - das Elementare wie das Spektakuläre. Wenn Sie es schaffen, altbekannte Zauberei mit einem einzigartigen Dreh zu versehen, sind Sie verdammt cool. Gehen Sie völlig unbetretene Wege und erfinden eine von Grund auf neue Illusion - wofür ich bekannt bin - dann gehören Sie in die Hall Of Fame. Ich habe meine ersten Tricks mit acht Jahren kreiert, und bereits mit zwölf veröffentlichte ich mein erstes Zauberbuch. Ansonsten war ich ein Versager, doch auf diesem Gebiet machte mir keiner etwas vor. Jede einzelne meiner Mega-Illusionen habe ich selbst entworfen und mit meinem Team realisiert.
Frage: Vielleicht ist es an der Zeit, ein paar Begriffe auseinander zu halten. Als was genau empfinden Sie sich: als Magier oder als Illusionisten?
Copperfield: Wenn Sie sich einen Illusionisten nennen, bezahlt man Ihnen 20 Prozent mehr Gage. Und Sie sind ehrlicher. Eine Menge von dem, was ich tue, beruht auf hartem Training. Beantwortet das Ihre Frage?
Frage: Nicht ganz.
Copperfield: Ich glaube in der Tat, dass es da draußen Dinge gibt, die wir uns empirisch nicht erklären können. Das Telefon klingelt - und wir wissen intuitiv, wer anruft. So etwas lässt sich trainieren, verstärken. Wenn man das begriffen hat, ist man im Stande, Außergewöhnliches zu tun.
Frage: Kann sich derartige Fähigkeiten jeder beibringen?
Copperfield: Dessen bin ich mir nicht sicher. Fest steht, dass jeder Mensch mehr auf dem Kasten hat, als ihm bewusst ist. Es ist alles eine Frage der Übung. Intuition, physikalische Stärke, Instinkte - da kommt eine Menge zusammen. Denken Sie an ein unter einem tonnenschweren Auto eingeklemmtes Kind. Es sind Fälle dokumentiert, in denen eine zierliche Frau plötzlich in der Lage war, das Auto anzuheben und es zu befreien. Erklären Sie mir so ein Phänomen mal!
Frage: Was ist mit Wundern? Gibt es die auch?
Copperfield: Aber ja, und sie passieren jeden Tag! Alleine die Tatsache, dass wir beide - ein Amerikaner und ein Deutscher - heute an diesem Tisch sitzen und miteinander reden, ist für sich genommen extrem unwahrscheinlich. Können Sie mir erklären, wie ein Jumbojet, so schwer wie ein Haus, fliegt? Wir empfinden das längst als Selbstverständlichkeit, doch im Grunde ist es ein verdammtes Wunder. Genau wie ein handelsübliches Mikrowellengerät.
Frage: Meinen Sie nicht, dass Sie da gerade eher von Wissenschaft sprechen? Wir beide sind eben keine Aerodynamiker.
Copperfield: Was ist denn die Wissenschaft anderes als das Studium der Wunder? Die Natur an sich ist unbegreiflich, komplex und... ich meine, ich bitte Sie: Wasser wird bei Kälte zu Schnee! Das ist doch total verrückt!
Frage: Können auch Kollegen Sie mit Tricks verzaubern?
Copperfield: Bestenfalls für einen kurzen Moment, was eigentlich schade ist. Ich selbst habe durch meinen Job die Fähigkeit, mich verzaubern zu lassen, nahezu eingebüßt. Zumindest, was andere Magier anbelangt. Ich wünschte, sie wären besser. Ein Flugzeug: okay. Ein Film wie "Kung Fu Hustle": blanke Sprachlosigkeit. Ein Magier? Vergessen Sie's.
Frage: Es gibt demnach niemanden, der Ihnen derzeit das Wasser reichen könnte.
Copperfield: Nein. Mich verblüfft keiner mehr.
Frage: Die Magie hat sie steinreich gemacht. Momentan rangieren Sie an Platz 13 der weltweit bestbezahlten Entertainer. Haben Sie damit in irgendeiner Form gerechnet?
Copperfield: Ich bitte Sie - nicht einmal die Idee davon existierte in jener Zeit. Als ich mit der Magie Ernst machte, traten die Größen des Fachs in irgendwelchen Varieté-Shows in Las Vegas auf. Zehn Minuten zwischendurch, bevor die nächsten Mädels auf die Bühne hoppelten; das war das Höchste der Gefühle. Ich habe mir meinen Markt selbst geschaffen.
Frage: Dann lassen Sie uns mal ein bisschen über einzelne Facetten Ihrer Kunst sprechen. Was mich am meisten fasziniert hat, war die Vorstellung, dass Sie im Rahmen Ihrer aktuellen Illusion "The Portal" Teile Ihres Publikums verschwinden lassen. Tauchen die dann wirklich woanders wieder auf?
Frage: Bei Ihren weltweit übertragenen, multimedialen Massen-Events wie dem Verschwindenlassen der New Yorker Freiheitsstatue oder der Nummer, bei der Sie fliegen, überkam einen in der Tat das schale Gefühl, Ihre einzige Aufgabe bestünde darin, einen verborgenen Knopf zu drücken.
Copperfield: Ich wünschte, es wäre so leicht. Da steckt eine Menge mehr dahinter, glauben Sie mir.
Frage: Sie werden aber zugeben, dass sich das Bild der Magie über die letzten Jahrzehnte dramatisch geändert hat.
Copperfield: Das schon. Trotzdem kann allerhand Unvorhergesehenes eintreten. Dinge können schief laufen. Wenn Sie nicht aufpassen wie ein Luchs, stehen Sie da schnell als Vollidiot da.
Frage: Gab es das schon einmal - dass Sie komplett im Regen standen?
Copperfield: Klar. Meist merkt der Zuschauer zum Glück nichts davon, eben weil ich für derartige Fälle einen Plan B oder C in petto habe. Einmal habe ich einen Ferrari schweben lassen, der plötzlich ohne Vorwarnung herunter krachte. Es war nicht meine Schuld, aber wen interessiert das? Zumal ich das Missgeschick wahrscheinlich mit meinem Leben bezahlt hätte, wäre es nur ein paar Minuten später passiert. Da hätte ich nämlich direkt darunter gestanden. In diesem Fall war es natürlich nichts mit einem Plan B. Uns blieb nichts anderes übrig, als die Show abzubrechen und die Leute nach Hause zu schicken. Dafür waren die folgenden Wochen komplett ausverkauft, weil jeder sehen wollte, wie ich ein weiteres Mal versage.
Frage: Gleichwohl haben Sie in der Vergangenheit einige Sachen vollbracht, die wirklich nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheinen. Etwa jene spektakuläre "Wetten, dass...?"-Geschichte letztes Jahr. Wenn Sie die Lottozahlen tatsächlich mit der puren Kraft Ihrer mentalen Befähigung heraus bekommen haben - warum setzen Sie derlei nicht ein, um sich persönlich zu bereichern?
Copperfield: Woher wissen Sie, dass ich das nicht längst getan habe? Irgendwoher muss mein fantastischer Reichtum ja kommen.
Frage: Fallen Ihnen andere konkrete Beispiele ein, wo sich Ihre Begabung auch im Alltag zu Ihrem Vorteil auswirkt?
Copperfield: Natürlich.
Frage: Und die wären? Die Uhr können ja auch Sie schwerlich zurückdrehen.
Copperfield: Daran arbeite ich noch. Das wäre es doch, oder? Nein, im Ernst: Magie entwaffnet die Menschen um dich herum. Sogar Leute, die dir Böses wollen, halten auf einmal inne und begegnen dir mit einer anderen Wärme. Ansonsten werden sie sich kaum bessern, doch zumindest dir gegenüber werden sie vorsichtig. Jeder braucht Momente, in denen er mal alles hinter sich lassen kann, oder? Das wusste schon Mark Twain: "Hold on to your illusions." Wir alle wollen Träume. Deshalb gehen wir ins Kino, legen eine Platte auf, lesen ein Buch oder schauen uns einen Magier an, der uns sagt: "Vergiss die sogenannte Realität! Schau, sie existiert nicht!" Es gibt mehr im Leben als das Leben selbst, und das zu zeigen, ist meine Aufgabe. Irgendwer hat einmal behauptet, es gäbe im Ganzen bloß sieben verschiedene Zaubertricks. Bullshit! Es gibt noch eine Menge Neuland zu erobern. Im Rahmen meiner kommenden Shows werde ich live auf der Bühne ein Mädchen schwängern.
Frage: Wie meinen Sie das denn jetzt?
Copperfield: Na, ohne Sex natürlich! Und alle werden glücklich sein, ich schwöre. Mehr wird nicht verraten.
Das Interview führte Patrick Großmann
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