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15.12.2005
 

Witz-Skandal

SPIEGEL ONLINE entschuldigt sich

Zu viel Lachen ist gar nicht gesund. Aber deshalb gleich den Ruf des deutschen Humors ruinieren? Nein, die SPIEGEL-ONLINE-Kür der miesesten Witze ging daneben. Was blieb: Empörung, ein neidischer Harald Schmidt - und zwei diskriminierte Tomaten. Es tut uns leid.

AP

Hamburg - "Kuck dir mal das an - alles wird madig gemacht", schimpft Harald Schmidt im Oberschichtenfernsehen. Der Spät-Nacht-Plauderer hat auf SPIEGEL ONLINE die 20 angeblich schlechtesten Witze entdeckt. "So schlecht fand ich die nicht", erzählt Schmidt und gibt sogleich einen zum Besten:

In der Metzgerei: "Ich hätte gern Leberwurst - von der groben, fetten." - "Tut mir leid, die hat heute Berufschule."

"Ein Ankommer" stellt Schmidt aufgrund des begeisterten Heiterkeitsausbruches seines Publikums zufrieden fest. In zehn Jahren seiner Show wäre man manchmal froh über solche Witze gewesen, behauptet er. In elegant-souveräner Art demonstriert er quasi en passant, dass es weit miesere Witze gibt ("Bill Clinton hatte schon immer ein Herz für arme Schlucker", "Galileo Galilei sagte nach dem Sex: 'Und sie bewegt sich doch.'") als die von SPIEGEL ONLINE.

Witzexperte Schmidt: "Ein Herz für arme Schlucker"
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DPA

Witzexperte Schmidt: "Ein Herz für arme Schlucker"

Doch zu diesem Zeitpunkt war es ohnehin schon zu spät. Denn leider musste SPIEGEL ONLINE feststellen, dass seine kleine Witzsammlung unerwartetes Aufsehen erregte. Nicht nur Harald Schmidt nahm sich der Sache an, auch die "Hamburger Morgenpost" präsentierte die humoristischen corpora delicti, und das eine oder andere Prachtstück unserer Sammlung soll in den folgenden Tagen in der Witzrubrik der "Bild"-Zeitung gesichtet worden sein.

Die Aufregung, das haben wir mittlerweile begriffen, war berechtigt. Humor sei, wenn man trotzdem lacht, lehrte uns angeblich schon Wilhelm Busch (in Wirklichkeit war es Otto Julius Bierbaum, aber den kennt ja keiner), doch hier verging manchem völlig zu Recht das Lachen.

Passt 100 Prozent zum SPIEGEL: Sie sammeln Witze und veröffentlichen das Ganze unter dem Etikett "die schlechtesten Witze", "absoluter Nullpunkt". Ist natürlich nur kompatibel zu der Vorgehensweise, insbesondere immer darüber zu berichten, wo etwas schief gegangen ist. Oder wollen Sie nur den deutschen Pessimismus wider-SPIEGELn?

schrieb etwa Oliver Vornberger aus Osnabrück und sprach damit geschätzten Billionen von SPIEGEL-ONLINE-Lesern aus dem Herzen. Christian Kreutzfeldt aus Lübeck vermutete, dass "in eurer Redaktion zu viele politisch korrekte Frauen sitzen" (stimmt!). Walter Schmidt fand: "Nicht nur Witze sind schlecht; das Deutsch ist grausam" (stimmt das?). Erhard Böttcher aus Herrenberg attestierte uns "ein grundsätzliches Problem: eine Aversion gegen Kalauer" (stimmt nicht!). Und ein Michael schrieb uns:

Einige Witze sind doch gar nicht so schlecht. Aber vielleicht liegt es am Kontrast: Das wirklich mit Abstand Unlustigste sind nämlich eure beiden Artikel.

Das saß. Nur ein kleiner Trost waren da diejenigen Leser, die sich fröhlich zu ihrer angeblichen Humorlosigkeit bekannten und uns mitteilten, wie sehr die kleine Witzauswahl ihnen den Tag versüßt habe. Marc Steiling aus Hamburg etwa schrieb:

Ich habe selten so gelacht wie in der letzten halben Stunde. Ehrlich! Muss wohl einen psychologischen Grund dafür geben, dass man bei einem angekündigt schlechten Witz trotzdem oder erst recht lacht. (...) Oute ich mich jetzt als jemand mit schlechtem Humor? Egal. Hauptsache, Spaß gehabt.

Diese schlichte Betrachtungsweise ist bestechend. Auch Kollegin F. erhielt ausnehmend viel Beifall, hatte sie doch den legendären Schokoladenwitz vor dem traurigen Schicksal bewahrt, ebenfalls in die Flop 20 aufgenommen zu werden. Leser Wolfgang Meisel aus Drage fragte sogleich nach dem Alter der Kollegin. Das können wir leider nicht preisgeben, verraten sei lediglich, dass sie gestern Geburtstag hatte und wir ihr hierzu nachträglich diesen Witz kredenzen (er ist - mit allem Vorbehalt! - schlecht, aber es kommen wenigstens Brezeln drin vor).

Skeptisch wird man als Journalist stets, wenn man Lob aus der Politik erhält. So machte uns eine Mail besonders stutzig, die uns aus der baden-württembergischen FDP-Landtagsfraktion ereilte:

Herrlich, Ihre Idee, habe meine Kollegen zum Beispiel mit dem "Arzt und Klempner" zum Prusten gebracht. Hier noch ein ganz schlechter Witz: "An was erkennt man einen Elefanten im Kühlschrank? - An den Fußspuren im Quark."

Kann es überhaupt das Ziel eines Journalisten sein, seine Leser zu erheitern? Und das auch noch mit Ware angeblich minderer Qualität? Mit dem Gammelfleisch des Humors? Bestimmt nicht. Als vierte Gewalt bezeichnen wir Medien uns gern. Das verpflichtet. Wer um des schnöden Gags willen die deutsche Witzkultur mies macht, ist daher des Kalauers nicht wert.

Denn gibt es überhaupt gute und schlechte Witze? Ausgiebig räsonierten die SPIEGEL-ONLINE-Leser über diese Frage - freilich ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen.

Außerdem dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass die Witze zwar für sich genommen ausgesprochen schlecht sind, sie aber in der vorliegenden Zusammenballung trotzdem eine erhebliche Komik entfalten, wenn auch nicht im intendierten Sinne. Deswegen stelle ich die These in den Raum, dass ein Witz allein weder gut noch schlecht ist, sondern dass der Kontext die Güte des Humors bestimmt.

schrieb uns Lars Fischer, und auch Michael Kip aus Frankfurt am Main forderte uns auf, unsere "Kriterien für gute und schlechte Witze offen zu legen". Mehmet Tosun fühlte sich zu der Frage veranlasst: "Ja, mei, sapperlot! Seid ihr denn völlig bekloppt? Unter den ausgewählten Witzen sind die meisten alle sehr gut. Ihr müsst eure Kriterien abändern."

Wir möchten heute ausdrücklich betonen, dass wir es bedauern, wenn unsere Äußerungen über den Humor im Allgemeinen und den deutschen Humor im Speziellen missverstanden worden sein sollten. Auch Bemerkungen über frustrierte, humorlose Ostdeutsche oder die Witzlosigkeit deutscher Politik, sollten wir sie je getätigt haben oder in der Zukunft tätigen, wurden oder werden nur aus dem Kontext gerissen dargestellt und geben in dieser Weise keineswegs unsere Meinung und schon gar nicht unsere Humorlosigkeit wieder. Die Deutschen sind ein sehr komisches Volk. Darauf geben wir Ihnen unser Ehrenwort.

Besonders möchten wir uns bei zwei harmlosen Tomaten entschuldigen. Nur weil sie in ihrer Arglosigkeit Fahrstuhl fuhren und dabei ihre grünen Hosenträger anhatten, wurden sie von uns dreist an den Pranger gestellt und von unseren Lesern zum schlechtesten Witz überhaupt gekürt. Verdient haben sie es nicht. Überhaupt war unsere Sammlung unfair, unrepräsentativ, gemein, subjektiv, und, und, und... Aber Spaß hat's gemacht.

Und da allzu viele von Ihnen die eindringliche Bitte, uns keine Witze mehr zu schicken, geflissentlich ignorierten, müssen wir davon ausgehen, dass Sie es nicht anders gewollt haben. Hier also noch eine kleine (allerletzte!) Auswahl Ihrer Witze.

Das Allerletzte
(völlig wertfrei und inklusive zweier frischer Tomaten):

Mit Witz Nummer eins starten

Endlich mal einer mit Blondinen +++ Da sind unsere Tomaten wieder +++ Frühlingsgefühle +++ Statistisches über Frauen +++ Wie heißt Ottos Bruder? +++ Herr Ober! +++ Neues aus der Welt der Fische +++ Löwengefahr in der Wüste +++ Säufer im Schwimmbad +++ Gottschalk und die Witze

Bonuswitz: Für Kollegin F. zum Geburtstag

Und hier noch einmal der Artikel des Anstoßes:
Die miesesten Witze: Ach, was haben wir geweint...

Jetzt reicht's.

Dominik Baur

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