Tallmansville - Viele Zeitungen waren gestern Abend bereits in Druck gegangen, als die Betreibergesellschaft der Unglücksmine in Tallmansville im US-Bundesstaat West Virginia, International Coal Group (ICG), mitteilte, dass die Meldung über die Rettung auf einer "Fehlkommunikation" basiert habe. Tatsächlich gab es nur einen Überlebenden, der schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht wurde.
So feierte die US-Presse in ihren aktuellen Ausgaben das "Wunder von Tallmansville", obwohl dieses gar nicht stattgefunden hatte. "Zwölf Bergleute lebend gefunden" lautet die Schlagzeile der großen Tageszeitung "USA Today". Ein großes Foto zeigt den Jubel der in der Baptistenkirche von Sago versammelten Angehörigen der Bergleute, nachdem sie von der vermeintlichen Rettung erfahren hatten. Auch Tageszeitungen wie "New York Times" und "Washington Post" gingen auf ihren Titelseiten noch von zwölf Überlebenden aus.
Für die Angehörigen der verunglückten Bergleute war es ein Wechselbad der Gefühle gewesen - mit tragischem Ende. Sie hatten sich mitten in der Nacht in einer Kirche neben der Grube versammelt, um die gute Nachricht zu feiern. Zwölf Bergleute sollten das Unglück überlebt haben, hieß es. Nur ein 13. vermisster Kumpel sei tot aufgefunden worden. Von einem Wunder war die Rede.
Doch dann der Schock: Der Direktor der International Coal Group, Ben Hatfield, trat vor die Angehörigen, entschuldigte sich und sagte, es habe ein Missverständnis gegeben. Die Kommunikation zwischen den Suchmannschaften unter Tage und der Einsatzleitung habe nicht funktioniert, es habe nur ein Mensch gerettet werden können, der 27-jährige Bergmann Randal McCloy, der sich nach Angaben der Ärzte weiterhin in einem kritischen, aber stabilen Zustand befindet.
Ein Raunen ging durch das Gotteshaus, "Ihr Lügner", riefen die Menschen. Eine Frau berichtete dem US-Nachrichtensender CNN, die Menschen in der Kirche hätten die neue Entwicklung nicht glauben wollen. Auf Fernsehbildern waren tief verstörte, weinende Menschen zu sehen, die aus der Kirche strömen, voller Trauer und Wut. "Alle sind entsetzt", sagte Sam Lands, der Schwager eines der Opfer, dem britischen Sender BBC. "Ich dachte, ich werde ohnmächtig. Ich konnte es nicht glauben. Sie haben uns die ganze Zeit angelogen", sagte er. "Wir brauchen Antworten." Ähnlich äußerte sich Anne Meredith, deren Vater bei dem Unfall starb. "Es fühlt sich an, als hätte man uns von Anfang an belogen", sagte sie. Sie wolle den Betreiber der Mine verklagen.
Hatfield sagte, der Tag sei der schwerste seines Lebens. "Das ist ganz und gar nicht der Ausgang, den wir uns erhofft und für den wir gebetet haben." Auch der Gouverneur des Bundesstaates West Virginia, Joe Manchin, ist schwer erschüttert. Wenige Stunden vor der Hiobsbotschaft hatte er den Familien die falsche Nachricht von den zwölf Überlebenden übermittelt. "Ein Wunder", hatte er gesagt. Davon will er auch nach der dramatischen Wende nicht lassen. Er entschuldigte sich für die Fehlinformation, sagte aber, auch die Rettung eines einzigen Überlebenden sei ein Wunder.
In der Kirche nahe des Kohlebergwerks Sago, in der sich Hunderte Verwandte und Freunde der Vermissten versammelt hatten, hatten nach der Nachricht Manchins bereits die Glocken geläutet. Angehörige waren in Jubel und Freudentränen aus und riefen: "Sie sind am Leben!"
Nach Angaben von CNN haben sich die Betreiber der Mine drei Stunden Zeit gelassen, um die Falschmeldung zu korrigieren. Wie ein Unternehmenssprecher am Ort des Geschehens mitteilte, hatte es Kommunikationsprobleme zwischen den Suchmannschaften und den anderen Helfern gegeben. So sei es zu dem Missverständnis gekommen, dass viele der Gesuchten überlebt hätten.
Das Kohlebergwerk Sago 160 Kilometer nordöstlich von Charleston in West Virginia war am Montagabend bei einer vermutlich von einem Blitzschlag ausgelösten Explosion teilweise eingestürzt. Sechs Bergarbeiter konnten sich retten. In dem Bergwerk werden nach Angaben der Betreiberfirma ICG jährlich 800.000 Tonnen Kohle produziert. Bei einer Betriebsprüfung Ende vergangenen Jahres wurden 46 Sicherheitsmängel aufgedeckt.
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