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14.01.2006
 

Horn von Afrika

Millionen droht der Hungertod

Von Judith Reker, Nairobi

Während die Bauern im Westen Kenias eine Rekordernte einfahren, hungern im Norden des Landes 2,5 Millionen Menschen. Insgesamt gefährdet Dürre das Leben von elf Millionen am Horn von Afrika.

Nairobi - Eigentlich wäre es so einfach: Da die Bauern im Westen Kenias nach einer erfolgreichen Ernte auf Mais im Überfluss sitzen, hat sich die Regierung als Käufer angeboten. Sie will das Getreide an die Menschen im Norden verteilen. Denn die Hirten dort besitzen kein Geld, um sich selbst Nahrungsmittel zu kaufen. Rund 2,5 Millionen Menschen, so rechnet das Welternährungsprogramm (WFP) vor, drohen nun zu verhungern. Doch die Bauer weigern sich, den Mais der Regierung zu geben.

Ein hungerndes Kind liegt in der Region Kalapata auf dem Schoß seiner Großmutter: "Wir brauchen langfristige Maßnahmen"
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DPA

Ein hungerndes Kind liegt in der Region Kalapata auf dem Schoß seiner Großmutter: "Wir brauchen langfristige Maßnahmen"

"Von der Regierung erhalten die Farmer nur das Versprechen auf Bezahlung", erklärt BBC-Korrespondent Muliro Telewa, "und darauf geben sie nicht viel - während Händler aus Tansania ihnen Bares bieten. Die Händler verkaufen den Mais dann mit Gewinn weiter an Hilfsorganisationen in Malawi und Sambia, wo wiederum Hunger herrscht."

Die Dürre, Folge einer komplett ausgefallenen Regenzeit, betrifft nicht nur Nordkenia. Die Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO schätzt, dass in Kenia, Somalia, Dschibuti und Äthiopien mehr als elf Millionen Menschen Hilfe brauchen. Weil diesmal der Regen in der gesamten Region ausblieb, ist die Gefahr besonders hoch. "In früheren Fällen brachten die Nomaden ihr Vieh dahin, wo es geregnet hatte, zum Beispiel von Somalia nach Kenia", sagt WFP-Sprecher Peter Smerdon. "Jetzt können sie nirgendwohin, weil es überall trocken ist. Das ist auch der Grund für die große Zahl an sterbendem Vieh." Der Regierung zufolge sind bisher mehr als 30 Prozent der Tiere gestorben.

Reden statt Taten

Zu späte Warnungen waren nicht das Problem. Die gab es. Bereits im September. Es gibt in Kenia mehrere Frühwarnsysteme, darunter kompetente "Dürre-Management-Beamte", die wöchentlich Berichte in die Hauptstadt schicken. Was mit diesen Berichten dann allerdings geschieht, bleibt jedoch das Geheimnis der Regierung. Denn erst einen Tag nach Weihnachten, nachdem die kenianischen Medien immer mehr Fotos von hungernden Kindern und toten Kamelen gezeigt hatten, reiste Kenias Präsident Mwai Kibaki in den Norden des Landes und kündigte an, das Thema zur Chefsache zu machen.

Im Gefolge des Präsidenten kamen zwei Flugzeuge voller Minister, Assistenzminister und Staatssekretäre, aus für Hunger so irrelevanten Ressorts wie Tourismus und Verteidigung. Aber den hohen Herren schien es ohnehin weniger darum zu gehen, sich  vor Ort ein Bild zu machen, als sich medienwirksam zu präsentieren. So verbrachten die Regierungsvertreter die meiste Zeit auch in den Städten Wajir und Mandera und suchten nur einmal für etwa zehn Minuten die Nähe von unterernährten Menschen, im Krankenhaus von Mandera. Der Rest war Reden vor großen Menschenmengen.

Selbst wenn Soforthilfe doch noch das Schlimmste verhindern sollte, wird die nächste Katastrophe nicht lange auf sich warten lassen. Experten sind sich längst einig, dass durch die globalen klimatischen Veränderungen mit Dürren in kürzeren Abständen zu rechnen ist. "Es müssen langfristige Maßnahmen getroffen werden", sagt Abbas Gullet, Generalsekretär des Roten Kreuzes Kenia. "Wir müssen den Nomaden helfen, sich auch andere Lebensgrundlagen zu suchen." Vor allem fehlt es an Infrastruktur und Zugang zu Wasserressourcen.

Viehpreise im Allzeittief

In die nördlichen Distrikte Kenias führen zum Teil nur Schotterpisten, es gibt keine Märkte oder Schlachthöfe. Wer Fleisch verkaufen will, ist zwei Tage bis nach Nairobi unterwegs. Auch mit Investitionen in Bewässerungssysteme und Brunnen im Norden ist die Regierung Kibaki bisher nicht aufgefallen. Billow Kerrow, Abgeordneter des besonders schwer heimgesuchten Distrikts Mandera, sagt: "Die letzte Bewässerungsmaßnahme hier fand 1977 statt." Und auch danach blieben die Böden im Norden zu trocken, um großflächig auf Landwirtschaft umzustellen.

Es ist klar, dass der Lebensstil der Viehhirten im Norden Kenias nicht mehr zeitgemäß ist. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung dort leben allein vom Vieh. Die Tiere sind das einzige Kapital, aber sie werden nur im äußersten Notfall verkauft. Im Fall einer Dürre, also genau dann, wenn Geld am meisten benötigt wird, verliert die Ware Vieh daher an Wert. Im Dezember bekamen die Nomaden gerade einmal knapp 17 Euro für ein Rind - ein Allzeittief.

Ein Beispiel für die Zukunft der Nomaden könnte die Familie des 37-jährigen Lehrers Abdirizak Kontoma aus Wajir sein. Die Eltern und elf Kinder besaßen bis Oktober 180 Rinder, bis auf 27 sind alle verendet. Aber weil einige der Geschwister eine Ausbildung haben und einer anderen Arbeit nachgehen können, ist trotzdem Geld da, um Nahrungsmittel zu kaufen. Langfristig dürfte es für die Nomaden in den Trockengebieten nur einen Weg aus dem Kreislauf von Dürre und Hunger geben: Bildung.

Diese Woche hat das neue Schuljahr begonnen, und die kenianische Zeitung "The Standard" berichtet, dass im Norden 3000 Kinder nicht zum Unterricht erschienen sind. Sie sind mit ihren Eltern auf der Suche nach Weideland fortgezogen.

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