Von Maik Brandenburg
Bereits 1952 verlor das nahe Eniwetok-Atoll eine Insel durch eine H-Bombe, andere Inseln wurden durch fehlgeschlagene Tests mit Plutonium verseucht. Sie sind auf Jahrtausende unbewohnbar.
Bis heute gibt es keine genauen Zahlen über Strahlenopfer. Die USA versiegeln eigene Studien mit dem Hinweis auf militärische Notwendigkeiten. Daten unabhängiger Institutionen sind nur aufwendig zu erheben und deshalb rar. Schätzungen der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) gehen von mehreren tausend Krebsfällen allein für die Marshall-Inseln aus. Sie reihen sich ein in die rund 430.000 tödlichen Krebserkrankungen, die laut IPPNW bis zum Ende des 20. Jahrhunderts durch die weltweiten Atomwaffentests verursacht wurden.
Rund eine Milliarde Dollar zahlten die USA bis heute an die Marshall-Inseln. Die Opfer nahmen es, viel mehr blieb ihnen nicht übrig. Außerdem entsprach es der Tradition. "Wir haben gelernt, unsere Tränen mit den Dollarscheinen der Amerikaner zu trocknen", sagen sie.
Jack Niedenthal kam vor 25 Jahren aus Pennsylvania, weil er dagegen war, dass seine Landsleute ihren Müll in der Südsee entsorgten. Und wegen "der ganzen Scheiße, die wir dort unten angerichtet haben". Er meint nicht nur die Krater im Boden Bikinis. Er erzählt seine "Erweckungsgeschichte": wie der damalige Gouverneur des Bikini-Atolls die Insulaner überredete, ihre Heimat zu verlassen. Wie er davon sprach, sie ins Gelobte Land zu führen, For the Good of Mankind. Doch wie sie stattdessen auf Kili und Ejit gelandet waren - unbewohnten, kargen Eilanden weit von Bikini. Und auf denen sie noch immer lebten. Womöglich, dachte Jack, noch immer auf der Suche nach dem Gelobten Land.
Nach seinem Politikstudium meldete er sich zum Peace Corps. Es war die romantische Aktion eines Che-Guevara-Fans. Außerdem gedachte er - das Studium war hart -, auf den Inseln auszuspannen. Man schickte ihn als Lehrer nach Namu, eine Insel ohne Strom und fließend Wasser, versorgt von einem Boot, das nur alle halbe Jahre anlegte. Nahrung war knapp, schließlich aß der Vegetarier Büchsenfleisch und träumte von Schweinejagden. Er sah täglich dieselben Menschen. "Verstehst du, sie wissen alles über dich. Sie servieren dir deine Seele auf einem Teller."
Nach dem ersten Jahr waren von den elf Amerikanern, die mit dem Peace Corps in die Südsee gekommen waren, noch drei übrig. "Ich war nicht stärker als sie", sagt Jack, "meine Insel hatte nur keine Landebahn." Er lernte die Sprache der Menschen auf Namu, er überlebte mit ihnen Taifune und Dürren und salziges Trinkwasser. Am Ende bat er um weitere Jahre. In einer Kneipe der Hauptstadt sprach ihn irgendwann ein Mann an, er hatte ihn die Landessprache reden hören. "Es war einer von Bikini, sie hatten gerade eine ganze Menge Geld aus Amerika gekriegt. Er fragte, ob ich darauf aufpassen könnte."
Seit 20 Jahren arbeitet der Nordamerikaner für die Bikinianer. Jack Niedenthal ist ihr Trust Liaison Manager; in ihrem Auftrag verwaltet er die von den Amerikanern gezahlten Millionen. Aus dem einen Fonds werden Bildungsprojekte bestritten, Häuser gebaut, Schäden repariert. Aus dem anderen zahlt er alle drei Monate 212,50 Dollar aus. Jeder der mittlerweile rund 3500 Bikinianer, vom Baby bis zum Greis, bekommt dieselbe Summe. Es soll eine Entschädigung sein. Bei einem zehnköpfigen Haushalt, nichts Ungewöhnliches auf den Marshall-Inseln, macht das mehr als 8000 Dollar jährlich. Ihr kaputtes Land ist ihr wertvollstes Kapital.
Ist es das? "Prost!", sagen die jungen Leute am Küchentisch auf der winzigen Insel Kili. Sie sehen auf Jamose, den Alten in der Küchenecke. Es ist Roses Großvater, er hat das Gesicht zur Wand gedreht, er summt.
Was ist es diesmal? Die drei am Tisch horchen; sie grinsen. Natürlich, wieder die Lieder über Miriam, die verstorbene Frau. Seit Jahren schickt Jamose ihr seine Gesänge nach. Sendet ihr seine Erinnerungen und Wünsche. Singt seinen heimlichen Lieben hinterher, vermodert längst wie Miriam. Wenigstens, sagt Rose leise und Timius, ihr Mann, nickt, ist es nicht Bikini. Nicht dieser traurige Singsang über den verwunschenen Ort, Land vor ihrer Zeit. Vor aller Zeiten, sagt Alson, beider Freund, wer erinnert sich denn noch? Jamose in der Ecke, sicher. Die Greise hier und die auf den Inseln draußen. Man mag sie nicht mehr hören, wer mag schon Märchen hören jeden Tag, und seien sie noch so verheißungsvoll? Hier ist nicht Bikini, der Traum. Hier ist Kili, dies ist der lange Morgen danach.
The day after.
Noch immer summt Jamose von den Frauen. Und, nun doch, von dem Land, das sie nicht kennen. Nie kennen lernen wollen. Bikini. Mag sein, dass es dort Lagunen gab, in denen man das ganze Jahr fischen konnte. Mag sein, dass Platz genug war, ihn nicht an Tagen zu umfahren. Sie kennen die Erzählungen der Alten. Sie kennen sie, und sie haben sie satt.
Träum dich weg von hier, sagen die Worte. Weg von Kilis Hütten, aus denen die immer gleichen Menschen treten in ewig gleichen Tagen. "Wir sind wie ein Schiff im Meer", sagt Rose. "Nein", widerspricht Timius, "kein Schiff. Das bewegt sich wenigstens zu schönen Orten."
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