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09.02.2006
 

Bikini-Atoll

Das Paradies, in das die Bombe fiel

Von Maik Brandenburg

3. Teil: Lesen Sie im 3. Teil: Seit 60 Jahren diskutieren die Alten, ob der Gott Worejatabo den Feuerpilz von damals überlebt hat...

Träum dich in das Land mit den riesigen Palmen, fordert Jamoses Gesang. Zu den dicken Fischen aus blauen Tiefen, die die Männer am Abend heimbrachten. Weißen Sand hatte dieses Land. Vieh, das sich in den Wäldern verlief; zwischen Gräbern, die die See nicht wegwaschen konnte. Das Land kannte Bootsbauer, Korbflechter und Koprasammlerinnen, Felder, berstend von Pandanüssen und Bananen. Gemeinsam fuhr man hinaus, gemeinsam teilte man die Beute. Auf nichts weiter wartete man als auf die Fülle der Natur, um sie zu pflücken, zu fangen. So, meint Rose, wie sie heute auf nichts weiter warten als auf das regelmäßige Geld aus dem Westen, damit es sich vermehrt wie die Früchte und Fische der beweinten Vergangenheit.

Polizisten kannte das Land nicht, sagen die Erzählungen, auch keine Amerikaner. Wozu auch, es gab den magischen Korallenstock, in dem Worejabato lebte und über die Geschicke des Atolls wachte. Seit Rose denken kann, diskutieren die Alten darüber, ob die Gottheit die Feuer der Bombe überlebt habe.

20 Jahre ist sie alt, aufgewachsen auf Kili. Kili hat rund 500 Einwohner, eine Schule, einen Sportplatz. Die größten Gebäude sind zwei Kirchen. Es gibt ein Restaurant, aber nur, wenn man danach fragt. Dann räumt die Inhaberin den Platz vorm Fernseher frei und malt eine Karte für ein Gericht samt Suppe. Drei Mal in der Woche ist Kirchgang, sonntags sogar zwei Mal. Ein Flugzeug bringt die monatlichen Rationen: Diesel für den Generator, Essen, Wasser. Wenn es die Zigaretten vergisst, leidet die halbe Bevölkerung an Entzug.

Rose traf ihren Mann auf der High School in der Hauptstadt Majuro. Sie hatte gehofft, dass er sie herausholt. Stattdessen ist er mit ihr zurück nach Kili gezogen, dem engen Elternhaus davon. Hier immerhin haben sie ein eigenes Zimmer. Auch der Bruder hat seins, die Schwester mit Mann und Kind, die Eltern. Jamose, der Großvater, bekam die Matte in der Küchenecke. Ein Kind, sagt Rose, wäre schön. Wegen der Abwechslung.

Auf Kili ist alles verboten. Die Diskothek, die sie wollten, hat der Pfarrer verteufelt. Die seit ihrem Auszug christianisierten Bikinianer brandmarken selbst die Fernsehantennen. Was sie von der Welt erfahren, erreicht sie in Videokassetten, Fernsehpredigten, vor allem. Filme sind selten darunter, nie sind es die neuesten. Und um zehn Uhr abends beginnt die Sperrstunde.

Nirgends auf den Marshalls ist die Geburtenrate bei Minderjährigen so hoch wie unter den Bikinianern auf Kili und Ejit. 14-jährige Mütter sind keine Ausnahme. "Die Mädchen können halt nicht wegrennen", sagt Alson an Roses Küchentisch. Und noch immer kursieren "bricks", jene Kokainpakete, die vor Jahren mit den Wellen kamen. Die Jungen haben keine Erinnerungen ans Paradies. Der Koks hilft, wenn auch sie einmal träumen wollen.

In der Küche auf Kili packen die drei jungen Leute den Clou des Abends aus: ein Poster mit einem kolorierten Atompilz. Sie hängen es über den Platz des Alten. "Eine Atombombe kann dir den ganzen Tag ruinieren" steht darauf. Sie grinsen, Jamose summt.

"Prost", sagt Timius, Roses Mann. Sie trinken Jakaro, ein eigenes Gebräu aus Brothefe, Grapefruit und Kokosmilch. Sie tun es heimlich, in den Büschen am Strand, denn natürlich hat der Pfarrer auch den Alkohol verflucht. Aber dies hier ist Alsons Abschied. Er wird nach Arkansas gehen. Ein Vertrag, der Compact of Free Association, stellt die Bikinianer in vielem den US-Bürgern gleich. Auch ohne Visum oder Greencard dürfen sie in den Vereinigten Staaten leben und arbeiten. Alson kommt bei einem Bruder unter, ein gutes Jobangebot hat er außerdem: in einer der vielen Geflügelfabriken. Ihre Gemeinde in Arkansas ist die größte außerhalb der Marshall-Inseln. Die Marshallesen sind verrückt nach Grillschenkel und hot wings. Die Jungen am Strand von Kili kennen nicht die Hymne der Bikinianer, die traurige Weise von Vertreibung und Hoffnung: "Nicht länger kann ich ruhen auf meiner Schlafmatte / wegen meiner Insel und dem Leben, wie ich es kannte." Sie singen ein eigenes lustiges Lied vom frierenden Hühnchen, das in den Backofen will.

Alson hat einen Großvater, in Ejit, der in Nächten ohne Schlaf zum Meer wandert. Kelen Joasch war irgendwann einmal für kurze Zeit nach Bikini zurückgekehrt. Er suchte seinen Besitz, er fand ihn nicht: Die Explosionen hatten die natürlichen, seit Urzeiten bestehenden Grenzmarken zerstört. "Doch er sagt noch immer, irgendwann würde dieses Land mir gehören." Alson lacht. "Ha, ich bin Besitzer eines Landes, das nicht existiert!" Der Großvater ist krank seit damals, ob von den Strahlen oder dem ständigen Büchsenfleisch, wer weiß das schon? Alson will ein wenig böse klingen, es gelingt ihm nicht. Auch für ihn ist Bikini ein Mythos, die Hochhäuser Arkansas näher und verlockender als die Kokospalmen des Atolls.

"Sagt Jack, es ist wieder einer weniger, den er nach Hause bringen kann." Jacks Niedenthals Büro ist in der Bikini Town Hall mitten in Majuro. An der Wand die Bomben, Bilder wie Einschusslöcher. Fotos der Tests, der "Bravo", der "Baker", der ersten Wasserstoffbombe, "Mike". Daneben Ziegen auf Schiffen, die nukleare Glut wird sie gleich verdampfen. Die schwarz-weiße Gewalt passt zu seiner Stimmung. Der Kongress hat erneut das Geld zum clean-up, zur Säuberung Bikinis, abgelehnt. 365 Millionen Dollar sind veranschlagt. Sie sollen vor allem dazu dienen, den kontaminierten Boden abzutragen.

"Die Gelder sind Peanuts", sagt Jack, man hat ihnen ihr Land weggebombt. Und ihre Identität. "Alle sind gleichgestellt durch die monatlichen Zahlungen; ein Unding in der Stammeshierarchie der Insulaner." Es habe zum Nehmen erzogen, eine Haltung, die schon den Kleinsten vermittelt wird. "Es war schwer", sagt Jack, der mit einer Bikinianerin verheiratet ist, "meine Kinder in einer Umgebung zu erziehen, wo alle nur auf Gaben warten." Gerade schlägt er sich mit einer Liste aus den eigenen Reihen herum. Die Bikinianer verlangen Schadenersatz für Bluthochdruck, Diabetes oder Rheuma von den USA. Dabei sei lediglich der Schilddrüsenkrebs wirklich mit den Tests in Zusammenhang zu bringen. Jack hält die Liste hoch: "In Washington fragen sie natürlich: Was soll der Quatsch?" Jack ist müde. Er kämpft seit längerem an mehreren Fronten. Denn da ist auch noch der "König von Kwajalein", der chief jenes Atolls, auf dem die Amerikaner ihre Raketenbasis haben.

Der King hat seine Inseln vermietet, für zwölf Millionen Dollar im Jahr. Ein Drittel geht direkt in seine Kasse, einen Bruchteil teilt er unter seinem Volk auf. Sie leben in einem Slum auf der Insel Ebeye, einige dürfen den Militärs das Gelände putzen. Der King, ein freundlicher Playboy, residiert in verschiedenen Häusern auf mehreren Atollen. In Majuro hält er Hof in einem Restaurant. Seine Abendgesellschaften versinken im Kava-Rausch, doch sie bestimmen einen Großteil der marshallesischen Politik. Der King war einmal Präsident des Landes, er musste unter Korruptionsverdacht gehen. Jetzt will er Bikini und dessen Pfründen. Er unterhält Leute, die Jack beim Geldsammeln beobachten. Er sagt: "Bikini gehört mir, meine Mutter ist von dort." Dann lacht er und trinkt vom Kava, bis er in dessen Wolken versinkt. Jack kommentiert das nicht. Er wird mit dem King fertig, und mit seiner Frau holt er heute die Kinder vom Flugplatz. Sie studieren in den Staaten, er hat sie "rausgeprügelt". Vor seinem Büro schleichen die Autos, schleicht das Leben dieses Landes, beides kommt nie auf Touren. Selbst die Freundlichkeit der Leute soll diesem Trott geschuldet sein: Es braucht 20 Muskeln, um finster zu wirken, doch nur drei, um zu lächeln. Der Spruch kursiert in den Bars von Majuro, wo Experten und Entwicklungshelfer sich ab sechs Uhr abends durch die Getränkekarte arbeiten. "Ich hasse es zu sagen", sagt Jack, "aber wer etwas werden will, der muss hier raus."

Von seinem Büro aus lenkt er Bikinis Nebengeschäft: eine Tauchstation. Der Abstieg führt zu den bei den Tests versenkten Schiffen, umringt von friedlichen Haischwärmen. 2500 Dollar kostet eine Woche, das Angebot ist immer ausgebucht. Abends schlendern die Gäste durch die blühende Landschaft Bikinis, kaum etwas erinnert an die Atomtests. Wären da nicht die nummerierten Bäume, die Bunker, der fehlende Gesang in den Bäumen. Seine Mannschaft, zehn Leute, wird ein Mal im Jahr ausgetauscht. Viel mehr als bei einem Acht-Stunden-Flug, behaupten Expertisen, soll man dort auch nicht verstrahlt werden. Nur essen darf man weiterhin nichts von der Insel, noch ein paar Jahrtausende nicht.

Der Gewinn aus der Tauchstation wird ausgezahlt an die Gemeinde, jeder bekam ein paar Dollar letztes Jahr. Für eine funktionierende Kaffeemaschine in der Bikini Town Hall reichte es offenbar nicht. Kaffee ist wichtig, die Dame an der Rezeption schenkt ihn aus. Er vermittelt so etwas wie Heimatgefühl; auf Bikini gab es ein paar Felder. Kaffee hält wach, und sei es die Erinnerung.

Wieder waren es ein Dutzend, die auf den Bänken warteten, die Alten und die Jungen. Alle wollten sie zu Jack. Es geht um kaputte Autos, um Geld, um Jobs oder um die Tochter in Amerika, warum schreibt sie nicht? Das sind die Jüngeren. Die Alten wollen nur jemanden zum Reden. Jack, das wissen sie, hört immer zu. Sie hätten auch zum Bürgermeister gehen können oder zu dem Senator, der die Bikinianer im Parlament der Marshall-Inseln vertritt. Doch sie wählten Jack, Jack ist Amerikaner. Er ist verantwortlich.

"Sie hatten versprochen, sie würden sich um uns kümmern", sagt Jamose Aitap. "So lange, bis wir zurückkehren können nach Bikini." Heute Morgen ist er wieder herumgelaufen, noch vor Sonnenaufgang, ruhelos die Nacht. Ein Mal um die ganze Insel, über die Steine und den Müll, den sieht er längst nicht mehr. Jetzt sitzt er wieder auf der Matte. Rose und die beiden Männer am Tisch lachen. Jamose summt sich aus dem Raum, er hört sie nicht.

An den Tag, der alles veränderte, erinnert sich Jamose Aitap nicht mehr, wahrscheinlich war es ein Sonntag. Neuigkeiten wurden stets an Sonntagen verkündet. Doch die Hosen jenes Mannes sieht er deutlich. Der Wind fuhr darunter und plusterte sie, dass Jamose sagte: Hoffentlich fliegt er nicht davon. Daran erinnert er sich und an die Augen Miriams. Der Mann redete, Jamose verstand ihn nicht, aber es war gut. Sowieso wusste jeder, dass es gut würde. Alles, was von außen kam, war gut. Die Legenden erzählten davon: von den wunderbaren Wesen, den Welten jenseits des letzten Horizonts. Geister, die über das Wasser kommen, unbegreifbar, unergründbar. Zu fassen nur in einem magischen Wort: Fremde.

Dieser Fremde hatte kurze Hosen. Er sprach vom Exodus, von den Kindern Israels, die sie seien, vom Gelobten Land. Jamose verstand nicht viel, erst recht nicht von der Bombe, ein schwerer Stein wohl, womöglich ein Felsen. Das konnte tatsächlich gefährlich werden, falls der auf eine der kleinen Inseln fiel. Der Mann sprach vom Bösen. Und, wenn Jamose sich nicht täuscht, zu lange ist es her, von der Erlösung der Welt. Ach, hätte er nur richtig hingehört. Doch seine Gedanken waren bei Miriam, sie trug ein buntes Tuch. Sie sah ihn an, der Fremde redete. Sie würden wegmüssen von Bikini, so viel war klar.

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