Von Maik Brandenburg
Doch natürlich würden sie wiederkommen, reich beschenkt, so war es ja stets. Seefahrer, selten genug kreuzten sie vor ihrer entlegenen Welt, brachten Schwerter und Speere, Gewehre und Dynamit. Sie gaben Porzellan und Netze, Kochtöpfe und Kleider. Mit den Deutschen kamen das Kreuz und das Bier, und mit allem ließ sich ordentlich leben. Später stießen die Japaner auf ihre Strände, sie brachten Sojasoße, Tabak, Büchsenfleisch, Reis auf Tellern. Und soviel Jamose von den Amerikanern bislang wusste, waren auch die nicht kleinlich.
So sind sie, die Geister, die Fremden. Und ganz sicher wird diese Bombe nicht schlimmer als ein Taifun. Noch mit jedem Sturm sind sie fertig geworden, selbst wenn er die Palmen rupfte und den Regen über die Wipfel drosch. Rechtzeitig stiegen sie in ihre Boote, und wenn der zürnende Worejabato besänftigt war, kehrten sie zurück. Verstohlen drückte ihm Miriam ihr Tuch in die Hand, alles war gut.
Als die Amerikaner die ersten Riffe sprengten, um das Atoll bereit zu machen für die Bombe, saß Jamose auf ihren Schiffen. Vor ihrer Wand, über die sprechende Schatten liefen, vergaß er sogar Miriam. Noch heute, ein Leben später, fröstelt es ihn, wenn er an seinen ersten Kinofilm denkt: sein Staunen über den Zauber, den sie aus leuchtenden Kästen zwangen. Ihr schwerer Stein und die Apparate, nein, es war kein Fehler, sich den neuen Herren zu beugen.
Jamose hörte die erste atomare Detonation nicht einmal. An jenem Tag war er, wie der Rest der knapp 170 Atollbewohner, längst von Bikini evakuiert. Als sie die Schiffe bestiegen, merkte er, dass er das Tuch vergessen hatte, Miriams Tuch. Egal, sie würden bald zurückkehren.
Sie waren zunächst auf Rongerik gelandet. Auf dem Atoll, rund 200 Kilometer von Bikini entfernt, hatten die Militärs ein "Modelldorf" hochgezogen: Wellblechhütten, in Reih und Glied, dazu eine Radiostation und eine Zisterne. Die Insulaner allerdings vermissten ihre Palmdachhütten und die Nähe ihrer Haustiere. Die eigentlichen Probleme aber waren anderer Art.
Die Kokospalmen trugen wenig und waren sowieso zu klein. Das brackige Brunnenwasser eignete sich kaum zum Trinken, die Fische in der Lagune waren ungenießbar. Die Ankömmlinge aßen das Mark der Bäume, was sie späterer Ernten berauben musste, und von dem Fleisch giftiger Fische. Nach ein paar Monaten lagen sie apathisch in den Hütten, von einer unerklärlichen Knochenkrankheit gequält, doch es dauerte weitere zwei Jahre, bis die Amerikaner ihre Schützlinge halb verhungert aus den Hängematten holten und nach Kwajalein brachten.
Auf der amerikanischen Militärbasis, von der aus noch heute Raketentests in der Südsee kontrolliert werden, campierten die Ausgesiedelten an einer Rollbahn. Auf dem streng bewachten Gelände hatten sie kaum Bewegungsfreiheit. Arbeiten durfte niemand, sie lernten, sich vom spendierten Büchsenfleisch zu sättigen. Ansonsten blieben sie sich selbst überlassen.
Kili ist ein kaum übers Meer reichendes Korallengrab, wie abgebrochen und Hunderte Meilen weggetrieben von den großen Atollen. Im Sommer 1948 waren sie schließlich hier gelandet, es war die letzte Möglichkeit. Die Inseln der Marshalls sind aufgeteilt unter zahlreichen Stämmen - auf fremdem Besitz zu siedeln hätte sie unter die Hoheit anderer Clans gezwungen. "Bei euch", sagt Jamose, "ist Geld der Preis für Land. Hier ist es Blut." Für Kili hätte nie jemand einen Tropfen vergossen, Kili gehörte niemandem.
Das Inselchen ist in einer Stunde zu umrunden, eine Hallig in der Südsee. Die Landepiste für das Flugzeug beansprucht beinahe eine ganze Seite der Insel. Ein Saum matter Palmen stemmt sich gegen den Wind, Geröll bricht die Wellen, doch eine Garantie ist das nicht. Mehrmals schon wurde Kili überschwemmt. In sechs stürmischen Monaten des Jahres holt die See jeden, der sich mit dem Boot hinauswagt. Kili war eine Gefängnisinsel der Japaner, für ihre heutigen Bewohner hat das den Ruch der Wahrheit. Denn 60 Jahre gelang es den meisten nicht, von hier wegzukommen. 60 Jahre, in denen sie hofften, dass sich die radioaktiven Isotope zersetzen mögen und ein barmherziges Geschick Bikinis Boden sauber fegte. Pfeil Kurz sah es so aus, als wäre das tatsächlich passiert. Ende der Sechziger erklärte US-Präsident Johnson das Bikini-Atoll für sicher. Messungen des Bodens, des Wassers und der Luft hätten deren Unbedenklichkeit ergeben.
An die 100 Bikinianer kehrten in die Heimat zurück, gegen die Zweifel der meisten auf Kili. Auch Jamose blieb, die Familie hatte entschieden. Die USA spendierten Häuser und eine Schule und Lebensmittel. Ein paar Jahre später zeigten sensiblere Messgeräte eine gefährliche Häufung radioaktiver Isotope in Krabben und Kokosnüssen. Vor allem Cäsium-137 sammelte sich in den Pflanzen an, ihr Verzehr zerstört das lebenswichtige Kalium im menschlichen Körper.
Die Amerikaner verteilten Zettel, die dazu aufriefen, die Kinder von den Kokospalmen zu verjagen. Sie schickten Wasser und mehr Nahrung, doch die Lieferungen kamen immer unregelmäßiger. Am Ende aßen die Rückkehrer die Früchte der Insel, um zu überleben. Zehn Jahre nach ihrer Heimreise nach Bikini wurden sie ein weiteres Mal evakuiert. Diesmal nach Ejit, einem Zipfel Land nahe der marshallesischen Hauptstadt Majuro. Eine Rückkehr nach Kili kam für sie nicht in Frage. Die Scham war zu groß.
Es folgten noch weitere Versuche der Rückkehr, nur um festzustellen, dass dies auf Dauer unmöglich ist. Etwa 30.000 Jahre beträgt die Halbwertszeit von Cäsium-137. Eine Hoffnung zerfällt schneller. Irgendwann wurden Jamose die Nächte zu kurz, seither geht er seine Runden um die Insel. So, als brächten sie ihn näher an die verlorene Heimat. Irgendwann drehte sich Jamose zur Küchenwand, um sie in langen Tagen anzusingen. 60 Jahre nach seinem Weggang von Bikini wendet er den Kopf von seiner Klagemauer: "Das Tuch", flüstert Jamose, "ich will es wiederhaben." Die Kaffeemaschine in der Bikini Town Hall läuft wieder. Jack nimmt einen Becher und stößt mit ein paar Besuchern an; er feiert diesen kleinen Sieg. Größere wird er wohl nicht mehr erringen. Kaum einer, sagt Jack, frage noch, wann es losgeht. Selbst er glaubt nicht, dass alle ins Boot springen, wäre Bikini morgen sauber.
Da ist die lange Zeit, sind die neue und die alte Generation. Da ist die zerrissene Gemeinde auf den Inseln, dieses andere Spaltprodukt der Tests. Längst ist den einen "die Bombe" zum Segen gewandelt, zum Quell ewiger Blüte. Jedenfalls so lange, wie die Zahlungen der Amerikaner anhalten. Darum wird den Bombardements gehuldigt, wenn etwa zu Bikinis Weihnacht aus aufwendig gebastelten Kästen raffinierte Detonationen schlagen.
Und da sind die anderen, sind ihre traurigen Versuche der Rückkehr. Die Bikinianer sind verunsichert, sie fordern jetzt Standards, die selbst den Amerikanern zu hoch sind: 1 Millisievert gilt als sicher, auch die bereinigten Testgelände in Nevada strahlen nicht über diesen Wert. Die Bikinianer verlangen 0,15 Millisievert. Das ist nicht nur illusorisch, es verteuert die Rückkehr um ein Vielfaches.
Dabei ist Bikini längst weg aus dem Fokus der Politik. Jack will die Insulaner trotzdem zurückbringen. Es ist seine Lebensaufgabe, seit er als Student ihre Geschichte zum ersten Mal las. Seit er sich zum ersten Mal empörte über die Reden vom Gelobten Land, seit er die tristen Wirklichkeiten auf Kili und Ejit erlebte. Und erst recht, seit er diese Menschen kennt. "Sie sind wie Pinguine, jeder kann sie umhauen." Darum fährt er mit ihnen bis nach Washington, um neue Gelder zu bekommen, immer wieder. Er hat mehrere goldene Karten verschiedener Fluggesellschaften, er bringt seine Leute in die Vorzimmer von Senatoren, er stellt sie vor Kameras. Er will, dass Amerika nicht vergisst. Er ahnt, dass mit den Alten auch die Erinnerung der Welt an die Ereignisse von damals stirbt. "Ich mache das", sagt er, "ich schaffe den clean-up."Er ist bald 50, er sagt, er ist ziemlich müde. Doch er ist immer noch Moses.
Und was will er tun, wenn Bikini wieder sauber ist? Jack druckst. An seiner Wand im Büro hängt seit kurzem wieder eine Karte der USA. Na ja, sagt er, die Staaten könnte er sich schon vorstellen.
Er schämt sich ein wenig dafür, aber so ist es. Auch Jack will nach Hause.
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