Von Anne Fromm, Erfurt
Erfurt - "Chai?" Sabiah Senlik bietet ihren Gästen immer Tee an. Das ist eine der wenigen kurdischen Traditionen, die die Familie Senlik bis heute pflegt. Ihr Alltag ist deutsch. Und das schon seit neun Jahren.
Die Küche, in der sie nun ihren Tee trinken, ist klein. Fünf Quadratmeter, spärlich eingerichtet. Eine schwere Gardine fängt das wenige Licht ab, das durch das winzige Fenster dringt. Deshalb ist es immer schummrig in der Küche, während vor der Tür die Sonne strahlt.
Sabiah und ihr Ehemann Macit sind müde. Ihre Blicke wandern ständig wieder zum Boden, die Schultern hängen herab, die Rücken sind gebeugt. Die letzten Monate haben viel Kraft gekostet. Und sie werden wohl noch viel Energie brauchen.
Sabiah und Macit leben mit ihren beiden Kindern seit August 2005 in der Erfurter Lutherkirche. Hier fanden sie im Sommer Asyl, als ihnen die Abschiebung drohte. Nun teilt sich die vierköpfige Familie die kleine Küche und ein Zimmer, in dem sie schlafen, spielen und lernen. "Unmenschlich" sei dieses Leben, sagt Macit.
Der Traum von Rechten und Freiheit
Familie Senlik lebt in einem Kirchenasyl, von denen es derzeit bundesweit 38 gibt. 107 Menschen haben dort Zuflucht gefunden. Uneingeschränkten Schutz vor der Abschiebung kann jedoch auch die Kirche nicht garantieren. Sie ist kein rechtsfreier Raum. Zumeist nutzen Ausländer das Kirchenasyl, um Verhandlungen mit Behörden neu aufzurollen.
Doch diese Prozesse können langwierig sein. So leben viele Flüchtlinge Monate, wenn nicht sogar Jahre in einem Gotteshaus. Oft ohne einen Schritt ins Freie zu wagen - und so werden aus Mitgliedern der Gesellschaft nicht selten vergessene Flüchtlinge. Über die Hälfte von ihnen sind Türken oder Kurden. In der Heimat wurden sie politisch verfolgt, sie erlebten Repressalien, Folterung, Verfolgung, Gewalt. So wie Macit Senlik.
Macik Senlik heißt in Wirklichkeit nicht Macik Senlik: Die Namen seiner Familie möchte er nicht veröffentlicht sehen - aus Angst vor Konsequenzen in seiner Heimat. Als der Kurde 1994 zunächst allein nach Erfurt kam, war er noch voller Hoffnung. Hier gebe es Menschenrechte und Freiheit, hatte er gehört. Hier wollte er leben und seinem damals zweijährigen Kind zeigen, was Frieden bedeutet.
Sabiah folgt ihrem Ehemann 1996, zusammen mit Sohn Ildiz. Zwei Jahre später kommt Rasim zur Welt. Inzwischen lebt die Familie in einer eigenen Wohnung. Macit Senlik findet einen Job in einer Dönerbude, kurz darauf beginnt auch Sabiah dort zu arbeiten. Die Kinder wachsen in Erfurt auf, haben Freunde. Ildiz und Rasim sprechen Deutsch mit Erfurter Dialekt, schauen deutsches Fernsehen. Doch das Familienglück ist nicht komplett: Um eine Aufenthaltsgenehmigung kämpfen Macit und Sabiah vergeblich.
Quälende Behördengänge
Acht Jahre lebt die Familie mit einer sogenannten Aufenthaltsgestattung in Deutschland. 2002 erhalten sie die Duldung. Das Behördendeutsch definiert diesen Status als "befristete Aussetzung der Abschiebung". Dauerhaft bleiben darf die Familie damit nicht. Die Duldung bedeutet sogar, dass ihnen die Arbeitsgenehmigung entzogen wird. Macit und Sabiah verlieren ihren Job, können ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren und sitzen fortan auf gepackten Koffern.
Mit dem Zuwanderungsgesetz, das im Januar 2005 in Kraft trat, wollte die Regierung Kettenduldungen künftig verhindern. Ausländern sollte die Aufenthaltserlaubnis erteilt werden, "wenn die Abschiebung seit 18 Monaten ausgesetzt ist". 80.000 Flüchtlinge schöpften daraufhin Hoffnung.
Doch die Auslegung des weit gefassten Gesetzes liegt bei den Innenministerien der Länder, und die ist in den Bundesländern sehr unterschiedlich. Während etwa Thüringen sehr strikt verfährt, interpretieren andere Länder wie Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen das Gesetz liberaler. "Würde Familie Senlik dort leben, hätte sie wahrscheinlich längst einen Aufenthaltstitel und dürfte bleiben", vermutet Antje Büchner, Ausländerbeauftrage des evangelischen Kirchenkreises Erfurt.
Anfang des vergangenen Jahres bekam Macit Senlik ein Schreiben. Er müsse Deutschland verlassen. Grund: Die Duldung sei abgelaufen, sie werde nicht verlängert. Punkt. Ein Appell an die Thüringer Härtefallkommission blieb erfolglos.
Versteckspiel der Behörden
Eine Liste der Erfurter Kirchen und gepackte Koffer in der einen, die beiden Kinder an der anderen Hand, zogen Sabiah und Macit los, um Obdach zu finden. Gleich an der ersten Tür - in der Lutherkirche - stießen die Senliks auf offene Arme. "Natürlich war ich im ersten Moment überrascht", sagt Pfarrerin Dorothee Müller. An Probleme der Finanzierung, der Unterbringung oder an die strafrechtlichen Folgen, die im Gesetzbuch festgeschrieben sind, dachte sie damals nicht. Laut Zuwanderungsgesetz drohen ihr bis zu fünf Jahren Haft. "Aber irgendjemand musste helfen", sagt die Pastorin, "wieso nicht die Martini-Luthergemeinde?"
Manchmal erscheint es Dorothee Müller, als "kämpften wir gegen Windmühlen". Die Ausländerbehörde, das Thüringer Innenministerium und der Erfurter Bürgermeister halten sich im Fall der Familie Senlik sehr bedeckt. Die zuständigen Amtsleiter schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Es ist ein Versteckspiel.
Wenigstens bewilligte das Ministerium, dass Ildiz und Rasim weiterhin zur Schule gehen dürfen. So verlieren die beiden Jungen nicht den Kontakt zu den Freunden und Klassenkameraden, die im letzten Sommer mit Unterschriftenaktionen für das Bleiberecht der Familie kämpften. Problemlos ist der Schulbesuch aber nicht. Die Klasse von Ildiz fährt demnächst nach England. Ildiz muss in der Kirche bleiben. Der schmächtige Rasim bekommt panische Angst, wenn er Sirenen hört oder Polizisten sieht. Er kennt das Risiko, weiß um die Gefahr, abgeschoben zu werden in ein Land, das er nicht kennt. So bringt ihn sein 15-jähriger Bruder jeden Tag in die Grundschule und holt ihn wieder ab.
Noch können die Senliks hoffen. Rund drei Viertel der Kirchenasyle der vergangenen Jahre endeten positiv: Die Flüchtlinge durften bleiben. 2004 räumte die Polizei nur eines von 48 Kirchenasylen.
Sabiah und Macit haben nur einen Wunsch: Dass sie so schnell wie möglich ihre Koffer packen und zurückkehren können. Zurück in ihre Vier-Zimmer-Wohnung, zu den Nachbarn, die gegen die Abschiebung kämpften. Zurück nach Hause.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH