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27.05.2006
 

Erdbeben in Indonesien

"Alles schrie Tsunami, Tsunami"

Von Anett Keller

Der erste Erdstoß kam um 5.54 Uhr Ortszeit. Eine Serie von Beben hat große Teile der Stadt indonesischen Stadt Yogyakarta und umliegende Regionen beschädigt. Tausende starben oder wurden verletzt. Die Überlebenden gerieten in Panik: Sie fürchteten einen neuen Tsunami.

Leipzig - Auf dem Alun-Alun Kidul, dem Platz vor dem alten Sultanspalast im Herzen von Yogyakarta drängen sich Menschenmassen. Doch anders als sonst, sind es nicht Touristen, die aus dem In- und Ausland anreisen, um eine Palastführung zu machen. Unter blauen Zeltplanen sitzen die verzweifelten Überlebenden des Erdbebens von heute Morgen. Mit nicht viel mehr als den Sachen, die sie am Morgen am Leib trugen, verbrachten sie den Tag unter den Planen, die man ihnen als Schutz vor der Sonne aufgespannt hat.

Um 5.54 Uhr Ortszeit überraschte das Beben mit der Stärke 6,2 die Bewohner von Yogyakarta im Schlaf. Das Epizentrum lag nur etwa 40 Kilometer vor der Südküste Javas. "Die Erde hat so schlimm gewackelt, dass wir sofort ins Freie gelaufen sind", berichtet Lucia Nucke Idayani, Bewohnerin des Stadtteils Joyonegaran SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Die Leute wurden sofort panisch. Alles schrie "Tsunami, Tsunami", manche kletterten auf Bäume. Überall lagen Verletzte. Zwei unserer Nachbarn wurden unter ihren Häusern begraben."

Die 44-jährige sagte, sie sei Erdbeben gewohnt, aber so etwas habe sie noch nicht erlebt. Durch die Menschenmassen, die sich aus Angst vor einem Tsunami in Richtung Norden auf den Weg machten, habe es zudem viele Unfälle gegeben und Krankenwagen seien kaum noch durchgekommen. "Die ganze Stadt steht unter Schock."

Bislang gehen die Behörden von über 2800 Toten aus, die Zahlen werden ständig nach oben korrigiert. Tiefe Risse in den Straßen und zerstörte Brücken erschwerten die Rettungsarbeiten. Selbst die Landebahn des Adisucipto-Flughafens wurde vom Beben zerstört. In der Wartehalle fiel die Decke herab und begrub mindestens einen Menschen unter sich. Der Flughafen wurde bis auf weiteres geschlossen, alle Flüge in die benachbarten Städte Solo und Semarang umgeleitet.

Auch in den beiden östlich von Yogyakarta gelegenen Städten Solo und Klaten richtete das Beben schwere Zerstörungen an. In Klaten rechnet man laut dem Internetportal "detikcom" mit 500 Todesopfern. Wie das Portal "tempointeraktif" berichtet, stürzte in Solo das Einkaufszentrum Grand Solo Mall teilweise zusammen. Dass in den zahlreichen zerstörten Geschäften nicht noch weitere Menschen zu Schaden kamen, ist nur der frühen Stunde des Bebens zu verdanken.

Erstversorgung am Straßenrand

Die meisten Opfer werden in Bantul, südlich der Stadt Yogyakarta vermutet. Bantul liegt nahe der Küste und damit dem Epizentrum am nächsten. Nach Angaben des Nachrichtensenders MetroTV sollen dort allein über 2000 Menschen ums Leben gekommen sein. Unter ihnen auch Ärzte und Krankenschwestern. Von etwa 400 medizinischen Einsatzkräften seien nur 50 einsatzfähig, so "tempointeraktif". Wer nicht selbst verletzt ist, ist auf der Suche nach seinen Angehörigen. Auch in den anderen betroffenen Regionen sind die Krankenhäuser völlig überlastet. Wer Glück hatte, wurde zumindest am Straßenrand notdürftig versorgt.

An der Parangtritis-Straße, auf der man aus Yogyakarta nach Süden in einer halben Stunde ans Meer fährt, sind mehrstöckige Häuser teilweise zusammengefallen. Strom- und Benzinversorgung sind dort nach Angaben indonesischer Medien völlig zusammengebrochen. In der Nähe befindet sich mit der Jalan Prawirotaman auch eine der bekanntesten Touristenstraßen der viel besuchten Stadt. Vor allem bei Rucksacktouristen ist das Prawirotaman-Gebiet mit seinen kleinen Hotels, Souvenir-Shops und Traveller-Cafés äußerst beliebt. Bislang gibt es noch keine Informationen, ob Ausländer oder gar Deutsche unter den Opfern sind.

Die etwa 600.000 Einwohner zählende Stadt Yogyakarta wird oft die Wiege der javanischen Kultur genannt und ist eines der touristischen Highlights bei Indonesienreisen. Die unweit der Stadt gelegenen über 1000 Jahre alten Tempel Borobudur und Prambanan locken jährlich Tausende Touristen in die Stadt. Wie "detikcom" berichtet, wurde auch das Mitte des 10. Jahrhunderts errichtete Hindu-Heiligtum Prambanan teilweise zerstört.

Auch der 1755 erbaute Kraton, der Palast, in dem auch heute noch ein Sultan residiert, zählt zu den meistbesuchten Attraktionen der Stadt. Auch der Palast wurde bis auf weiteres geschlossen. Nicht nur, dass seine weiten Vorplätze nun als Auffanglager für Obdachlose fungieren. Das altehrwürdige Gebäude wurde selbst auch in Mitleidenschaft gezogen. Einer der Pavillons, in dem das Museum, eines der Herzstücke des Palastes, untergebracht wurde, stürzte ein.

Das Beben wird der Stadt, die zum Großteil vom Tourismus lebt, noch lange zu schaffen machen. Seit Wochen schon rumort der Vulkan Merapi im Norden der Stadt. Das Beben soll seine Aktivität wieder verstärkt haben.

Inzwischen ist es Nacht in Yogyakarta. Doch die Malioboro-Straße im Herzen der Stadt, die sonst niemals schläft, ist wie ausgestorben. Die Garküchen-Betreiber haben in Sorge um ihre Familie anderes zu tun. Die Rikscha-Fahrer, so berichten Reporter von "detikcom", hätten sich am nahe gelegenen Bahnhof versammelt. Sie hoffen, dass der nächste Fernzug ihnen wenigstens ein paar Gäste bringt.

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