Von Karen Naundorf, Buenos Aires
Buenos Aires - Natürlich wollten alle für Argentinien spielen. Doch wer bei der Knast-WM, bei der 32 Gefängnisse der Provinz Buenos Aires gegeneinander antreten, welches Land repräsentieren würde, entschied das Los. Daran gab es nichts zu rütteln. Und so müssen die Häftlinge aus dem Gefängnis Nummer 19 heute leiden: Sie tragen die Trikots der Elfenbeinküste und treten im ersten Spiel des Gefängnis-Turniers gegen Argentinien, alias Unidad Nummer 9, an. Wenn sie schlecht spielen, sind sie Luschen. Wenn sie gewinnen, Vaterlandsverräter. Zweiteres hält Walter Bertolotti für wahrscheinlicher. "Meine Jungs sind gut in Form", sagt der Sportlehrer der Haftanstalt Nummer 19, "die können sich nicht einfach besiegen lassen."
Argentinien-Elfenbeinküste ist das Eröffnungsspiel: Eine Spezialeinheit hat die Fußballer aus den Gefängnissen der gesamten Provinz ins Gefängnis Nummer 9 nach La Plata gebracht. Und so laufen nun bei der Eröffnungsparade 32 Trainer mit jeweils einem Mannschaftsmitglied um den Sportplatz im Gefängnis Nummer 9 und halten die Flagge "ihres" Landes hoch. Sie tragen die Trikots der Länder, die sie vertreten. Nur die Kniestrümpfe zeigen, für wen ihr Herz eigentlich schlägt: Die meisten tragen Strümpfe in den argentinischen Nationalfarben weiß und blau.
Vorne weg läuft ein Spieler des argentinischen Teams, die Flagge hat er an eine Gardinenstange geknotet. Irgendwo in der Mitte hat sich der Vertreter der deutschen Mannschaft eingereiht, die Fahne haben die Häftlinge im Gefängnis Nummer 23 selbst genäht. Heraus kam ein Zwitter: Die Flagge hat die Farbfolge Belgiens - schwarz, gelb, rot -, ist aber Querformat. Und damit doch ein bisschen deutsch. Im Publikum am Spielfeldrand stehen auch ein paar Häftlinge.
Wer das "Who is Who" der Knast-WM enträtseln möchte, muss auf die Schuhe schauen. Blank geputzte Lederschuhe: Gouverneur, Bodyguards, Bürokraten; schwere schwarze Stiefel: Sicherheitspersonal; abgetragene Turnschuhe: Häftlinge; neue Turnschuhe: Journalisten.
Meuterer auf dem Spielfeld
Die Nummer zehn der Argentinier, Ariel Ayala, gibt Interviews am Spielfeldrand: "Ich bin ein agiler Dicker", sagt Ayala, ein Fan von Riquelme, dem argentinischen Mittelfeld-Star. Er ist seit fünf Jahren im Knast, sieben hat er noch vor sich. "Aber rennen sollen lieber die anderen."
In Ayalas Team ist auch ein Spieler, den alle "Terror de la moto" nennen, weil er mit Vorliebe Motorräder klaut. Und Miguel Acevedo, ein Glatzkopf, mehr als 1,90 Meter groß, bekannt als "einer von den zwölf Aposteln". Die zwölf Apostel führten vor zehn Jahren eine Meuterei im Gefängnis Nummer zwei an, bei der sie acht Mitgefangene töteten. Zeugen behaupteten später, dass die Aufständischen zumindest sieben der Leichen im Backofen garten und den Gefängniswärtern, die sie als Geiseln genommen hatten, zu essen gaben.
Grund für die Meuterei waren die unmenschlichen Zustände in den argentinischen Gefängnissen, die chronisch überbelegt sind und aus denen es immer wieder Berichte über brutale Folter und Misshandlungen gibt. Viele Häftlinge müssen ohne Trinkwasser und in katastrophalen hygienischen Bedingungen leben. Von den 25.000 Häftlingen in der Provinz Buenos Aires sind 82 Prozent noch nicht einmal verurteilt, berichtet die Zeitung "Clarín".
"Deshalb machen die das hier", sagt ein Häftling am Spielfeldrand, der nicht mit Namen genannt werden will. "Damit mal was Gutes über die Gefängnisse in der Presse steht." Vor dem Anpfiff stellen sich die Spieler aufs Feld, legen die rechte Hand aufs Herz und singen die argentinische Nationalhymne. Auch die Spieler in den orangenen Trikots singen mit. Als das Gefängnisorchester die Hymne der Elfenbeinküste spielt, schauen einige von ihnen beschämt auf den schlecht gepflegten Rasen.
"Sie kämpfen um die Freiheit"
Gespielt wird sieben gegen sieben ohne Abseits. Das haben die Veranstalter mit Schiedsrichter Angel Sánchez, der Argentinien bei der letzten WM vertrat und seitdem im Ruhestand ist, abgesprochen. Das argentinische Team steigt mit ein paar starken Pässen ein. Terror de la Moto immer vorne dran, genau wie Pochi Pinti, der Kapitän der Argentinier. Pinti ist wie Carlos Tevez - der nun für die richtige Nationalmannschaft spielt - im gefährlichen Hochhaussilo Fuerte Apache aufgewachsen. Früher kickte er sogar mit Tevez’ Vater.
Dann der erste Strafstoß, das 1:0 für Argentinien. Doch die Elfenbeinküste kontert nur eine Minute später. "Gooooooool! Sie kämpfen um Tore, sie kämpfen um die Freiheit“, schreit Gabriel López ins Mikrofon, den alle Colo nennen, weil er "colorado" ist, rothaarig. Der Journalist kommentiert das harte Spiel der beiden Teams über Lautsprecher: "Dieses Spiel wird mit Messer und Revolver ausgetragen. Keiner geht, keiner verlässt diesen Hinterhof, bevor das Spiel vorbei ist."
In der zweiten Halbzeit ist Argentinien machtlos und selten am Ball. Es gibt noch eine rote Karte für Ayala, die argentinische Zehn, als er wütend einen Spieler der Elfenbeinküste anspringt und mit beiden Füßen heftig gegen die Oberschenkel des Gegners kracht. Dann steht das Ergebnis fest: Elfenbeinküste gewinnt 7:3. Das Aus für Argentinien. Denn in der Knast-WM wird nach dem K.o.-System gespielt. Das Publikum applaudiert zurückhaltend, doch die Gesichter sind besorgt. Ob das ein schlechtes Vorzeichen ist? Erst wenige Stunden zuvor hatte Julio Grondona, der Präsident des argentinischen Fußballverbands, gesagt: "Die Elfenbeinküste ist ein gefährlicher Gegner."
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