Von Karen Naundorf, Buenos Aires
Buenos Aires - Wo immer der Kellner auch steht, er steht falsch. Entweder er versteckt sich hinter der Säule, dann meckert der Chef. Oder die Gäste sehen ihn. Dann bitten sie ihn, zur Seite zu treten. Sie wollen lieber den Fernseher im Blick haben, dafür sind sie schließlich ins Café La Ópera gekommen: um die Argentinier gegen die Niederlande gewinnen zu sehen.
Und dann das: Die Niederlande dominieren das Spiel, die Partie hat gerade begonnen. Nur Marta Tutak lacht noch. Sie kommt spät und freut sich, dass ein Mann mit schulterlangen dunklen Haaren ihr einen Stuhl anbietet: "Wie steht's?" sagt sie und setzt sich schnell, lässt den Schal um den Hals gewickelt. "Noch nichts passiert", sagt ihr Tischnachbar konzentriert. "Ich bin El Negro", stellt er sich hastig vor. Das gehört dazu.
Schließlich sind er und Marta für 90 Minuten Freunde. Beide arbeiten nur wenige Häuser entfernt von La Ópera, einem typischen Eckcafé mitten im Zentrum von Buenos Aires: Holzvertäfelung. Kleine quadratische Tische, die je nach Bedarf und Gruppengröße zusammen und auseinander geschoben werden. Bedienungen mit Hemd und Fliege. Meist gibt es nur einen Fernseher, weshalb argentinische Männer die Kunst, die Frau mit dem Rücken zum Fernseher zu plazieren, perfekt beherrschen. Sie merkt es erst wenn sie sitzt und der Blick des Gegenübers haarscharf an ihr vorbeigeht.
Heute schauen jedoch auch die Frauen auf den Bildschirm. Es ist vier Uhr nachmittags, die meisten trinken Kaffee, einige bestellen Bier. Sie kommen direkt von der Arbeit und tragen Anzüge, in der ersten Reihe sitzt auch ein Jude mit Kippa. Marta ist Psychologin, Ricardo Gonzales, alias El Negro, Rechtsberater. Am Nebentisch sitzen fünf Buchhalter, denen der Chef wegen des Spiels den Nachmittag frei gegeben hat.
Mit den ganz Großen trainiert
"Mit Fußball kenne ich mich aus, ich war früher Profi", sagt El Negro. Vor ihm liegen eine Telefonrechnung und ein Brillenetui. "Ich habe in Uruguay und in Brasilien gespielt. Danach habe ich eine Fußballschule mit Lalo, dem Bruder von Maradona, aufgemacht." - "Da sitze ich ja neben dem Richtigen", sagt Marta, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. El Negro hat schon mit den ganz Großen trainiert: mit Pelé, als er 14 war: "Der spielt Kopfbälle, ohne die Augen zu schließen." Mit Maradona, als der zum Tag der offenen Tür in die Fußballschule kam. Wer von beiden ist der bessere Spieler? "Das ist als würdest du fragen: Wer ist netter, Buddha oder Gandhi", sagt El Negro. "Beide sind unglaublich."
"Ich seh' nichts als orange", sagt Marta. Sie meint die Trikots der Spieler der Niederlande. "Das ist, weil die sich im Block bewegen. Wir haben eher Individualisten im Team", sagt El Negro. "Wenn das hier gut geht, gehen wir nachher am Obelisk feiern." Der Obelisk an der achtspurigen Straße des 9. Juli ist das Wahrzeichen von Buenos Aires. Nach jedem Fußballspiel treffen sich hier die Fans des Siegerteams und feiern.
Dann kommt Tevez, sein Drehschuss verfehlt das Tor nur knapp. Die Fans in La Ópera stehen auf, reißen die Arme nach oben, rufen: "Uuuuuh!" - "Die Holländer spielen besser zusammen", analysiert El Negro. Dann kommt der Pfiff zur Halbzeit. Ohne Tore gehen die Spieler in die Kabinen.
In der Pause trinken Marta und El Negro einen Cortado, einen Espresso mit einer Haube Milchschaum. Sie sprechen über den integrativen Effekt des Fußballspiels für Problemkinder. In der zweiten Halbzeit ist die Stimmung gedämpft: "Die Teams sind gleich stark. Wenn einer jetzt ein Tor schießt, wäre das ungerecht", sagt Marta.
"Das wäre eine Sternschnuppe"
Ob ihn ein Sieg der Argentinier stolz machen würde? "Das wäre wie eine Sternschnuppe: Ein kurzes Glück. Stolz kann ich auf Argentinien nicht sein, so lange hier Kinder vor Hunger sterben und fünf Millionen Menschen keine Arbeit haben", sagt er. Marta stimmt ihm zu: "In den Zeitungen steht, dass Argentinien seit Ende der Krise ein Rekordwachstum hingelegt hat. Aber wen interessiert das Bruttoinlandsprodukt, wenn bei den Menschen davon nichts ankommt." Sie zeigt auf ein paar Straßenkinder, die versuchen, durch die Fensterscheibe einen Blick auf den Fernseher im La Ópera zu erhaschen.
Dann der Schlusspfiff. Die Fans sind enttäuscht. "0:0", sagt El Negro. "Da gehe ich wieder arbeiten." Auch Marta hat es sich anders überlegt und fährt lieber nach Hause, als zum Obelisk zu gehen. Dort ist trotz Torlosigkeit einiges los: Mehr als 1500 Fans mit Argentinien-Flaggen, Tröten und kleinen Feuerwerkskörpern grölen: "Olé, olé, olé. Wir kommen wieder, wir kommen wieder, um zu gewinnen, wie 86." Bescheiden waren Argentinier noch nie.
In der Menge steht auch Alex von Saucken aus München. Er trägt als einziger ein Deutschland-Trikot, aber das Kamerateam von Canal 7 hat ihm fürs Interview schon blaue Farbe auf die Wangen geschmiert. "Feiern können sie, die Argentinier", sagt der 29-Jährige, der gerade eine Weltreise macht. Eine Gruppe von Schülern fragt ihn, ob sie ein Foto von ihm machen können: "Kommst du echt aus Deutschland?" Das WM-Finale will von Saucken in Rio de Janeiro sehen. "Am liebsten wäre mir Deutschland gegen Brasilien", sagt er. Das hat er dem argentinischen Fernsehteam lieber nicht gesagt: "Da war ich diplomatischer mit meiner Prognose: Deutschland wird erster, Argentinien zweiter."
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