Sonntag, 22. November 2009

Panorama



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25.06.2006
 

Afrikanische Odyssee

"Versteht ihr, warum wir diese Reise wagen?"

Von Klaus Brinkbäumer

Tagelang saß sie mit 15 anderen auf dem Dach eines Landrovers, Wochen wartete sie im Wald, und auf der Überfahrt riskierte sie ihr Leben: Ein Bericht über die Verzweiflungstour von Jane Aimufua, die in Benin-City ihre Kinder zurückließ, um in Europa für sie Geld zu verdienen.

Hamburg - Einige Wochen vor Beginn unserer Reise fuhren wir mit John durch Algeciras und trafen auf die Nigerianerin Jane Aimufua.

DER SPIEGEL

Die afrikanische Odyssee
DPA

SPIEGEL- Reporter Klaus Brinkbäumer ist den Verzweifelten auf ihrem Treck gefolgt.

Lesen Sie seine Reportage im neuen SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE die Berichte von Flüchtlingen über ihren strapaziösen Marsch. mehr...
Jane verkaufte Parkscheine an den Stränden von Algeciras in Andalusien; sie erzählte uns, dass ihr Mann Peter gerade in Abschiebehaft saß. Jane ist eine kraftvolle Frau, eine lachende Frau, rötlich-schwärzlich hatte sie ihr Haar gefärbt, und vor und zurück wippte ihr Oberkörper, während sie sprach. Sie hatte eines dieser Probleme, an denen Flüchtlinge in Europa scheitern: In 19 Tagen würde ihr Mann, der Vater ihrer Kinder, ausgeflogen werden, und sie brauchte deshalb ein polizeiliches Führungszeugnis aus Benin City, aber das war nur mit Bestechung und den richtigen Kontakten in diesen 19 Tagen zu schaffen.

Sie brauchte 200 Euro. Wir gaben sie ihr. Es war selbstverständlich - und wie grotesk, dass an diesen zwei Geldscheinen Existenzen hingen, Lebenswege, an diesen Scheinen hing die Zukunft einer Familie. Und dann saß sie auf einem weißen Gartenstuhl in einem spanischen Reihenhaus, dann erzählte Jane Aimufua von ihrer Entscheidung.

Jane Aimufua, 37, aus Benin City:

Es gibt nichts Schwierigeres für Eltern. Was sollte schwieriger sein als der Augenblick, wenn du deinen Kindern sagen musst: "Seid jetzt ganz stark, wir werden lange getrennt sein." Aber wir kamen nicht mehr voran in Benin City, deshalb wollte mein Mann gehen, und ich musste doch sein, wo mein Mann ist. Peter sagte zu mir, ich könne auch bei den Kindern bleiben und mir einen anderen Mann suchen, er würde es verstehen. Aber mein Platz ist doch neben ihm.

Peter war schon einmal acht Jahre lang in Spanien. Er war 1992 gegangen, als ich gerade zum dritten Mal schwanger war; ich wollte es nicht, aber er sagte zu mir: "So, wie ich dich liebe, werde ich dich niemals vergessen", und da ließ ich ihn gehen. Er ging, um Arbeit zu finden und uns Geld zu schicken, drei Jahre hat er damals gebraucht. Zunächst kaufte er sich ein Visum für Deutschland und flog von Lagos nach Frankfurt, aber aus Deutschland wurde er abgeschoben, weil das Visum falsch war. Darum startete er erneut. In Mauretanien kochte er Suppe und erzählte den Leuten dort, die Suppe ließe Pickel verschwinden; er log, um sich das Geld für die Reise zu verdienen. Er arbeitete auf Baustellen, es dauerte drei Jahre, bis er endlich genug Geld hatte, um weiterzugehen.

DER TRECK DER VERZWEIFELTEN

Wie verzweifelt müssen Menschen sein, um ihre Heimat, ihre Familien, ihre Kinder zu verlassen? Um sich auf eine Odyssee zu begeben und, wenn sie tatsächlich das unwirtliche Europa erreichen, als "illegale Einwanderer" verstecken zu müssen oder als Zwangsprostituierte ausgebeutet zu werden?

Über vier Jahre lang war der Ghanaer John Ampan unterwegs, er wurde verschleppt und gefoltert, er wurde in der Sahara ausgesetzt und sah seine Freunde sterben, ehe er in Spanien ankam. Nun kehrte er erstmals nach Afrika zurück, und gemeinsam mit ihm ist SPIEGEL- Reporter Klaus Brinkbäumer durch sieben afrikanische Staaten gereist. Er erzählt die Geschichte von John Ampans Reise, und er erzählt die Geschichten von den Menschen, denen er unterwegs begegnet ist. Drei dieser Schicksale dokumentiert SPIEGEL ONLINE exklusiv.
Auf dem Schiff nach Las Palmas wurde er entdeckt, sie verhafteten ihn, sperrten sie ihn ein für ein Jahr und deportierten ihn in die Westsahara. Er musste zu Fuß gehen, hatte nichts zu trinken, schrieb sein Testament. Aber Peter schaffte es nach Marokko und von Tanger mit einem Fischerboot hinüber nach Algeciras, und als er in Spanien ankam, ging alles gut: Er arbeitete als Bauarbeiter, als Putzmann, er pflückte Obst. Er mochte Europa. Doch 1999 starb sein Vater, und Peter ertrug es nicht, so weit weg zu sein, darum kam er zurück. Er wusste schon, dass er die gleiche, schreckliche Reise noch einmal machen müsste, aber das war ihm die Heimkehr wert.

Versteht ihr eigentlich, wie sehr wir Afrika vermissen, wenn wir bei euch in Europa sind? Versteht ihr, was das bedeutet, dass wir diese Reise trotzdem wagen? Kenneth, unser Größter, verstand uns. Die beiden Kleinen weinten. Ich auch.

Wir fuhren mit Autos und Lastwagen nach Lagos, dann nach Kaduna, mit einem Landrover nach Zinder, nach Agadez, und in der Wüste brach der Motor zusammen. Fünf Tage mussten wir warten, mit wenig Wasser, dann hatten sie den Wagen repariert. Weiter dann nach Tamanrasset, nachts auf den Straßen und tagsüber abseits in den Bergen. Und nach Algier, 16 Leute auf dem Dach eines Landrover, in vier Viererreihen saßen wir; unser Koffer fiel hinunter, ich hatte zwei Jeans, eine Jacke, ein paar Shirts darin, Peter auch, und nun hatten wir nichts mehr, weil sie nicht anhielten.

Drei Wochen lang warteten wir in einem Zelt im Wald, und zu Fuß, in der Nacht, überquerten wir dann die Grenze nach Marokko. Elf Leute waren wir, drei wurden erwischt. Es war hart, aber es ging alles gut, nur in Rabat hatten wir kein Geld mehr. Wir mussten ein Jahr in Rabat bleiben, wo wir Osasa bekamen, und drei Jahre in Tanger, in der Pension "Agadez", und unsere beiden Kleinen kamen dort zur Welt: Osasa ist jetzt vier Jahre alt, Osawese ist drei, und Blessing ist zwei. Das ist eine afrikanische Familie in dieser Zeit: drei Kinder hier, drei Kinder dort, und die Geschwister haben sich noch nie gesehen. Wir sind nicht die einzigen, die diese Entscheidung treffen mussten, das müsst ihr wissen.

BUCHTIPP

Klaus Brinkbäumer:
"Der Traum vom Leben - Eine Afrikanische Odyssee"
Erscheint Ende September 2006 bei S. Fischer;
304 Seiten; 19,90 Euro.
Wir warteten auf Geld, das uns unsere Angehörigen schickten, und als es kam, war es nicht genug. Ich musste mit den Kindern allein an Bord des Schlauchbootes gehen, für Peter reichte das Geld nicht. 28 Leute waren wir in dem Boot, es war Nacht, es war kalt, und ich hielt meine drei Kinder, dachte an die anderen drei und an meinen Mann, und alle im Boot wussten: Es kann sein, dass wir gleich sterben. Das weiß jeder, der in diese Boote steigt, das ist eine realistische Möglichkeit. Wir sahen die Tanker, schöpften das Wasser mit Bechern aus dem Boot. Was wir besaßen, hatte ich in eine Plastiktüte gestopft, weißes Klebeband drumherum, und meine Kinder klammerten sich an mich und weinten.

Aber wir kamen an. Die Soldaten warteten schon auf uns, aber weil ich drei kleine Kinder hatte, durfte ich bleiben. Ich danke Gott, und Europa danke ich für dieses Mitgefühl. Ich bete, dass auch Peter bleiben darf. Er fuhr einige Tage nach uns über das Meer, aber sein Boot wurde weit abgetrieben, bis nach Almeria, 36 Stunden lang war er auf dem Wasser unterwegs, und als die Marine kam, zog der Kapitän einen Taucheranzug an und ging von Bord. In Almeria verhafteten sie Peter und sperrten ihn ein, und jetzt drohen sie mit seiner Abschiebung. Wenn du nach dieser Reise Europa endlich erreichst und dann deportiert wirst, das ist so, als wenn ein Soldat nach einem langen Krieg nach Hause kommt und in seiner Haustür auf eine Mine tritt.

Lesen Sie morgen den Bericht von Flüchtling Sandra, 25, aus Benin City.

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