Von Alexander Smoltczyk, Rom
Rom - Die 119. Minute endet nicht, nicht heute Nacht. Es ist, als wären sämtliche Auto-Diebstahlsicherungen der Stadt ausgelöst. Entlang des Tiber, auf den Brücken und Straßen Roms stauen sich hupende Autos, in den Wagenfenstern, den Autodächern glückselige Gestalten, die ihre azzurroblauen T-Shirts schwenken: "Bo-Bobobo-Bobooooobo!"
Tifoso mit Flagge: "Wir können auch Marsmenschen besiegen"
Zwischen den Wagen jagen Vespa-Schwärme, auch sie hupend, knarzend, mit bauchfreien Siegesgöttinnen auf den Rücksitzen, die jubelnd ihre Trikoloren im Fahrtwind flattern lassen. Fahnen, Fahnen, Fahnen. Grünweißrote Raketen werden gezündet, zu Chören von Presslufttröten, einer Luftschutzsirene und bis zum Äußersten hochgejagten Motorradmotoren. Auf der Piazza del Popolo klettern die Tifosi auf die Mauern, um auch den Marmorgöttern die Fahne in den Arm zu legen, jeder steigt möglichst hoch, als wollte er dem Nachthimmel noch näher sein.
"Bo-Bobobo-Bobooooobo!" - der Stadiongesang von Maradonas Heimatverein "Boca Junior" ist die Hymne der Squadra 2006. Sie hüpfen, tanzen, kicken einen Ball in die Nacht hinauf. Einige haben Pizza-Kartons dabei. Das ist die Antwort auf den Pizza-Boykottaufruf der "Bild" vom Vortag. "Steckt euch die Pizza sonstwo rein", steht auf einer Banderole und, in römischem Dialekt, auf einer anderen: "Iss es, Deutscher."
Zettel gehen herum, aufgemacht wie eine Todesanzeige: "Nach 120 Minuten langer Agonie erlosch die liebe Existenz der Signora GERMANIA." Darüber ein Trauerkreuz mit Ballack als Schmerzensmann. "Bo-Bobobo-Bobooooobo!"
Italien ist zum ersten Mal seit zwölf Jahren im Finale einer WM. Jetzt ist alles anders. Jetzt ist alles vergessen. Wie am 4. Juli 1954 für die Deutschen.
Madonna! Was mussten sie leiden unter all den Spott-und-Hohn-Glossen, die in den letzten Tagen über die Squadra im Besonderen, die Calcio-Mafiosi und den Italiener im Allgemeinen ausgekübelt wurden. "Bo-Bobobo-Bobooooobo!" Sollen sie uns doch Mammasöhnchen, Daumennuckler, eingeölte Simulanten nennen. Sollen sie jenseits der Alpen ihre bierernsten Witzchen reißen - Grosso und Totti und Del Piero haben es geschafft. Die Deutschen bei sich daheim zu schlagen, in der Hölle des Westfalenstadions, und das ohne Trickserei, ohne Catenaccio und Schwalbenflüge - das ist nicht nur ein Sieg, das ist die Katharsis, die Apotheose: "Italien ist stärker als alle" jubelt die Titelzeile des "Messaggero" heute Morgen: "Dieses Italien kann jetzt jeden schlagen, Marsmenschen eingeschlossen."
"Weil die Deutschen uns insgeheim lieben"
Über die Deutschen schreibt der Kolumnist: "Wir haben ihnen gezeigt, wer wir sind. Ihnen, die keine Gelegenheit verpassen, über uns herzuziehen, vielleicht weil sie uns fürchten, vielleicht, weil sie uns insgeheim lieben."
Der Jubel ist auch so lautstark gewesen, weil das nicht nur ein weiterer historischer Sieg über den großen Bruder im Norden ist. Es ist auch ein Sieg über sich selbst, über ein Land, das sich noch immer schwer tut mit den Zumutungen der Moderne.
Die Skandale der letzten Wochen hatten das Land in einen Spiegel blicken lassen, und es war darüber erschrocken. Der Sohn des letzten Königs ein korrupter Hurenbock, angeklagt, eine Verbrecherbande geleitet zu haben. Der Präsident der Nationalbank ein willfähriger Verteiler von Begünstigungen. Und die Allmächtigen des Calcio eine Mafia, die ungeniert über Spielergebnisse, Auf- und Abstiege übers Handy entscheiden konnte. Immer wieder das gleiche Bild: Gefälligkeiten statt Transparenz, Kungeleien statt Verfahren. Und keinerlei Unrechtsgefühl.
Noch am Nachmittag hatte der Ankläger im Fußballprozess sein Plädoyer gehalten: Zwangsabstieg für Juventus in die C-Liga. Aberkennung der Pokale. Zwangsabstieg für Milan, Lazio, Florenz, dazu Sperren für die Fürsten des italienischen Fußballgeschäfts. Stürmerstar Kaka und Juventus-Trainer Capello haben bereits angekündigt, das Land zu verlassen.
Trainer Marcello Lippi war wegen seiner Verstrickung ins "Calciogate" unter Schmährufen nach Deutschland abgereist, verstoßen fast wie einst Cicero. Jetzt werden sie ihm Palmwedel zu Füßen legen, wenn er am Montag zurückkehrt. Einige Juve-Fans im Parlament haben für den Fall des Titelgewinns am Sonntag schon eine Generalamnestie verlangt.
Wie auch immer. Die alte Dame Juventus in der dritten Liga, die Blockade der Stadt Rom durch streikende Taxifahrer, Sparhaushalt, Teuerung und Hitzewelle. Die 118. Minute macht all das nicht vergessen. Aber jetzt lässt es sich leichter damit leben: "Bo-Bobobo-Bobooooobo!"
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Fußball-WM 2006 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH