Frage: Sie haben gerade Ihren 80. Geburtstag gefeiert. Jetzt wird man Ihnen am Broadway vielleicht ein Denkmal setzen. Immerhin haben Sie mit "The Producers" eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten kreiert.
Brooks: Danke für die Blumen. Das Stück hat sich wirklich gut entwickelt, seit es 1968 zum ersten Mal verfilmt wurde. In Deutschland lief der Film übrigens unter dem Titel "Frühling für Hitler".
Frage: Stimmt es, dass der windige Broadway-Produzent Bialystock in "The Producers" ein reales Vorbild hatte?
Brooks: Ja, ich habe Mitte der sechziger Jahre tatsächlich mit so einem Typen zu tun gehabt. Er hat sich von älteren Damen für die Liebesdienste, die er ihnen in der Mittagspause auf einem abgewetzten Ledersofa in seinem Büro zukommen ließ, bezahlen lassen. Ich schwöre bei Gott: So war es! Er hat es ihnen besorgt - und bekam dann einen Scheck für sein neues Broadwaystück. Er hat eine völlig neue Variante der "Besetzungscouch" erfunden. In "The Producers" sind viele meiner persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen eingeflossen.
Frage: In dem Musical gibt es sehr deftige Witze über Juden, Nazis und Hitler.
Brooks: Ich glaube, dass man das durchaus machen kann - zumal ich selber Jude bin. Ich bin einer der wenigen Juden, die mit Hitler den einen oder anderen Dollar gemacht haben. Ich bin eben Komiker, und als solcher kenne ich keine Tabus. Was immer in der Welt geschieht, darüber darf man auch Witze machen. Wobei ich keiner bin, der gern Witze erzählt - mein Job ist es, witzig zu sein.
Frage: Lassen Sie uns einen Versuch machen: Stellen Sie sich vor, Sie laden Paris Hilton zum Abendessen ein - was passiert?
Brooks: Ich würde natürlich zunächst verzweifelt nach einem Gesprächsthema suchen. Ich würde mich dann vielleicht mit ihr über Musik unterhalten wollen. Über meinen Lieblingskomponisten Richard Wagner zum Beispiel. Ich würde Sie fragen, was sie von "Tristan und Isolde" hält. Und sie würde so etwas sagen wie: "Ich kann mich jetzt gar nicht mehr daran erinnern, auf welcher Party ich die zum letzten Mal gesehen habe."
Frage: Finden Sie Paris Hilton sexy?
Brooks: Frauen, die ich sexy finde, haben nicht nur lange Beine und andere Körperteile, die ich mir gerne anschaue, sondern vor allem auch etwas im Kopf. Wenn man in ihren Augen nur das leuchtende Nichts sieht, dann interessieren sie mich nicht im Geringsten. Das ist doch reine Zeitverschwendung. Wissen Sie, wann es wirklich funkt? Wenn ich die Lebenslust in ihren Augen sehe. Es schadet natürlich nichts, wenn sie zudem noch ein bisschen sündig, gefährlich und verführerisch ist. Ich finde Nicole Kidman sehr sexy. Bei ihr spielt sich die Erotik mehr im Gesicht ab. Und Uma Thurman, sie ist echtes Dynamit. Aber noch sexier als die alle zusammen finde ich Scarlett Johansson - die ist intelligent und hat große Brüste. Das ist absolut unschlagbar!
Frage: Sie waren über 44 Jahre mit der Schauspielerin Anne Bancroft verheiratet - bis zu ihrem Tod im letzten Jahr. Was ist das Geheimnis einer so langen und glücklichen Ehe?
Brooks: Nun, es war ja meine zweite, das muss man schon dazu sagen. Als ich sie heiratete, hatte ich die Generalprobe gewissermaßen schon hinter mir. Es ist ganz wichtig, dass man sich gegenseitig wirklich zuhört. Ich kenne viele Männer, die nach der Heirat ihre Frauen für selbstverständlich nehmen und sie wie ein Möbelstück behandeln. Sie verlieren fast sofort das Interesse an ihnen. Ich hingegen wollte immer wissen, was meine Frau dachte und fühlte - was sie zum Ticken brachte.
Frage: Sind Sie über Ihren Tod hinweggekommen?
Brooks: Ich habe zum Glück meine Lebenslust nicht verloren. Natürlich packen mich Trauer und Melancholie von Zeit zu Zeit. Ich unterdrücke das nicht. Dann weine ich eben ein wenig - und schaue wieder nach vorne.
Frage: Ist Humor ein Lebenselixier?
Brooks:Absolut. Lachen ist die beste Herzmuskelmassage, die es gibt. Ich bin mir sicher, dass manche Filme von Chaplin, Keaton - und vielleicht sogar der ein oder andere von mir - das Leben um mindestens zwei bis fünf Jahre verlängern können.
Frage: Ist es heutzutage schwerer, das Publikum bei der Stange zu halten als früher?
Brooks: Das Kinopublikum auf jeden Fall. Die Aufmerksamkeitsspanne eines durchschnittlichen Kinobesuchers ist heute erschreckend kurz. Er hat keine Geduld und kein Sitzfleisch. Ach, übrigens: Wo wohnen Sie in Deutschland?
Frage: In München.
Brooks: Eine tolle Stadt. Es gibt in Deutschland übrigens drei Städte, die meiner Meinung nach sehr unterbewertet sind: Stuttgart, Köln und Düsseldorf. Alle drei sehr hip, sehr smart. Aber München ist natürlich ganz wunderbar.
Frage: Waren Sie auch schon einmal auf dem Oktoberfest?
Brooks: Leider nicht. Doch vielleicht ist es auch ganz gut so. Ich habe mich immer davor gefürchtet, dass ich mich in ein dirndltragendes deutsches Mädchen namens Heidi oder Traudl Hals über Kopf verlieben könnte und dann vielleicht für immer in Deutschland bleiben würde. Sie wissen, nach der dritten, vierten Mass kann alles passieren. Andererseits könnte ich dort endlich mal meine Lederhose stilecht ausführen.
Frage: Sie besitzen eine Lederhose?
Brooks: Aber ja. Ich habe sie mir allerdings nicht in Bayern, sondern in Mailand gekauft. Ich habe auch einen Hut mit Gamsbart, Haferlschuhe und Kniestümpfe.
Frage: Bei welcher Gelegenheit tragen Sie denn dieses Outfit?
Brooks: Zum Beispiel am 4. Juli. Da hampele ich dann als Hitler in Lederhosen herum. Hitler und Konsorten ins Lächerliche zu ziehen, ist einfach total befreiend. Man muss versuchen, Hitler posthum zu demontieren, wo man nur kann. Dadurch wird hoffentlich verhindert, dass irgendwelche ewig Gestrigen ihn wieder auf einen Sockel stellen.
Frage: Manchmal wird es in Ihren Filmen auch ganz schön vulgär.
Brooks: Aber immer auf eine erträgliche Art. Ich wühle nicht (auf deutsch:) in der Scheiße, sondern veredele das Vulgäre.
Frage: Können Sie noch mehr deutsch sprechen?
Brooks: Ein bisschen schon. Als mein Vater mit acht, neun Jahren nach Amerika kam, sprach er nur deutsch und keine einzige Silbe englisch. Wir haben auch zu Hause gelegentlich deutsch gesprochen, aber ich habe meine deutsche Vergangenheit immer etwas im Hintergrund gehalten. Mein Job war es schließlich, Jude zu sein. Die Familie meiner Mutter kam aus Russland und ihr Mädchenname war Bruckmann oder auf englisch eben Brookman, was auch ursprünglich mein Künstlername werden sollte. Daraus wurde dann schließlich Brooks.
Frage: In "Das Leben stinkt" spielen Sie einen Finanzhai, der wettet, dass er 30 Tage in einem Slum von Los Angeles ohne Geld überleben kann. Hand aufs Herz: Wie viele Tage hätten Sie geschafft?
Brooks: Sind Sie verrückt? Ohne Geld, ohne Kreditkarte, ohne Essen, ohne Dach über dem Kopf? Keine 24 Stunden. Am meisten hätte ich, wenn ich es mir recht überlege, aber mein Auto samt Autotelefon vermisst. Ich liebe es, in Los Angeles auf einem Freeway zu fahren und jemanden in der Schweiz anzurufen. Nicht, dass ich jemand in der Schweiz kennen würde, doch ich finde es unheimlich schick, dort anzurufen. Meistens nehmen irgendwelche Frauen ab, die ich nicht kenne.
Das Interview führte Ulrich Lössl
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