Von Cord Christian Troebst
Und Thomas, der Attentäter? Der ist vor der Explosion einigen Passagieren aufgefallen, als er einige kräftige Züge aus einer mitgeführten Schnapsflasche nahm. Aus seiner Kabine in der ersten Klasse hört man gegen 17 Uhr, gut sechs Stunden nach der Katastrophe, Stöhnen und Ächzen. Die Tür ist verschlossen. Der Schiffszimmermann wird gerufen, er bricht sie auf. Die herbeigeholten Ärzte finden Thomas hemdsärmelig auf dem Sofa liegend. Er atmet schwer, ist bewusstlos. Kopf und Augen sind blutverschmiert und dick geschwollen. Sechs Mann tragen den korpulenten Verletzten in einer Decke die Gangway herunter. Im Krankenhaus kommt er in einen Raum, in dem Opfer der Explosion liegen, seine Opfer.
Zunächst hält man auch Thomas für ein Opfer. Doch noch am selben Abend findet man am Boden von Thomas’ Kabine einen sechsschüssigen Revolver. Vier Kugeln stecken noch in der Trommel, die beiden anderen in Thomas’ Kopf. Ein Selbstmordversuch? Der Verdacht keimt, er könnte mit der Explosion zu tun haben. Thomas, wieder bei Bewusstsein, wird von der Polizei verhört. Er gibt zu, Eigentümer des Fasses gewesen zu sein. Aber immer wieder hat er neue Versionen über seine Herkunft. Will er seine Frau schützen? Auch über den Tatverlauf und die Art des Sprengstoffs will er nichts sagen, ebenso wenig, ob es Mitwisser gibt.
In der nächsten Nacht versucht Thomas, den Verband abzureißen, um zu verbluten. Man muss ihn fesseln. Am Mittwoch, den 15. Dezember 1875, trifft Thomas’ Frau in Begleitung des jüngsten, fünf Monate alten Kindes in Bremerhaven ein und nimmt in "Löhr’s Hotel" Quartier. Sie wirkt leidgeprüft. Die Polizei nimmt ihr ab, dass sie von dem Plan ihres Mannes ebenso wenig wusste wie über sein früheres Leben. Sie bricht am Krankenbett ihres Mannes zusammen.
Am gleichen Tag legt Thomas vor dem aus Bremen angereisten Polizeiinspektor Schnepelein ein Teilgeständnis über den beabsichtigten Versicherungsbetrug ab. Thomas stirbt am Nachmittag des folgenden Tages um 16.30 Uhr. "Pech gehabt" sind als seine letzten Worte überliefert. In der Arme-Sünder-Ecke des Wulsdorfer Friedhofs wird Thomas begraben, ohne Kopf. Der wird durch den städtischen Gerichtsmediziner abgetrennt und in Spiritus konserviert. Jahrzehnte bleibt er im Museum für Natur- und Völkerkunde in Bremerhaven, schließlich kommt er ins Kriminalmuseum der Stadt Bremen. Dort findet man ihn 1944 nach einem Bombenangriff zwischen verstümmelten Toten. Nach einer anderen Version geschieht dies 1945, als britische Soldaten Handgranaten im Gebäude explodieren lassen. Wie dem auch sei – da man den Kopf niemandem zuordnen kann, wird er entsorgt.
An die Katastrophe erinnert heute eine Gedenktafel an der Mauer des Zoos Tiergrotten unweit der Bäderschiffabfahrtsstelle nach Helgoland.
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