Reliquien

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01.09.2006
 

Besuch bei Jesus-Reliquie

"Benedikts Wallfahrt ist reine PR"

Der als nüchterner Denker bekannte Papst Benedikt XVI. betet in einem italienischen Dorf vor einem Tuch, das das Gesicht Jesu Christi zeigen soll. Die Wallfahrt hält der Kirchenkritiker Horst Herrmann für eine Werbeveranstaltung - und das Schweißtuch der Veronika für eine Fälschung.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das "Schweißtuch der Veronika", vor dem Papst Benedikt gebetet hat?

Herrmann: Zu den Passionslegenden zählt auch eine Geschichte, nach der eine Frau namens Veronika Jesus vor der Kreuzigung ein Tuch gereicht haben soll, auf dem sich mit Schweiß, Blut und Tränen sein Gesicht abgezeichnet hat.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Tuch echt sein?

Herrmann: Es ist gefälscht, darüber muss man gar nicht diskutieren. Diese sogenannten Passionsreliquien sind alle erst im dritten oder vierten Jahrhundert aufgetaucht. Die Kaiserin Helena ist zum Beispiel nach Jerusalem gefahren und hat da etwa das Kreuz Christi gefunden, und seither ist das Kreuz in Splittern über die ganze Welt verteilt. Wenn man die Splitter mal zusammenzählt, kann man mindestens ein großes Schiff draus bauen. Das Schweißtuch ist eine relativ bekannte Reliquie. Eines ist zum Beispiel auch im Petersdom, in einer Säule am Papstaltar.

SPIEGEL ONLINE: Der Vatikan hat also das Tuch - das Dorf Manoppello hat es aber anscheinend auch, sonst wäre der Papst doch nicht hingefahren.

Herrmann: Was lernen wir daraus? Da das Mittelalter reliquiensüchtig war und das Vorzeigen von Reliquien diesen Ort bis heute viel Geld bringt, waren natürlich verschiedene Leute daran interessiert, eine zu besitzen. Und was man nicht hat, das macht man sich. Wie Luther sagte: Die Welt will betrogen werden, also tun wir es. Reliquienfälschung und Reliquienmultiplikation ist ganz normal. Nachdem von einer gläubigen Menge die Nachfrage da war, hat man natürlich auch das Angebot vergrößert. Es gibt nicht nur zwei solche Tücher, es gibt eine ganze Menge. Nach meinen Informationen weist sogar in Deutschland der Aachener Domschatz in Deutschland Teile eines Schweißtuches Jesu auf - bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Papst Benedikt galt schon als Kardinal als rational denkender Mensch. Warum ist er jetzt zu einem mythenumwobenen Schweißtuch gefahren?

Herrmann: Der vorherige Papst Johannes Paul II. ist immer ein Mystiker gewesen. Der jetzige Papst hat sich schon als Chef der Glaubenskongregation immer schon gegen diese Mystik verwahrt. Persönlich, nehme ich an, hat er mit solchen Sachen nichts zu tun, wahrscheinlich glaubt er nicht mal dran. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu wissen, dass ein Tuch, das im Jahr 33 nach Christus irgendwo benutzt wurde, nicht 400 Jahre später aufgefunden wird. Was hat das Tuch denn 400 Jahre lang gemacht? Da reicht der gesunde Menschenverstand, um zu sagen: Das kann nicht sein. Das weiß auch der Papst. Aber der Papst weiß auch, dass er für seine Klientel etwas machen muss. Das ist mit seinem Amt verbunden.

SPIEGEL ONLINE: Muss Benedikt wirklich diese Wallfahrt machen?

ZUR PERSON

Horst Herrmann wurde am 1. August 1940 geboren, er ist Kirchenkritiker, Soziologe und Schriftsteller. 1975 wurde ihm nach schweren Auseinandersetzungen um seine Forschung und Lehre die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen - es war der erste Fall dieser Art in der Bundesrepublik Deutschland.
Herrmann: Wäre ich Papst - was Gott verhütet hat - ich ginge da nie hin. Man darf nicht nur eine fundamentalistische Klientel bedienen. Aber Italien ist halt Italien, und Klientel ist Klientel. Der Papst will ein bestimmtes Segment seiner Klientel ansprechen. Ich glaube nicht, dass er das mit wirklicher Überzeugung macht. Als rational denkender Mensch kann er das nicht tun. Das ist eine reine PR-Veranstaltung, die sowohl dem Papsttum dienen soll als auch diesem Dorf. Da kommt dann so eine silberne Tafel hin, dass der Papst da war. Der Papst möchte irgendwo auch mal eine Tafel unterbringen, wo an ihn erinnert wird, wenn er tot ist. Im Vatikan gibt es Tafeln, da steht: Diesen Aufzug hat Johannes der XXIII. errichtet.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollen Menschen unbedingt das Gesicht Jesu Christi sehen?

Herrmann: Auf der ganzen Welt gibt es mindestens 20 verschiedene Bilder, auf denen angeblich das Gesicht von Jesus zu sehen sein soll. Da zu Lebzeiten niemand Bilder angefertigt hat, standen die ersten Christen mit leeren Händen da. Zuerst waren Bilder allgemein im Christentum aber auch verworfen worden, weil sie an heidnische Kulte erinnerten. Später galten sie mehr und mehr als "Bibel der Laien", die nicht lesen konnten. Ein Gesicht ist offensichtlich nicht nur für Pass- und Zollorgane etwas ganz authentisches. Wir möchten dem Herrn Jesus ins Gesicht sehen. Dann kommt es auch nicht darauf an, ob das echt ist oder nicht.

Das Interview führte Sönke Klug

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