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24.09.2006
 

Afrikanische Flüchtlingsschicksale

Ampans unendliche Reise

Von Klaus Brinkbäumer

17 Millionen Afrikaner sind auf der Flucht, die meisten von ihnen auf dem Weg nach Norden. Tausende sterben unterwegs. Auch John Ekow Ampan wurde inhaftiert, deportiert, in der Wüste ausgesetzt, aber nach fast fünf Jahren kam er an. Die Geschichte einer Reise.

Reisen gibt es, die den Reisenden verändern und zu einem anderen Menschen machen. Vielleicht wäre er hinterher, nach seiner Reise, gerne wieder wie vorher, aber es geht nicht, jener Zustand ist verloren, und der Mensch, der er war, existiert nicht mehr, weil seine Welt durch seine Reise eine andere geworden ist. Das kann der Reiz des Reisens sein, und es ist das Risiko des Reisenden, es ist das Risiko eines Afrikaners, der nach Europa kommt.

John Ekow Ampan hat Afrika seine Heimat genannt in den Jahren seiner Reise. Dann verlor er seine Sicherheit. Seine Freunde. Seine Bräuche, seine Sprache, sein Wetter, seine Lieder und sein Lachen. Er hat sich dort, wohin ihn die Reise führte, eingereiht, hat zu leben gelernt, wie die Europäer leben. Er zieht sich an wie ein Europäer und arbeitet wie einer; er kauft die Fernseher der Europäer und ihre Waschmaschinen, sogar ihr Gemüse, das ihm so lange nicht schmeckte, weil er es ernten musste in ihren Treibhäusern, und er hat eine Freundin, die dort zu Hause ist, dort in Europa, doch er ist es nicht. Er wollte sein wie sie in all den Jahren. Er wollte Europäer werden.

"Ich werde nie einer", sagt er. Und wo ist er heute zu Hause? Dies ist John Ampans wahre Geschichte. John Ekow Ampan, der damals noch John Ekow Ampah hieß, wurde in Monrovia in Liberia geboren. Sein Vater hatte dort zu arbeiten, und als John eineinhalb Jahre alt war, ging die Familie nach Ghana zurück, wo ihre Ursprünge waren.

John Ampan ist ein Cousin des Fußballprofis Samuel Osei Kuffour, genannt Sammy, der viele Jahre lang für Bayern München spielte, ehe er nach Rom wechselte. Johns Mutter und Sammy Kuffours Mutter sind Schwestern, beide stammen aus Kumasi, der alten Königsstadt der Ashanti im Norden Ghanas, 200 Kilometer von Accra entfernt. Im Haus mit der Nummer K.O. 61 wuchsen die Schwestern und später auch John und Sammy auf. In diesem Dorf gab es einen Mann, den sie "Hamburger" nannten, weil er in Deutschland arbeitete.

"Hamburger" infizierte sie mit seinen Träumen

"In Deutschland ist es so kalt, dass du keinen Kühlschrank brauchst; du stellst dein Bier auf das Fensterbrett, und wenn du vom Klo kommst, ist es gefroren. Deutsche schlafen nie, sie arbeiten immer, sie haben nicht einmal Zeit für ihre Frauen." Solche Geschichten erzählte Hamburger, der einen 230er Mercedes fuhr, einen "Family Benz" mit einem Nummernschild mit blinkenden Lichtern und mit einer Hupe, die muhte wie eine Kuh. Jeden Morgen wusch Hamburger sein Auto, die Deutschen machen das so, sagte er.

Und Hamburger erzählte, dass das Leben hart sei in Deutschland, er habe als Tellerwäscher und Küchenhilfe begonnen und nun drei Jobs zugleich, aber er sagte den Kindern auch, dass in Deutschland jeder eine Chance habe, und dann brachte er den ersten Farbfernseher ins Dorf und einen Lederball für die Jungs. So wurde Hamburger der, der sie alle infizierte mit seinen Geschichten von Europa, und vielleicht ist es ja so, dass jedes afrikanische Dorf seinen Hamburger hat. John jedenfalls vergaß Hamburgers Geschichten nie. Wenn man immer nur von einem anderen Leben träumt, wann lebt man? Wenn dir etwas wirklich etwas bedeutet, dann tu es bald - du hast nicht ewig Zeit.

Das waren die Lektionen. John ging zur Grundschule, dann vier Jahre lang aufs Canadian Technical Training Center in Accra und zwei Jahre aufs Polytechnische Institut, er beendete die Ausbildung mit einem Diplom als Tischler und Polsterer. Er zog als Gastarbeiter nach Lagos, Nigeria, aber 1983 ließ die nigerianische Regierung viele schwarze Gastarbeiter deportieren; "es werden zu viele Fremde", sagte der Regierungssprecher, bleiben durften nur die Weißen. So kam John nach Hause, und ein Freund bot ihm Arbeit an: Der Vater des Freundes führte im Norden Ghanas, in der Region Bolgatango, eine Farm, die er "Afoko" nannte, und ein Hotel, das "Central". John wurde eine Art Geschäftsführer, ihm vertraute der Vater seines Freundes die Einnahmen an.

Und dort, in Nordghana, traf John auf Vida, sie war 17 Jahre alt und Schülerin, und nachmittags half sie ihrer Mutter im Laden, wo sie Papier und Süßigkeiten und Bier verkauften. "Sie war so schön und so lustig und so nett", sagt John, aber er traute sich nicht, sie anzusprechen; darum fragte er seinen Freund um Rat, der mit Vidas älterer Schwester sprach, die wiederum ihre Mutter einweihte, und so wurde ein Treffen arrangiert zwischen John und Vida. Es ging sofort um Heirat. Es war nicht besonders romantisch, es war sehr afrikanisch.

Der Traum von Amerika

Vor Vidas Vater, einem strengen, stolzen Mann seines Stammes, fürchtete sich John, aber der Vater blieb still, zeigte zwar keine Sympathie, aber er verbot er die Liebe auch nicht. Vier Wochen später heirateten sie, dann zogen sie nach Accra in jenes Haus, in dem heute Vida ihre Bar führt.

Der Grund seiner Flucht war, dass John in Ghana Schulden gemacht hatte, die er niemals hätte zurückzahlen können - er sah keine andere Chance als zu gehen. Vida und er lebten damals in Accra und kauften Schallplatten auf, bespielten Kassetten mit Musik und verkauften die Kassetten auf der Straße. Es war ein zähes Geschäft, ein quälendes. Aber es gab damals zwei Männer in Accra, die John für einen schlauen Jungen hielten, und darum boten sie ihm an, mitzumachen bei etwas schnelleren Geschäften.

Der eine, Mr. Asare, gab John allerlei Seltsamkeiten in die Hand, Schlagzeuge zum Beispiel oder Klimaanlagen, damit John das Zeug auf der Straße verkaufen möge, und das tat John; der andere, Opoku Amfi, gab ihm eine Menge Bargeld, auf dass John in den Straßen der Stadt einen neuen Motor für ein Taxi besorge. Und John hatte nun diesen Haufen Geld in der Hand. Es waren 1000 Dollar - das Geld, das er brauchte für Amerika, jedoch nicht sein Geld.

Amerika, das war sein Traum, er wollte vorausgehen und die Familie später nachholen, und am Ende würde er Mr. Asare und Opuku Amfi ihr Geld zurückzahlen. Und darum gab er das Geld einem Mann namens Teddy. Dieser Teddy hatte gesagt, er könne Visa besorgen, echte Visa, in der Botschaft gekaufte Visa, sichere Visa. Teddy sagte, er müsse dafür nach Togo fahren, es dauere zwei Tage, dann sei er mit den Visa zurück.

Johns Frau Vida riet ab, sie mochte diesen Teddy nicht und traute ihm nicht. Es war ein Freitag, John wartete bis Dienstag, dann wusste er: Er hatte verloren. Teddy tauchte nie wieder auf, und weil es in einem Land wie Ghana für einen Mann wie John keine Möglichkeit gab, an das Geld zu kommen, das er Mr. Asare und Opuku Amfi schuldete, keine Möglichkeit, der Familie ein Fundament zu schaffen, war John Ekow Ampah ein Mann der Schande, er war entehrt. Darum ging er, dies ist der Grund für eine vier Jahre lange Reise nach Europa, der Grund für 14 Jahre in der Ferne.

Vida war dagegen

Geplant hatte er damals nicht, so lange zu bleiben, nicht am Anfang jedenfalls, als er zum zweiten Mal nach Lagos ging. Da wollte er noch nicht nach Europa. Doch es ging nicht gut in Lagos, er saß im Gefängnis, weil bei seinem Chef eingebrochen worden war und der Chef alle Angestellten einsperren ließ, und als er frei kam, da wollte er nach Europa.

Es war Sommer 1993, als Vida Ampah eine Nachricht von ihrem Mann erreichte. John war vor eineinhalb Jahren aufgebrochen, und seitdem war er wieder Gastarbeiter in Nigeria, viel mehr wusste sie nicht. Ihr Mann arbeitete dort und schickte regelmäßig Geld, das machten viele Männer so, und jetzt ließ er ihr ausrichten, er müsse sie dringend sehen, aber nicht zu Hause, sondern draußen vor der Stadt, 125 Kilometer entfernt.

John hatte ja Schulden in Accra, niemand durfte ihn dort sehen, dann wäre das Geld weg, das er gespart hatte, zur Hälfte für Vida und zur Hälfte für seine Reise. Um 21 Uhr war John in dem Hotel, es lag in Sogakope, ein flacher, weißer Bau mit Veranda und einer Treppe, die von der Veranda zu den Zimmern führte. Sagokope war eigentlich keine Stadt, nur die Hauptstraße Richtung Togo und rechts und links Häuser und Märkte. "Volta View Hotel" hieß das Hotel, die Zimmer waren billig, zehn Euro, und man konnte handeln, dann kostete es vier Euro.

Laut war es, man hörte die Motoren und die Hupen, die Trommeln und Musik, und das hörte auch nachts nicht auf. Gegenüber waren ein Automarkt, eine "Cocktail Bar", der "Royal Club" – schöner Name, aber nichts als ein Haufen Bretter und ein paar Kisten Bier. John wartete, wenig später kam Vida, das Baby hatte sie mitgebracht, das er noch nicht gesehen hatte. Alice, ein Jahr alt. Sie hatten nur eine Nacht. Sie schliefen nicht, keine Minute. Vida war dagegen. Sie hasste diese Reise vom ersten Moment an.

Sie wusste, es würde für lange Zeit sein und vielleicht für immer. Er sagte, sie seien verheiratet, und darum müsse er für sie und die Kinder sorgen, und das könne er in Afrika nicht. Sie sagte, nein, das sei nicht wahr, sie seien verheiratet, um zusammen zu sein. Sie weinte, sie schrie, denn nichts wusste sie über Europa, sie wusste nur, dass sie Angst hatte vor dem, was kommen würde. Aber er war seltsam hart, er war entschlossen, ließ sich nicht abbringen von seiner Idee. Er sagte, er wolle um die Zukunft seiner Familie kämpfen, und hier in Afrika gebe es keine Zukunft.

Und dann fuhr er, er saß auf dem Rücksitz eines Autos neben Leuten, die er nicht kannte, Leuten, die mit ihm nur die Verzweiflung gemeinsam hatten und das Ziel: Europa.

Lesen Sie morgen mehr von der Reise John Ampans: Station Lagos - eine Stadt aus Dreck, Müll und Schlamm

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