Von Klaus Brinkbäumer, Lagos
Jesse Jackson sagte: "Kommt es hier zum Bürgerkrieg, dann war das, was in Ruanda geschah, eine Gartenparty." Als SPIEGEL-Reporter Klaus Brinkbäumer auf der zentralen Route der Flüchtlinge durch Afrika mit seinem Begleiter John Ampan im nigerianischen Lagos ankommt, schreibt er einen Brief, eine E-Mail an seine Freunde:
Nun habe ich etwas Zeit, aber bald schließt dieses Internetcafé mit den hakenden und verklebten Tastaturen, 20 Minuten zum Schreiben bis zum Einbruch der Dunkelheit, dann müssen wir ins Hotel, denn das hier ist Lagos. Das sagt John ständig: Klaus! This is Lagos! Und bedeuten soll das, dass hier keine Regeln mehr gelten, dass hier nur die Starken durchkommen, dass nichts so ist wie in anderen Städten.
Es ist eine erbärmliche Stadt. 15 Millionen Menschen und nichts als Dreck und Müll und Schlamm. Wege durchs Abwasser sind Bretter, die hineingeworfen wurden, damit man halbwegs trocken rüberkommt - diese Bretter heißen Hauptstraßen. Kinder sitzen vor Olfässern und lassen Stöckchen in der Brühe schwimmen. Wer Müll hat, wirft ihn zu dem anderen Müll vor der Hütte. John war vor 25 Jahren zum ersten Mal hier, fünf Monate lang blieb er, für "Osmat Construction" arbeitete er, Vertragspartner der österreichischen Firma Strabag, und er lebte in Ijora, Ghetto der Ghanaer, in Holzhütten, die auf Stegen über Tümpeln und Flussläufen standen.
Zwei Männer wohnten dort auf acht Quadratmetern. Sie teilten sich die Hütten nach Schichten: Wer nachts arbeitete, wohnte tagsüber, und umgekehrt. Müll lag vor und unter den Hütten, Ratten liefen herum, Moskitos kamen durch alle Ritzen. Schlägerbanden zogen grölend herum und legten Feuer, wenn einer das Schutzgeld nicht zahlen wollte.
Diese Ghettos entstanden zufällig und spontan. Die Menschen, die hier wohnten, waren einfach irgendwann gekommen, und dann hatten sie sich einen Platz zum Schlafen gesucht; aus etwas Holz, Blech, Plastik, aus Zeitungen und Gras und Schnüren bauten sie die erste Hütte, und dann kamen die nächsten Menschen, und bald gab es eine neue Straße, und wenig später stand das Ghetto. "Ich hatte nicht eine friedliche Nacht", sagt John. Zwei Stunden dauerte die Busfahrt zu seinem Arbeitsplatz, zwei Stunden in klaustrophobischer Enge in einem dieser Fahrzeuge, die irgendwer irgendwie zusammengeschweißt hatte: das Chassis von einstigen japanischen Armeelastern, die Ladefläche aus Blechfetzen.
Als er genug Geld verdient hatte, als die Regierung 1983 begann, den Hass auf schwarze Gastarbeiter zu schüren und alle Ghanaer auszuweisen, die zu finden waren, kehrte John nach Hause zurück. Aber weil er Schulden gemacht hatte, weil er sein Geld einem falschen Schlepper gegeben hatte, kam er 1992 ein zweites Mal nach Lagos, in diese Stadt, deren Zentrum und Namensgeberin die Insel namens Lagos ist, die einstmals so etwas wie ein Stützpunkt der Sklavenhändler gewesen war.
Diesmal fand John Arbeit bei Mobil, dem Ölkonzern. John ist ein eloquenter Mann, er kann sehr freundlich sein und reden, und bald wurde er der Fahrer des Chefs Bola Ahmed Tinubu. Er hatte es geschafft, dachte er. John mietete sich eine Hütte in Ijora, acht Quadratmeter, Bretter an den Seiten, Wellblech als Dach, darunter klebte John eine Schicht Papier, wegen der Hitze; der Maurer Kingsley war sein Zimmergenosse. Wenn die Winde des Harmattan kamen, im Dezember, und die Stadt mit dem roten Staub der Sahara überzogen, polierte John den Fuhrpark.
"Don't fail"
Und John fuhr den Boss durch Lagos, saß in einem Mercedes, und er fuhr die Frau des Bosses zum Einkaufen, aber dann gab der Chef einen Empfang, viele Leute waren in seiner Villa, und wenig später stiegen dort Einbrecher ein. Die Villa Bola Ahmed Tinubus wurde ausgeräumt, die Diebe kannten die Wege und marschierten direkt ins Schlafzimmer. Und alle Angestellten, die Zugang zum Haus gehabt hatten, kamen ins Gefängnis.
Das Gefängnis von Ikoyi ist ein brauner Bau mit schwarzen Flecken, Autowracks stehen vor den Mauern, Frauen verkaufen verschimmeltes Toastbrot, Stromleitungen hängen von den Masten herab in den Schlamm. Ein Nike-Plakat klebt an einer Hauswand: "Don't fail", versage nicht! 120 Männer saßen und lagen auf zwölf mal acht Metern, in der Mitte des Raumes war ein Loch im Boden, das war die Toilette. Die 120 Männer teilten sich auf in Gangs. Sie schliefen auf der Seite, die Knie in den Kniekehlen des Nachbarn, der Platz reichte nicht, um sich umzudrehen. Sie vergewaltigten sich gegenseitig. Sie beraubten sich. Sie hörten die Schreie derer, die gefoltert wurden.
John betete. Sie nannten ihn "Kaplan", er las die Messe für die anderen, und irgendwann nahm ihn ein bulliger Kerl aus Benin City unter seine Getreuen auf, Bob Izoua hieß der Mann; Bob Izoua machte Geschäfte im Norden, Genaues wusste keiner, aber er soll einen Mann umgebracht haben, hieß es, einen Rivalen des Gouverneurs von Benin City. Das Leben wurde leichter für John. Bob Izouas Familie ließ Kleinbusse vorfahren, beladen mit Seife, Kleidung und Lebensmitteln. Bob Izoua verteilte das Zeug unter seinen Anhängern.
Lagos ist Stau
Ein Mann bekam asthmatische Anfälle, die Gefangenen riefen die Wärter, aber keiner kam, und der Mann starb. Drei Ghanaer waren im Raum, die beiden anderen saßen seit acht Jahren hier, ohne Prozess. Ein Polizist sagte zu John, er wisse, dass John unschuldig sei, aber er brauche Geld, um auch andere davon zu überzeugen. John gab dem Polizisten, was er noch hatte, ein paar Hundert Euro. Es dauerte sechs Monate, dann war John wieder frei. Er hatte nie einen Anwalt gesehen, nie war er verhört worden, es hatte keine Anklage gegeben und schon gar kein Verfahren. "Das ist Lagos, Mann", sagt John.
Wir waren in seinem Slum von damals, und es roch wie nichts, was ich kannte. Und alle hier haben so traurige Augen. Oder nicht einmal mehr traurig. Das sind andere Menschen als Alte oder Arbeitslose bei uns. Die hier werden nicht geliebt, nicht gebraucht, nicht gefördert, nicht gewollt, sie sind ganz und gar überflüssig. Die haben keine Schulen, keine Versicherungen, keine Bücher. Sie haben nicht mal Luft, hier ist nur Gestank. Wenn man in einer Stadt wie dieser über Aids nachdenkt, die größte Bedrohung des Kontinents, kann man nur zu einem Schluss kommen: Bessere Voraussetzungen könnte das Virus nicht haben. Polygamie ist verbreitet in Afrika, Männer dürfen tun, was sie tun wollen, ungeschützt, und Frauen haben verfügbar zu sein; so ist es nicht immer, aber allzu oft.
Dazu kommt die Armut. Die Aggressivität, der Hunger, die Not. Dazu Prostitution, Vergewaltigungen, Drogen. Dazu Wanderarbeit, zerrissene Familien. Dazu ein Glaube, der Kondome verdammt. Ein Bildungsniveau nahe am Analphabetentum, es leben Menschen in Lagos, die glauben, Aids werde vom Meerwasser übertragen: "Mein Vater hat in Port Harcourt gearbeitet, immer wieder fuhr er ans Meer, und danach wurde er krank. Es war das Meer", das erzählt eine junge Frau im Hotel. "Lagos: Centre of Excellence" steht auf jedem Nummerschild.
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