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Elend in Nigeria "Die Polizisten sind die miesesten Kerle von allen"

2. Teil

Lagos ist Stau: eine einzige Masse von Autos, und zwischen den Autos zwängen sich Blinde, Krüppel, zehn-, zwölfjährige Jungs hindurch, auf den Köpfen Eimer mit Getränken. Sie flehen die Fahrer an, manchmal reichen sie die Getränke nach innen, aber dann schließt sich die Scheibe, und es gibt kein Geld; sie können dagegen nichts tun, denn würden sie einem Reichen das Auto zerkratzen, hätten sie es künftig nicht leicht in den Straßen der Stadt. Es reicht ja, wenn hier einer ruft: "Ein Dieb, der da ist ein Dieb", dann kommt der Mob, und einer findet immer einen Autoreifen, und einer findet immer Benzin, und dann zünden sie den Dieb an, den angeblichen, und ermorden ihn, und dann gehen sie weiter. Solche Szenen sind viel zu normal in Lagos. Vor uns ein deutscher Bus: "Denk an die Umwelt, fahr mit dem Bus", steht auf der Heckscheibe.

Lagos riecht nach Urin, nach Schweiß. Nach brennenden Müllbergen, nach feuchtem Müll und faulem Wasser. Nach Benzin und nach Abgasen. Vor den Tankstellen lange Schlangen, hier: im Land des Öls. Die Männer von Lagos trinken morgens um zehn, die Frauen tragen zu viele Kinder herum.

Es ist zu spät

Und als unser Fahrer den Wagen am Rand parken will, fährt er ein bisschen zu dicht an die Häuser heran; Bretter liegen über Löchern, der Wagen kracht durch die Bretter, und die Räder hängen in der Luft. Sofort sind 40, 50 Leute da, heben den Wagen raus, und dann wollen sie Dank. Und kommen immer näher und schreien und schieben sich immer dichter an uns heran, und John hat die richtige Idee. Er fragt nach dem Anführer, sie diskutieren lange, um einen Anführer zu benennen, der bekommt 10.000 Naira, und dann fangen sie sofort an, sich um das Geld zu prügeln, und wir können weiterfahren.

Wenn man in dieser Stadt unterwegs ist, wirken ein paar deutsche Dinge ziemlich absurd. Die ASU, wie hübsch. Oder soziale Förderprogramme oder Entwicklungshilfe oder Programme zur Integrierung von jungen Muslimen. Hier leben 15 Millionen, und in 15 Jahren sollen es 25 Millionen sein, und diese Stadt wird niemals mehr irgendwer in eine bessere Richtung lenken. Denn den Müll kriegt niemand mehr weg, diese Menschen finden nicht mehr hinaus, es ist zu spät.

In Lagos, Stadt ohne Mittelschicht, Stadt ohne Bürger, gibt es nur eine Gegend, die etwas anders ist, das ist Victoria Island, wo die Reichen leben. Hier kann man sich Sonnenschirme mieten, der Strand ist sauber, hier stehen Häuser aus Marmor mit Stacheldraht und Videoüberwachung. "Das ist Lagos", sagt John, "in den Gegenden der Reichen hat man bloß Angst. In den Gegenden der Armen hat man Angst und niemals Frieden und Ruhe und nichts zu essen." Und jeder fragt dich nach Europa. Wie komme ich dorthin? White man, kannst du mich einladen? Sie fragen nach Telefonnummern. Sie bieten Frauen an: Willst du meine Gattin? Meine Schwester? Meine Tochter?

Es passiert täglich, egal wo wir sind, und die Frauen lächeln und fassen uns an, streichen uns über die Unterarme, den Rücken, fragen, ob sie über Nacht bei uns bleiben dürfen. Wir sind weiß, wir müssen Geld haben, und sie brauchen Geld. Und wir haben Pässe, darum fragen sie, ob wir sie mitnehmen, wenn sie uns glücklich machen. Trotzdem werden sie lästig. Weil alle in Wahrheit nichts wollen als Geld. Wer an der Straße steht, wenn man vorbeifährt, schreit: White man, we need your money. Oder: White man, help us all. Und für jeden Schritt muss man bestechen, Polizisten sind in Nigeria nichts anderes mehr als Straßenräuber, da ihr Job keinen anderen Sinn mehr hat als Geld einzutreiben, so viel Geld wie möglich.

Ohne Geld keine Verhandlung

17 Checkpoints hatten sie aufgebaut von der Grenze bis nach Lagos, 100 Kilometer sind das, und überall standen Polizisten mit Knüppel in der Hand. 200 Naira hier, 1000 dort, immer und überall geht es nur darum - her mit eurem Geld. Das Ganze ist legalisierter Straßenraub: Sie legen Baumstämme oder Nagelbretter über die Autobahn, man muss anhalten, und wenn sie es wollen, muss man zahlen. Den Vorgang der Bestechung nennen sie "to settle", ein Problem lösen, ganz so, als gäbe es ein Problem und für die Lösung sei leider eine Gebühr fällig. "To serve and protect with integrity", das steht auf den Polizeiwagen.

Wir haben einen Jungen angeheuert, Barnabas David Overstar, der auf seiner Okada, seinem 80er Motorrad, vorausfährt und uns den Weg durch Lagos weist. Barnabas erzählt, dass er vor Jahren noch ganz gut klargekommen sei, genug verdient habe mit Botenfahrten und Führungen, genug, um Eltern und Geschwister zu versorgen, weil er der einzige in der Familie war, der Geld verdiente. Jetzt aber stünden an jeder Straßenecke 20 Okada-Fahrer, Wochen vergingen ohne Auftrag, und immer wieder kämen Polizisten und konfiszierten das Motorrad, einfach so, und dann müsse er zahlen.

Und wenn jemand von der Uni abgeht und in seinen Beruf einsteigen will, hat er nur eine Chance, wenn er den künftigen Arbeitgeber besticht. Angestellter bezahlt Chef, ein Jahr lang, zwei Jahre lang, dann verdient der Angestellte erstmals Geld - falls er dann nicht gefeuert wird.

Und wenn jemand im Gefängnis sitzt und nicht weiß, warum, sollte er unbedingt reich sein, denn ohne Geld verhandelt kein Richter, ohne Geld gibt es keinen Raum für eine Verhandlung, ohne Geld fährt niemand den Gefangenen zum Gericht. Es ist lästig, dumpf, demütigend, und vermutlich sind das die letzten Zuckungen einer Gesellschaft, in der nichts mehr funktioniert. Es gibt keine Sicherheiten, es gibt kein Vertrauen mehr in Nigeria - wem soll man trauen, wenn Polizisten die miesesten Kerle von allen sind? Das ist das nigerianische Afrika. Und überall Werbetafeln über den Slums: zwei weiße Liegestühle an einem weißen Strand, "Deine Traum-Ferien", das ist der Slogan, der für die Lagos-Lotterie wirbt.

Time is up. We are closing. Ich muss diese E-Mail jetzt abschicken und weiß nicht, ob ich zu scharf war, ungerecht gegenüber einem geplagten Land. Nein. This is Lagos.

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