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25.09.2006
 

Veraltetes Sicherheitskonzept

Verkehrsexperte erhebt Vorwürfe gegen Transrapid-Betreiber

Die Ermittlungen zu den Ursachen des Transrapid-Unglücks laufen auf Hochtouren. Ein Verkehrsexperte erhebt derweil schwere Vorwürfe gegen die Betreiber der Magnetschnellbahn. Das Sicherheitssystem auf der Teststrecke im Emsland sei "antiquiert" gewesen.

Lathen - Wegen dieser "Nachlässigkeit" sei nun eine Grundsatzdiskussion zu erwarten, die für das Magnetschwebebahn-System "wahrscheinlich tödlich" sein dürfte, sagte der Gießener Verkehrswissenschaftler Gerd Aberle im Westdeutschen Rundfunk.

Statt einer Fahrt-Freigabe über Telefon oder Funk, wie in Lathen geschehen, hätte es eine elektronische automatische Sperre geben müssen, die den Aufprall auf den Werkstattwagen ausgeschlossen hätte. "Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum man das so antiquiert im Emsland noch betrieben hat", sagte Aberle.

Bei dem Zusammenstoß des Transrapids mit einem Werkstattwagen am vergangenen Freitag kamen 23 Menschen ums Leben. Zehn weitere wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

"Man ist immer davon ausgegangen, dass das System an sich, wenn sich nichts auf der Strecke befindet, sicher ist", so Aberle, der auch im Konzernbeirat der Deutschen Bahn sitzt. Im Emsland habe man auf die automatische Sperre verzichtet, die technisch einfach immer dann ausgelöst werde, wenn sich ein größerer Gegenstand auf dem Tragebalken befinde - beispielsweise auch nach einem Flugzeugabsturz.

Wenn zum Beispiel beim TGV-Schnellzug in Frankreich ein Fahrzeug von einer Brücke auf die Strecke stürze, gebe es automatisch einen Stillstand. "Und so was muss man natürlich beim Transrapid als selbstverständlich unterstellen."

Laut Aberle ist nicht ausgeschlossen, dass nun "Schlussfolgerungen gezogen werden, die dann das Ende des Transrapid bedeuten können". Nach diesem Unfall könne "die Vermarktung schon ein Riesenthema" sein. Die geplante Strecke in München wäre die einzige Referenzstrecke im Inland. Es sei ungünstig, wenn man ausländische Interessenten immer nur auf China verweisen müsse, wo die erste kommerzielle Strecke mit deutscher Technologie seit 2003 in Schanghai betrieben wird.

Die Aufklärung des genauen Hergangs des Transrapid-Unglücks verzögert sich derweil. Der Funkverkehr habe entgegen vorheriger Ankündigungen eines Landkreissprechers wegen technischer Probleme nicht vollends ausgewertet werden können, sagte Alexander Retemeyer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück.

Auch die Videoaufzeichnungen aus dem Cockpit müssten erst noch analysiert werden. Es ergebe sich somit derzeit kein konkreter Verdacht gegen bestimmte Personen. Es werde "in alle Richtungen ermittelt".

Anzeichen für ein technisches Versagen lägen weiterhin nicht vor, sagte Retemeyer, die Behörden gingen nach wie vor von menschlichem Versagen aus. Man ermittle gegen alle verantwortlichen Mitarbeiter der Leitstelle wegen fahrlässiger Tötung, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit.

Inzwischen hätten jedoch erste Verletzte als Zeugen der Transrapid-Tragödie vernommen werden können, sagte Retemeyer. Jedoch werde die Staatsanwaltschaft keine Einzelheiten bekannt geben, ehe nicht alle Überlebenden vernommen worden sind. Die Ermittler wollten sich erst ein Gesamtbild machen. Direkt an der Unfallstelle, wo noch das Wrack des zerstörten Transrapid 08 steht, werde derzeit eine mögliche Einsturzgefahr geprüft.

Die niedersächsischen Landtags-Grünen wollen die möglichen Ursachen für das schwere Unglück im Verkehrs-Ausschuss zur Sprache bringen. "Dann muss geklärt werden, welche Untersuchungen noch erfolgen müssen und wie die unterschiedlichen Erkenntnisse zur Sicherheit des Transrapid und zum Unglück zu bewerten sind", sagte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Enno Hagenah. "Hastige Erklärungsversuche" von Politikern und Befürwortern der Transrapid-Technologie seien jetzt aber völlig fehl am Platz.

Hersteller ThyssenKrupp teilte derweil mit, dass der neue Transrapid für die Versuchsstrecke im Emsland wie geplant im April nächsten Jahres ausgeliefert werde. "Wir sind voll im Zeitplan", sagte ein Unternehmenssprecher. Der neue Transrapid verfüge über die neueste Sicherheitstechnologie, betonte ThyssenKrupp. "Alle Sicherheitsstandards werden peinlichst genau eingehalten und zumeist noch übertroffen."

Das neue Modell "Transrapid 09" ist 15 Zentimeter höher, hat erstmals auch Stehplätze und größere Türen. Nach Tests im Emsland soll der Transrapid später die Münchner Innenstadt mit dem dortigen Flughafen verbinden.

Der Landkreis Emsland hat inzwischen eine Anlaufstelle für Hinterbliebene eingerichtet. Im Kreishaus in Meppen finden sie unbürokratische und schnelle Hilfe, auch bei finanziellen Engpässen, wie ein Kreissprecher sagte. Dafür wurde ein Spendenkonto eröffnet. Am Mittwoch findet in der katholischen Kirche in Lathen ein Trauergottesdienst für die Opfer der Katastrophe statt. Dazu werden Bundespräsident Horst Köhler, Bundesverkehrsminister Wolfang Tiefensee (SPD) und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) erwartet.

jto/dpa/ddp/AFP

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