Von Sönke Klug, Dortmund
Dortmund - Afra Banach fährt mit der Hand den langen Ärmel entlang, fasst am Saum den weichen Wollfilz und reibt ihn sacht zwischen Daumen und Zeigefinger. "Diesen Stoff mögen viele", sagt sie und blickt auf, "er wirkt so warm."
Dieser Stoff soll einmal einen Toten kleiden. Das weite, fließende Gewand trägt einen roten Stern auf der Brust, der viel kräftiger wirkt als die zarten, getrockneten Blütenblätter, die Afra Banach auf das Leinenhemd daneben genäht hat. Fünf verschiedene Modelle bietet die Dortmunder Designerin an - zur Auswahl für Lebende. Zu begutachten im Internet: www.leichenhemd.com.
"Zu mir kommen nicht nur kranke Menschen", sagt sie, auch nicht nur alte, die das Lebensende nahen fühlen. Zu ihr kommen Menschen ab 50. Um sich ein Leichenhemd auszusuchen, es danach in den Schrank zu legen mit dem Gefühl, vorbereitet zu sein. Afra Banach spricht oft lange mit diesen Menschen, die sie nicht kennt, die sie nicht wieder sieht. Jeder kommt nur einmal im Leben.
Ihre Kollektion ist wandelbar. Wer möchte, kann seine Lieblingsblumen aufnähen lassen, kann bei dem Modell "Gespinst" die Farbe der zahllosen Fäden bestimmen, die sich wie ein Netz über das Hemd legen oder bei dem Modell "Gedicht" den aufgedruckten Vers selber bestimmen.
Weiter will sie nicht gehen. Keine Leichenhemden in Pink, keine schrillen Accessoires. Der Grundton von Banachs Modellen ist schlicht cremeweiß, "um an das Taufkleid zu erinnern", sagt die zierliche Frau am Esstisch ihrer Dortmunder Wohnung, wo sie die Kleidungsstücke fertigt. Vor einigen Jahren legte sie als erste Deutsche eine Diplomarbeit über Leichenhemden-Design vor. Diesen Faden hat sie nicht mehr verloren.
Ökologisch abbaubar
Afra Banach hat sich viele Gedanken gemacht über ihre Hemden. Und sie will, dass man das weiß. Dass es keine Provokation ist und schon gar nicht nur die Marktlücke. Sie spricht von dem alten Brauch, das eigene Totenhemd schon zu Lebzeiten in den Schrank zu legen, und davon, dass sich in manchen jüdischen Gemeinden früher sogar Eheleute die Hemden gegenseitig zur Trauung geschenkt haben. Sie spricht von Würde, von Abschiednehmen.
Beim Nähen "gebe ich jedem Hemd sehr viel Energie von mir mit", sagt sie. Leichenhemden zu entwerfen, das ist für sie keine normale Design-Arbeit, keine Massenproduktion. Gedanken über Tod und Sterben, Gedanken vielleicht an denjenigen, der das Hemd einmal tragen wird, "die kann und will ich nicht verhindern".
Man darf sich Afra Banach deshalb nicht als traurigen Menschen vorstellen. Ein Lächeln spielt um ihre Lippen, als sie erzählt, wie Bestattungsunternehmer anfangs ihre Ideen aufgenommen haben: "zögerlich" nämlich. Das heißt wohl: mit einer ganz gehörigen Portion Skepsis und Ablehnung, denn die Bestatterbranche zählt in Deutschland nicht zu den innovationsfreudigsten. Auch Freunde und Bekannte seien "erst einmal zurückgezuckt", als sie von der Design-Idee erfuhren, sagt sie. Mittlerweile stellen manche Unternehmen Banachs Hemden aus.
Dabei ist es im Grunde einfach. Eine wachsende Zahl von Friedhöfen verbietet das Bestatten von Toten in deren Alltagskleidung, aus Gründen des Umweltschutzes. Banachs Hemden sind deshalb ökologisch, man muss es wohl sagen, abbaubar. Sie stehen außerdem in bewusstem optischem Kontrast zu den an traditioneller Festkleidung orientierten Standard-Leichenhemden.
"Der letzte Schrei"
Banachs Arbeit folgt einem Trend in den vergangenen Jahren zur Öffnung der deutschen Bestattungskultur. Nachbarländer haben es vorgemacht. In den Niederlanden können sich Fans des Fußballvereins Ajax Amsterdam auf einer Aschestreuwiese bestatten lassen, die aus Stadionrasen zusammengelegt ist. Videomitschnitte von der Einäscherung sind längst Standard. In Dänemark werden Urnen von Hinterbliebenen selbst bemalt.
Einen Schritt in diese Richtung könnten in Deutschland Messen wie in diesem Jahr die "Dernier Cri" ("Letzter Schrei") auslösen. Dort sind nicht nur Banachs Hemden zu sehen, sondern auch Ideen wie die Dual-Use-Särge. Diese Modelle dienen schon zu Lebzeiten in der Wohnung als modern designte Couch oder Wandschrank, später als letzte Ruhestätte.
Doch ungeachtet solcher Denkanstöße verändert sich Bestattungskultur nur allmählich. Leben kann Afra Banach deshalb vom Entwerfen und Nähen der Hemden nicht, im Hauptberuf ist sie Grafikdesignerin. Aber die Nachfrage steigt. Und damit auch der Preis. Zwischen 150 und 300 Euro kostet die Einzelanfertigung.
Die Designerin, Jahrgang 1969, näht ihre Hemden eigentlich für "Menschen meines Alters". "Ich bin mir ganz sicher, dass sie, wenn sie sterben, nicht diese Standardhemden haben möchten", sagt sie, und ihr Blick wandert über die Modelle. Das "Gespinst" mag sie am liebsten, feine Fäden, wie die dünnen Äderchen eines welken Blattes.
Ihr eigenes Hemd hat sie schon genäht. Es liegt jetzt im Schrank.
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