SPIEGEL ONLINE: Mr. Blackwell, wie fing das alles an?
Blackwell: Mein Sohn kam eines Tages mit einem Brief von der Schulverwaltung nach Hause. Darin beschuldigte ihn der Vize- Superintendent der "sexuellen Belästigung" und suspendierte ihn - vom Kindergarten! Er warf ihm vor, "unangemessenen physischen Kontakt" mit einer Lehrerin gehabt zu haben.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt das denn?
Blackwell: Er habe sie umarmt und dabei "seinen Kopf an ihren Brüsten gerieben".
SPIEGEL ONLINE: Die Lehrerin hat sich also persönlich beschwert?
Blackwell: Ja, sie hat ihn bei der Schulverwaltung des Bezirks angezeigt. Ich war total vor den Kopf gestoßen. Mein Junge ist noch nicht mal in der Vorschule. Er reicht der Lehrerin gerade bis zur Hüfte. Außerdem hat er doch noch überhaupt keine Ahnung, was Sex ist. Er weiß nicht, was Sex ist oder Rasse. Er kennt den Unterschied zwischen schwarzer und weißer Hautfarbe nicht, obwohl wir selbst schwarz sind. Er ist ein völlig pures und unschuldiges Wesen.
SPIEGEL ONLINE: Wie war Ihre Reaktion?
Blackwell: Mich hat der Vorwurf enorm mitgenommen, und meine Frau auch. Das wollen Pädagogen sein? Das ist mein Kind, mein bester Freund. Ich bin 49 Jahre alt und ein kriegsversehrter Armeeveteran. Mein Sohn und ich verbringen viel Zeit miteinander, während meine Frau arbeitet. Wir gucken fern, essen Popcorn und spielen. Ich bringe ihm bei, alle Menschen zu lieben. Und alle im Ort lieben ihn. Er ist doch noch ein Baby. Wie können sie ihn nur so behandeln?
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit der Schulverwaltung gesprochen?
Blackwell: Natürlich, sofort. Die Bezirksverwaltung von Waco bestellte mich sogar zu ihrer Sitzung ein. Sie hielten an ihren Vorwürfen fest. Sie sagten, es werde in seiner Akte vermerkt.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie etwas dagegen tun?
Blackwell: Ich habe Beschwerde eingelegt und eine Entschuldigung der Lehrerin verlangt. Unsere Welt ist so schon voller Hass, wo soll das hinführen? Eines Tages werden wir uns gar nicht mehr berühren dürfen.
SPIEGEL ONLINE: Hatte die Beschwerde Erfolg?
Blackwell: Sie haben die Vorwürfe in seiner Akte auf "unangemessenen Kontakt" reduziert, aber das ist ja nur Wortklauberei. Eine Entschuldigung wurde abgelehnt.
SPIEGEL ONLINE: Versteht Ihr Sohn, weshalb er suspendiert wurde?
Blackwell: Nein, das versteht er natürlich nicht, wie auch? Und ich habe ihm gesagt, dass er nichts falsch gemacht habe. Aber er spürt, das irgendetwas nicht in Ordnung ist.
SPIEGEL ONLINE: Wie das?
Blackwell: Ich merke es, wenn er nachmittags aus dem Schulbus steigt. Er lässt den Kopf hängen. Die Lehrerin macht ihm weiter das Leben schwer. Mein Sohn sagt, sie habe ihn mit einem "Fluch" belegt, aber er versteht nicht, warum. Neulich bekam er eine Sechs, wegen Abschreibens. Das ist doch nicht Harvard! Das ist ein Kindergarten!
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie überrascht über die internationalen Reaktionen?
Blackwell: Ich bin wahnsinnig gerührt und dankbar. Alles fing damit an, dass ich mich an den lokalen Fernsehsender KXXV-TV gewandt habe mit der Bitte um Hilfe. Die berichteten als erste darüber, und dann verbreitete sich die Geschichte wie ein Lauffeuer. Ich habe Zuspruch aus der ganzen Welt bekommen, aus Hawaii, Hongkong, Harlem und Deutschland.
SPIEGEL ONLINE: Was können Sie als nächstes tun?
Blackwell: Ich mache mir Vorwürfe, bisher nicht genug getan zu haben. Ich werde also in die nächste Instanz gehen. Ich kann nicht aufgeben und das einfach so hinnehmen. Das schulde ich meinem Sohn.
Das Interview führte Marc Pitzke
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